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Vom Verlierer zum  Nobelpreisträger
Juan Manuel Santos bei einem Interview mit unserem Lateinamerika-Korrespondenten Tobias Käufer vor einigen Monaten. Foto: swp
Kolumbien

Vom Verlierer zum Nobelpreisträger

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos erlebt eine Woche zwischen Scheitern und Triumph. Nun soll er den Frieden mit der Farc-Guerilla retten.

08.10.2016
  • TOBIAS KÄUFER

Bogotá. Die Nachricht aus Oslo überbrachte ihm sein Sohn Martin in aller Herrgottsfrühe. Um 4 Uhr Ortszeit klingelte im Präsidentenpalast in Bogotá das Telefon: Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos bekommt den Friedensnobelpreis. Die Auszeichnung soll nach dem Nein bei der Volksabstimmung eine Wende in den ins Schlingern geratenen Friedensprozess bringen. Und sie rettet die Präsidentschaft des angeschlagenen Staatsoberhauptes.

Santos wirkt überrascht, als ihn das Nobelpreiskomitee am Morgen anruft. Er spricht zwar perfekt Englisch, aber diesmal überschlägt sich seine Stimme. Das ist ungewöhnlich für den gelernten Journalisten, der es gewohnt ist, langsam und eindringlich zu sprechen, um seine Botschaften zu platzieren.

Santos kämpft nicht nur mit der Müdigkeit, er kämpft auch mit seinen Emotionen. „Vielen Dank. Danke“, sagt er hektisch ins Telefon. Er sammelt sich. „Das ist ein Preis für die Millionen Opfer dieses Krieges.“ Derweil jubelt die Tageszeitung „El Tiempo“, das wichtigste Blatt im Land: „Historisch – Juan Manuel Santos Friedensnobelpreisträger“. Zuvor hatten Kolumbiens Medien den Traum vom Friedensnobelpreis bereits beerdigt: Keine Chance mehr nach dem Nein, waren sich „El Tiempo“, „El Espectador“ und „Semana“ einig. Es sollte anders kommen. Wie so oft wusste Oslo zu überraschen.

Sein Lebenswerk schien kaputt

Juan Manuel Santos ist zurück. Nur knapp eine Woche nach dem dramatischen Nein bei der Volksabstimmung über den Friedensvertrag mit der linken Farc-Guerilla, das alles in Frage stellte: Den Frieden mit den Rebellen, Santos' Präsidentschaft, ja seine gesamte Lebensleistung.

Vier Jahre lang hatten die Unterhändler von Regierung und Farc in Kubas Hauptstadt Havanna um den Friedensvertrag gerungen. Am Ende umfasste das Papier 297 Seiten. Es war ein Abkommen, das viele handwerkliche Fehler enthielt und damit angreifbar war für die Gegner aus dem rechtskonservativen Lager. Vor allem die geplante politische Beteiligung bisheriger Guerilleros sowie deren juristische Sonderbehandlung waren umstritten. Auch für schwerste Verbrechen sollte es maximal acht Jahre Haft geben. Doch Santos stand zu dem Vertrag. Er fühlte sich sicher. Zu sicher. Mit knapper Mehrheit lehnte das Volk den Vertrag im Referendum ab.

Doch seit dem Nein geht ein Ruck durchs Land. Während die internationale Presse den Krieg wieder herbeischreibt, geschieht in Bogotá, Medellin und Cali Außergewöhnliches: Endlich kommt Rückendeckung aus der Bevölkerung. In Bogotá marschierten zehntausende Studenten mit Kerzen und weißen Hemden zur Plaza Bolivar im Herzen der Stadt. Der Amtssitz des Präsidenten liegt nur einen Steinwurf entfernt. Santos konnte hören, wie seine Landsleute die Nationalhymne sangen.

Santos forderte das Nein-Lager auf, Farbe zu bekennen. Es müsse schnell gehandelt werden, damit der Friedensprozess nicht in tausend Stücke zersplittere, forderte er. Seit gestern kann er das mit der moralischen Autorität eines Friedensnobelpreisträgers tun. Sie gibt ihm eine zweite Chance zu retten, was seit Sonntag verloren schien.

Auch Santos' Gegenspieler Alvaro Uribe ist nun gefordert. Während Uribes Präsidentschaft jagte Santos die Farc-Rebellen als Verteidigungsminister und befreite die grüne Politikerin Ingrid Betancourt aus der Geiselhaft. Die internationale Anerkennung nach diesem gewaltfreien Coup war es, die Santos veränderte. Fortan suchte er im Gegensatz zu Uribe das Gespräch mit der Guerilla. Darüber zerbrach ihre politische Freundschaft.

Eine zweite Chance

„Präsident Santos hat alles für den Frieden riskiert“, sagte Papst Franziskus noch vor einigen Tagen im Vatikan. Der Satz war als Rückendeckung für die Volksabstimmung gedacht. Mit dem Preis aus Oslo geht Santos nun wieder deutlich gestärkt in die letzten beiden Jahre seiner Amtszeit.

Das Nobelpreis-Komitee wollte mit der Auszeichnung den am Rande des Scheiterns stehenden Friedensprozess unterstützen, der durch das Nein der Kolumbianer neu ausgehandelt werden muss. „Die Tatsache, dass eine Mehrheit der Wähler Nein zu dem Friedensabkommen gesagt hat, heißt nicht zwingend, dass der Friedensprozess gestorben ist“, steht in der Begründung. „Das Referendum war keine Abstimmung für oder gegen den Frieden.“ Präsident Santos habe klargestellt, „dass er bis zu seinem letzten Tag im Amt weiter auf Frieden hin arbeiten will“, sagte die Vorsitzende des Nobelkomitees Kaci Kullmann Five.

Sehr verhalten reagierte die Farc auf die Auszeichnung für Santos. „Den einzigen Preis, den wir anstreben, ist der Frieden mit sozialer Gerechtigkeit ohne Paramilitarismus, ohne Vergeltung und Lügen“, schrieb Farc-Kommandeur Rodrigo „Timochenko“ Londoño auf Twitter. „Timochenko“, Santos' Verhandlungspartner in den Friedensgesprächen, ging leer aus. Ein Friedensnobelpreis für den Rebellenkommandeur wäre wohl nur schwer zu vermitteln gewesen: „Timochenko“ wurde wegen Mordes, Entführung und Rebellion in Abwesenheit zu fast 200 Jahren Haft verurteilt.

Am Freitagmorgen ist das alles vergessen. Santos' Frau María Clemencia Rodríguez de Santos steht hinter ihm. Mit weißer Bluse umarmt sie ihren Mann im Präsidentenpalast. Nach einer Woche voller Demütigungen in den sozialen Netzwerken ist das das Bild des Tages. Juan Manuel Santos ist wieder zurück. Und diesmal sogar ein bisschen stärker als zuvor.

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08.10.2016, 06:00 Uhr

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