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Von Formeln zu Formen
Noch Mathe oder schon Kunst? Ein Ikosaederstern bei „Mind and Shape“ . Foto: © Museum Uni Tübingen
Forschung

Von Formeln zu Formen

Wissenschaftlicher Ehrgeiz und ästhetischer Anspruch: Die Tübinger Ausstellung „Mind and Shape“ zeigt mathematische Modelle aus 150 Jahren.

24.01.2017
  • MADELEINE WEGNER

Tübingen. Eine Spirale aus weißem Gips dreht sich gen Himmel, sie wirkt wie die Miniaturausgabe einer antiken Säule. Zwischen Rahmen gesponnene Fäden bilden eine bunte Oberfläche aus filigranen Einzelteilen. Auf einem der großflächigen Bilder rotieren schwarze durchscheinende Kreise auf weißem Grund.

Manche der Objekte in den Vitrinen und an den Wänden des mathematischen Instituts der Universität Tübingen könnten ebenso gut in einer Galerie für moderne Kunst zu sehen sein. „Mind and Shape“ heißt die Dauerausstellung auf der Tübinger Morgenstelle. Sie zeigt mathematische Modelle aus über 150 Jahren. Doch die Objekte sind nicht nur für Mathematiker, sondern auch für Laien interessant. Denn viele der Modelle genügen neben wissenschaftlichen auch ästhetischen Ansprüchen.

Keplersche Sternenkörper, das Schwingen einer Saite, Pseudosphären, Singularitäten und eine vom Motorenerfinder Rudolf Diesel gefertigte Serie: Die meisten der rund 150 Modelle haben Studenten im 19. Jahrhundert im „Münchner Modellierkabinett“ unter Alexander Brill angefertigt. Brill kam 1884 nach Tübingen und brachte die Modelle mit. Die Objekte dienten nicht nur der Anschauung, sondern sollten auch zu weiterer Forschung anregen.

Wieder ans Licht kamen die Modelle durch einen Kellerfund. Im Jahr 2013 musste ein Großteil der Modelle, die nun präsentiert werden, aus dem Keller des Hörsaalzentrums geräumt werden. Wie es der Zufall wollte, hatte das Zoologische Institut zur gleichen Zeit Schrank-Vitrinen abzugeben. Die Tübinger Kunsthalle bot zudem günstig Tisch-Vitrinen an.

Polyeder aus bunter Pappe

Die Keller-Jahre hatten an so manchem Objekt Spuren hinterlassen. Ein Restaurator der Archäologie kümmerte sich deshalb um die beschädigten Gips-Modelle, in der Werkstatt der Unibibliothek retteten Buchbinder die fragilen Polyeder, die aus bunter Pappe zusammengeklebt waren. Zusammen mit dem Museum der Universität Tübingen planten und konzipierten die Mathematiker die Dauer-Ausstellung.

„Ein fantastisches Projekt!“, schwärmt Ernst Seidl, der Leiter des MUT. „Mind and Shape“ ist eine von über 60 Sammlungen an der Universität – damit ist Tübingen bundesweit Spitzenreiter. Es sei essentiell, sagt Seidl, diese Sammlungen stärker für Forschung und Lehre nutzbar zu machen, sie außerdem in die Öffentlichkeit zu bringen.

„Die Sammlung ist unglaublich geeignet, in die Lehre einbezogen zu werden“, sagt auch Karin Amos, Pädagogik-Professorin und Prorektorin für Studium und Lehre. Sie verweist zudem auf Friedrich Fröbel, der mathematische Formen als Spiegel des Geistes verstanden habe.

Laut Professor Frank Loose, der für die Ausstellung von mathematischer Seite aus verantwortlich ist, seien am Institut im Zusammenhang mit den historischen Modellen Seminare und Abschlussarbeiten denkbar und geplant. Auch Schulklassen hätten sich bereits für einen Besuch der Sammlung angemeldet.

Wie alt-ägyptische Ornamente

Die Schau soll einerseits jedem Interessierten Einblicke in die Gedankenwelt der Mathematik ermöglichen, andererseits den Studenten und Forschern wissenschaftlich nutzen. Zugleich dokumentiert die Schau ein Stück Fachgeschichte.

Doch den historischen Modellen stehen moderne digitale Versionen gegenüber: Auf einem großen Touchscreen-Bildschirm im Foyer des Mathe-Instituts laufen verschiedene Computer-Programme, mit denen jeder Besucher selbst herumprobieren kann, wie anhand einer Formel eine Form im Raum entsteht. Die Geometrie-Programme geben unter anderem Antworten darauf, was Symmetriegruppen mit den Ornamenten im Alten Ägypten zu tun haben, ob es richtige Weltkarten geben kann und wie eine Zahl eine ganze Form verändern kann.

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24.01.2017, 06:00 Uhr

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