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Aller Wohlklang weicht

Vom Rottenburger Dom lärmen wieder die Rätschen

Mit dem Gloria verstummen am Gründonnerstag in katholischen Kirchen alle Glocken. An Stelle ihres hellen Klangs tritt der kakophonische Krach der Rätschen. Am Karfreitag um 15 Uhr, der symbolischen Todesstunde Jesu, verstummen auch sie.

05.04.2012
  • Fred Keicher

Rottenburg. Rätschen ist ein harter Job, aber ein beliebter, sagen die Oberministranten Rafael Steur und Moritz Liss. „Vielen gefällt das“, sagt Liss. „Und freiwillig kann man auch kommen“, ergänzt Steur. Gerätscht wird oben auf dem achteckigen Umgang des Turmhelms morgens um 6.30, mittags um 12 und abends um 18.30 und zu den Gottesdiensten. Jedes Mal werden 20 Ministranten eingeteilt. „Da braucht man alle“, sagt Steur. 80 Ministrant(inn)en gibt es am Dom, davon sind 30 Mädchen.

Vor drei Jahren hat es am Karfreitag frühmorgens geschneit, als er oben war, erzählt Liss. Natürlich ist das kein Hindernis, ordentlich zu rätschen. Die Rätschordnung geht so: 20 Sekunden rätschen, 20 Sekunden Pause, in der werden die Rätschen eine Ecke weiter bewegt. Das wiederholt sich acht Mal. Wenn die Rätschen wieder an ihrem Ausgangspunkt sind, wird zehn Minuten am Stück gerätscht: „Das geht ganz schön in die Knochen, besonders die jüngeren sind dann froh, wenn sie abgelöst werden“, sagt Steur. Zum Abschluss halten die Ministranten in der Turmstube eine kleine Andacht, die mit einem Impulsreferat abgeschlossen wird. Rätschen ist nicht nur ein Ministranten-Jux. Das sinnlose, lärmende Holzgeratter der Rätsche symbolisiert den Tod Jesu, mit dem aller Wohlklang aus der Welt gewichen ist.

Die Rätsche ist ein Holzkasten, etwa 80 Zentimeter lang, 40 breit und 30 hoch. Darauf sind Holzfedern mit Hammerköpfen gespannt, die von einer gezähnten Walze hochgehoben werden und mit Karacho wieder auf die Oberfläche knallen. Die Walze drehen ist Ministrantenarbeit. Sie hat kein Kugellager, dabei knirscht Holz auf Holz. Geschmiert wird mit Sonnenblumenöl. Oben auf dem Turm gibt es einige Flaschen davon.

Auch das Instandhalten der Rätschen, sogar der Neubau, ist Ministrantenarbeit. „Aber das ist nicht schwierig“, sagt Liss. „Wir kennen ja viele ehemalige Ministranten. Da kann man sich Hilfe holen“. Der 17-jährige Liss, er besucht das Wirtschaftsgymnasium, ist eigentlich der stellvertretende Oberministrant. Aber Steur (20, Abitur am St.-Meinrad-Gymnasium) sagt, dass sie auf diesen Unterschied keinen Wert legen. Die Oberministranten werden übrigens nicht ernannt, sondern von den Ministranten gewählt. Sie stehen einem 20-köpfigen Leitungsgremium vor,, das unter anderem die Dienstpläne für die Ministranten erstellt.

Die Karwoche und Ostern gehören zu den Hauptarbeitszeiten für die Ministranten. Beim Gründonnerstagsgottesdienst werden die katholischen Kirchen buchstäblich leergeräumt. Aller Altarschmuck verschwindet, die Kreuze sind verhängt, die Kerzen werden hinausgetragen, das Ewige Licht erlischt, der Tabernakel steht offen. Nicht nur die Turmglocken,, auch die Sakristeiglocke und die Altarglöckchen ertönen nicht mehr. In St. Moriz werden sie durch Klappern ersetzt (kleines Bild), die mit ihrem hohlen Klang schaurig durch den Kirchenraum klingen.

Zum letzten Mal rätschen die Dom-Ministranten beim Osternachtsgottesdienst am Samstag. Die Rätscher müssen dann allerdings oben bleiben: „Das würde zu viel Krach machen, wenn wir runtergingen, die Gottesdienstbesucher im Dom würden uns hören.“ Die oben verharren in der Turmstube und erleben, wie unter ihnen die Osterglocken erklingen. Früher, sagt Steur, hätte der Turm ganz schön geschwankt beim Läuten. Aber jetzt, seit die große Martinus-Glocke oben hängt, hätte sich das ausbalanciert. Anfangs hätte er leichte Höhenangst gehabt, erzählt Steur mit einem Lächeln, die hätte sich aber hier oben auf dem Turm in alle Winde zerstreut.

Vom Rottenburger Dom lärmen wieder die Rätschen
Rafael Steur (links) und Moritz Liss mit den sieben Rätschen im Raum unter der Turmstube des Rottenburger Doms. Bilder: Mozer

Vom Rottenburger Dom lärmen wieder die Rätschen

Dass die Protestanten an Karfreitag munter die Glocken läuten, ist im katholischen Umfeld oft als Provokation empfunden worden (reden will darüber niemand mehr). Auch wenn es wie in Rottenburg kaum auffiel, weil die evangelische Kirche am Neckar nur drei kleine Glocken hat. „Ein Zimbelgeläut“, wie der katholische Dompfarrer Harald Kiebler nachsichtig sagt. Dass die Rottenburger Protestanten trotzdem seit Jahren das Glockenläuten eingestellt haben, sei aber katholischerseits als „ein positives Zeichen Richtung Ökumene“ aufgefasst worden, sagt Diözesankonservator Wolfgang Urban, der als Diakon der Morizkirche direkter Nachbar der Evangelischen Gemeinde ist. Deren Pfarrer Jürgen Huber bestätigt den Verzicht aufs Glockenläuten aus Rücksicht. Das sei schon so gewesen, als er in Rottenburg aufzog. „Für mich persönlich ist es ein großer Verlust. Aber das soll für Karfreitag stehen, der ja von Verlust und Trauer geprägt ist.“fk

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05.04.2012, 12:00 Uhr

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