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Vom Spätzle-Song zum Carbonara-Tanz
Tanz, Licht, Visuals: Eric Gauthier als doppelter Solist in „The Gift“. Foto: Regina Brocke
Theaterhaus

Vom Spätzle-Song zum Carbonara-Tanz

Ein vielseitiger Abend voll Ballett, Musik, Comedy und Träumen: Eric Gauthier verabschiedet sich mit „The Gift“ von seiner Karriere als Tänzer.

23.03.2018
  • CLAUDIA REICHERTER

Stuttgart. War das nicht Eric Gauthier, der sich da eben im Theaterhaus-Saal T 2 in die zweite Reihe gesetzt hat? Wohl kaum. Der Gauthier-Dance-Chef, Choreograf und Tänzer soll ja gleich auf der Bühne stehen. Solo. Da wird er sich wenige Minuten vor Beginn backstage umziehen und aufwärmen. Der Herr im Anzug sieht ihm nur sehr ähnlich.

Schon wird es dunkel im Saal. Ein Knall, und ein Tonbandgerät knattert los. Auf einem Tisch auf der Bühne und zugleich im Film auf der dahinter gespannten Leinwand. Eine tiefe Stimme: „When was the first time you paid attention to your breathing?“ Tiefschürfende Fragen folgen: Wenn du es nochmal angehen könntest, würdest du dein Leben anders leben? Das Unberührbare berühren? Würdest du überhaupt du sein wollen? Da steht der Herr in der Mitte der zweiten Reihe auf, klettert geschmeidig über den leeren Platz vor ihm, steigt auf die Bühne und geht langsam auf die Leinwand zu. Die zeigt nun ihn. Von der Seite. Dann von vorn.

War's also doch Eric Gauthier. „Sacré!“, möchte man auf Französisch ausrufen, in der Muttersprache des Kanadiers, der 1996 seinem Landsmann Reid Anderson ans Stuttgarter Ballett gefolgt war. So was! Oder: So einer aber auch!

Sein guter Freund Itzik Galili hat dem gerade 41 gewordenen dreifachen Vater das Solo-Stück auf den Leib choreografiert. Der will sich damit nach mehr als 18 Jahren von seiner Tänzerkarriere verabschieden. Das hat Gauthier vor eineinhalb Jahren so beschlossen. Wobei er im Gespräch gleich wieder ein wenig zurückrudert: „Ich sage nicht, dass ich komplett aufhöre zu tanzen, aber das ist jetzt mein letzter großer Streich. Allein auf der Bühne, einen ganzen Abend, ich glaube, das mach' ich nie wieder.“

Das Stück heißt „The Gift“, Englisch für „Gabe“, mit der Doppelbedeutung Geschenk und Begabung. Für Gauthier ist es erstmal ein Geschenk Galilis für ihn. Zugleich macht er damit seinem Publikum ein Geschenk, das ihm vor elf Jahren, als er vom Staatsballett ans Theaterhaus wechselte, wo er seine eigene Compagnie gründete, die Treue hielt.

Als Begleiter „für diese Reise“ hatte er sich Galili gewünscht: „Der kann wie ich total tief, aber auch voll lustig sein.“ In diesem stellenweise ernsten und dann tatsächlich wieder zum Piepen komischen 70-minütigen Tanz-Gesangs-Comedy-Konglomerat gibt jener Gauthier zudem Gelegenheit, seine vielfältigen Begabungen zu zeigen: im Klassischen, Ausdrucks- und Modernen Tanz – zwischen Pirouetten und Moon Walk darf er auch mal wie ein Basketballer in die Höhe springen. Aber auch als Performer, der ohne außer Atem zu geraten beim Tanzen ins Headset spricht – und sich zugleich vom ebenfalls multitaskingfähigen Rainhardt Albrecht-Herz von allen Seiten filmen lässt.

Dazu ist Gauthier bekanntlich Sänger, Songwriter und Gitarrist. Mit 25 Jahren habe er an Reid Andersons Tür geklopft und gesagt, „ich zieh' nach London, ich will Musiker werden“, erzählt er im Stück. Der Ballettchef bat ihn gelassen, am nächsten Tag wiederzukommen. Bis dahin hatte er es sich zum Glück anders überlegt.

Vor allem jedoch zeigt sich Eric Gauthier auch hier als Begeisterer. Der einstige Solist und Publikumsliebling des Stuttgarter Balletts spielt an diesem Abend zwar nicht seinen auf Youtube tausendfach angeklickten „Spätzle-Song“, doch unterrichtet er das Publikum im ebenso hitverdächtigen Carbonara-Massen-Tanz. „Jamie Oliver des Tanzes“ hat ihn vor zwei Jahren jemand genannt. Das gefällt ihm. Kollege Oliver bringe schließlich die meisten Nicht-Köche zum Kochen. Und er selbst liebe es, Menschen, die eigentlich nicht tanzen, zum Tanzen zu animieren. Bei der Uraufführung von „The Gift“ am Mittwoch gelingt ihm das spielend.

Das technisch aufwändige Stück mit seinen wohldosierten Stimmungswechseln und der wirkungsvoll eingesetzten Lichtdramaturgie auf Gudrun Schretzmeiers denkbar schlichter Bühne zu Musik zwischen Debussy, Brel und Radioheads Jonny Greenwood wird frenetisch bejubelt. Schon vor der Premiere waren mehr als 7000 Karten verkauft worden, zusätzliche Termine sind in Planung. Nach der Premiere gibt das dem Tänzer Eric Gauthier neuen Antrieb: Auf der Bühne zu stehen und seinen Körper zu bewegen, auf welche Art auch immer, davon werde er nicht ganz lassen, versichert er. „Die Lust ist auf jeden Fall wieder da – wegen ,The Gift'“. Das mache er jetzt erstmal zwei Jahre . . .

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23.03.2018, 06:00 Uhr

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