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Vom Schicksal eines Schicksallosen
Liebte die deutsche Sprache und Kultur: Imre Kertesz. Foto: dpa
Zum Tod des ungarischen Literatur-Nobelpreisträgers Imre Kertesz

Vom Schicksal eines Schicksallosen

Zuletzt war es stiller geworden um Imre Kertesz. Der schwer kranke Autor hatte sich in seine Geburtsstadt Budapest zurückgezogen. "Ich bin sehr müde", sagte er 2013 der "Zeit". Gestern starb der große Erzähler.

01.04.2016
  • PETER KOHL JOACHIM HEINZ, KNA

Budapest. Die Hölle in zwei Sätzen zusammengefasst: Im Alter von 14 Jahren wurde der in Budapest geborene Imre Kertesz 1944 nach Auschwitz deportiert, zusammen mit tausenden anderen ungarischen Juden. Später kam er nach Buchenwald und in das Nebenlager Zeitz.

Die Zeit im KZ sollte Leben und Werk von Kertesz prägen. Im "Roman eines Schicksallosen" hat er auf verstörende Weise Zeugnis davon abgelegt. 2002 erhielt er dafür den Literaturnobelpreis. Gestern ist Kertesz in Budapest gestorben, nach langer Krankheit und im Alter von 86 Jahren.

Der "Roman eines Schicksallosen" ist das Buch, das Kertesz Weltruhm begründete. Und das, obwohl er noch viele andere Texte verfasst hat.

Auch andere Schriftsteller von Rang wie Primo Levi und Jorge Semprun haben von ihrem Leben im KZ berichtet, aber Kertesz schlägt im "Roman", an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat und der erst 1975 in Ungarn erscheinen durfte, unerhörte Töne an. Die Beobachtungen des jugendlichen Ich-Erzählers sind frei von Empörung und psychologischer Begründung. Staunend, unwissend, neugierig nimmt er die Massenvernichtung wahr. Sein Ich verschwindet hinter einer quasi-objektiven Wahrnehmung des Grauens um ihn herum, das er emotionslos schildert.

"Schicksallosigkeit" ist für Kertesz ein anderer Ausdruck für die Fremdbestimmtheit des Menschen unter totalitären Bedingungen. Ein Schicksal kann nur haben, wer die Freiheit der Wahl hat. Die konnte es in der Vernichtungsmaschinerie des NS-Systems nicht geben.

Auch die Einschränkung der Freiheit im kommunistischen Ungarn hat Kertesz erfahren und durchlitten. Nach dem niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand von 1956 durfte er als Schriftsteller und Übersetzer vor allem deutscher Literatur nur noch eingeschränkt publizieren. In dem Roman "Fiasko" schildert er die Existenzbedingungen eines Schriftstellers in einer bürokratischen Diktatur und die verwickelte Entstehungsgeschichte seines Hauptwerkes, um die auch die im "Galeerentagebuch" (1991) versammelten Aufzeichnungen kreisen.

Mehrmals hat er zuletzt die Entwicklung in Ungarn kritisiert. Er warnte vor Geschichtsvergessenheit und neuem Antisemitismus. Als Gastredner des Bundestages las Imre Kertesz am 29. Januar 2007 anlässlich des Gedenktages der Befreiung von Auschwitz aus "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind". Es ist der Monolog eines Holocaust-Überlebenden, der kein Kind in diese Welt setzen will.

Kertesz bislang letzte Veröffentlichung, das Tagebuch "Letzte Einkehr" (2013), trägt Züge von Verbitterung. Er beklagt sich darüber, den "Holocaust-Clown" gespielt zu haben: "Ich bin es leid, zur Institution geworden zu sein."

Im Herbst soll der letzte Tagebuchband "Der Betrachter - Aufzeichnungen 1991-2001" in Deutschland erscheinen. "Das Leben ist banal, katastrophal und schön", lautete sein Credo. In der "Zeit" klagte er 2013, zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, bei der die Nazis über die Auslöschung der europäischen Juden berieten, nicht in die Wannsee-Villa gegangen zu sein. Warum? "Das ist doch eine Karriere, von Auschwitz bis zu dem Platz, an dem Göring gestanden hat. Stellen Sie sich das vor!"

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01.04.2016, 06:00 Uhr

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