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Der um 1800 gebaute „König“ musste 1976 der Frondsbergauffahrt und einem Parkhaus weichen

Vom Pferdemarkt-Gasthof zum Politikum

Tübingen. Heute steht in der Herrenberger Straße 2 ein Parkhaus. Ein in den Berg gebauter Komplex, dessen Name an eines der älteren Tübinger Wirtshäuser erinnert: den „Gasthof zum König“. Das um 1800 vor dem ehemaligen Schmiedtor erbaute Haus an der Ausfallstraße zum Gäu wurde in den 1970er Jahren zum Politikum. Die „Vereinigten Bürgerinitiativen“ aus der Süd- und der Weststadt wehrten sich (unter anderem mit einem Straßenfest vor dem „König“) gegen dessen Abriss und den Bau der vierspurigen Frondsbergauffahrt. Erfolglos, im August 1976 wurde der „König“ abgerissen.

23.04.2011
  • Matthias Stelzer

Damit verschwand ein Gasthaus aus Tübingen, dem die „Königsgesellschaft Roigel“ ihren Namen verdankt. Ein Wirtshaus, das einst über ausgedehnte Stallungen und Wagenremisen verfügte. Im „König“ spannten die Bauern aus dem Gäu an Tübinger Markttagen die Pferde aus. Der Platz vor dem Wirtshaus (vor dem heutigen Volksbank-Gebäude) war einer der belebtesten in der Stadt. Die Ross- und Ochsenmärkte fanden dort statt. Und wer es sich leisten konnte, ließ die Markttage entweder im „König“, bei „Kraut und Schweinernem“ oder im bis zum Abriss 1939 benachbarten „Engel“ ausklingen, der auch „Alter Engel“ genannt wurde.

Der Kutscher der Königin

Vom Pferdemarkt-Gasthof zum Politikum
Eine Weihnachtsfeier im „König“: Die hier im Jahr 1898 versammelten Herren sind Mitglieder der Tübinger Buchhändlervereinigung „Insel“. Mit der Gründung des etwa zur gleichen Zeit entstandenen Insel-Verlags hatten die Tübinger nichts zu tun.

Die bedeutendste Wirtsfamilie des „König“ waren die Heldmaiers. Von 1898, als der Privatier Ulrich Heldmaier aus Böblingen die Gaststätte übernahm, bis 1958, als Otto Heldmaier das Lokal verpachtete, war der „König“ ein renommierter Familienbetrieb. Hochzeiten und andere Gesellschaften stiegen gerne in der Herrenberger Straße ab. Dafür sorgte vor allem Carl Heldmaier, der von 1901 bis 1951 Chef im „König“ war. Der Pferdenarr und Rittmeister der Tübinger Stadtgarde war ein geradezu legendärer Tübinger. Einer, der im breitesten Schwäbisch Witze erzählte, Hinz und Kunz in der Stadt kannte und sogar im Auftrag des Württembergischen Königshauses stand.

Carl Heldmaier „brachte mit seinem Einspänner früher alle Besucher der Königin Charlotte von Württemberg nach Bebenhausen“, hieß es 1955 im Nachruf der „Tübinger Chronik“ auf Heldmaier. Carls Sohn Otto, der als Spätheimkehrer erst 1950 aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte, führte das Lokal mit sechs Gästezimmern im ersten Stock und drei Schankräumen im Erdgeschoss nur noch wenige Jahre weiter.

Danach wechselten die Wirtsleute des „König“ in schneller Folge. Als zu Beginn der 1960er Jahre der Koch Heinz Kujath den „König“ führte, begann man sich in Tübingen Sorgen um den Niedergang des Traditionshauses zu machen. In einem Bericht, den das Ordnungsamt der Stadt Tübingen bei er örtlichen Polizei angefordert hatte, hieß es seinerzeit: „Die Gaststätte ,König’ ist seit der Übernahme durch den Gastwirt Kujath ein übelbeleumdetes Lokal geworden, in dem ein internationales und asoziales Publikum verkehrt.“ Tatsächlich häuften sich die Sperrstunden-Probleme – auch, weil die in Tübingen stationierten französischen Soldaten das Wirtshaus zu einem ihrer Stammlokale gemacht hatten.

Vom Pferdemarkt-Gasthof zum Politikum
Das Tübinger Gasthaus „König“ um 1900 (unter der 1894 eröffneten Nervenklinik). Rechts neben dem „König“ stand der „ Alte Engel“.

Von 1963 an war dann die Familie Merten Pächter des „König“. Rudolf Merten, ein gebürtiger Mühlheimer (Ruhr) mit ansehnlichem Vorstrafenregister, versuchte, im „König“-Nebenzimmer eine „Twist-Bar“ zu etablieren. Anfangs beantragte er bei der Stadtverwaltung noch Sperrzeitverkürzungen für den „Barbetrieb auf 38 Quadratmetern“, später verzichtete er – Polizeiberichten zufolge – häufig auf die städtische Erlaubnis.

Im Tagesbericht der Tübinger Polizei vom 19. Februar 1965 ist außerdem eine Körperverletzungs-Anzeige gegen den Wirt vermerkt, er hatte einem späten Gast „absichtlich den Stuhl unter dem Hintern weggezogen“. Beim Polizeiverhör lieferte Merten die Begründung, die der Protokollant so formulierte: „Angeblich gefiel ihm die ,Pilzfrisur’ des Gasts nicht."

Pilzköpfe sah man im „König“ bis zu seinem Abriss aber noch viele. Denn auch nach der Ära Merten blieb die Wirtschaft ein Anlaufpunkt für das jüngere, studentische Publikum. Von 1973 an war der „König“ in griechischer Hand bis im Frühjahr 1976, als der vorletzte Pächter Dimitrios Canoutsos aufhörte. Letztgenannter in den Konzessionsakten des „König“ ist Volker Schillgalies. Er soll das Wirtshaus im Juli 1976 übernommen haben. Ob er vor dem Abriss am 17. August 1976 noch öffnen konnte, ist aus den Akten nicht ersichtlich.

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23.04.2011, 12:00 Uhr

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