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Einkaufen

Von Kriegern und Sammlern

Wann, ob und wie viel Nachschub kommt, ist in diesen Zeiten unsicher. Jetzt zeigt sich, welcher Beschaffungstyp Mann oder Frau ist.

28.03.2020

Von André Bochow

Reiche Beute im Coronavirus-Alltag: Ein Mann schleppt Toilettenpapier und Küchenrollen aus einem Supermarkt. Foto: Rene Traut/dpa

Die Corona-Krise hat in Sachen Bevorratung sofort die erwartbaren nationalen Besonderheiten zutage gefördert. Franzosen horteten Wein, die Deutschen Klopapier, die Amerikaner Munition. Seit hierzulande nur die allerlangsamsten Haushalte demnächst ratlos vor der Keramikschüssel stehen, deuten sich neue Verteilungskämpfe an. Ein Hauch von DDR durchweht Deutschland.

Zögerer und Zauderer sollen hier keine weitere Erwähnung finden, das sind diese langsamen Menschen, die Großeinkäufe für unsolidarisch oder unfein halten und die nun ohne Klopapier da sitzen. Den gegenteiligen Typ vertreten die

Corona-Egomanen Sie nutzen die Lücken, die durch die vorgezeichneten Sicherheitsabstände entstehen, wie Lückenspringer im Berufsverkehr und sind plötzlich die ersten an der Kasse. Die Egomanen mit einem Restgewissen murmeln noch ein „sorry, habe die Markierungen gar nicht bemerkt“. Die ohne Restgewissen prüfen seelenruhig den Kassenbon. Höflich, korrekt, aber extrem kämpferisch sind die

Corona-Krieger Meist sind es Eltern, die auch in Notzeiten, besser gesagt, gerade in diesen, dem Nachwuchs Nutella, den Lieblingsjoghurt und Pizza Salami bieten wollen. Sie wühlen so lange in den Regalen und Tiefkühltruhen, bis sie haben, was sie suchen. Wenn sich das Gesuchte aber nur noch im Einkaufswagen anderer findet, könnte es mit der Korrektheit schnell vorbei sein. Die Krieger wähnen sich im Recht. In normalen Zeiten kämpfen sie um Kita- oder Schulplätze oder gegen die schlechte Benotung der eigentlich hochbegabten Kinder. Deutlich freundlicher, weil eigentlich voller Angst sind die

Corona-Paniker Ihre Einkaufswagen bersten vor Waren, von denen sie vor der Krise nicht einmal ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Vor allem Artikel, die dem weit gefassten Verständnis von Vorsorge zuzurechnen sind, gehören nun zum täglichen Bedarf. Desinfektionsmittel, Seifen, Gummihandschuhe, Gummistiefel, Arbeitsschutzkleidung für Schweißer, Wasseraufbereitungstabletten und außerdem Lebensmittel, die ewig halten, aber eigentlich unverdaulich sind, wie Trockenerbsen, Trockenbohnen und Dosenravioli. Der schlimmste Feind der Paniker sind die

Aufpasser Von denen gibt es zwei Sorten, die beauftragten und die selbstbeauftragten. Die erste Gruppe besteht aus Mitarbeitern des Einzelhandels und aus angeheuerten Security-Leuten. Sie achten darauf, dass nur Einzelpersonen in den Baumarkt gelangen und die Ehepartner oder sonstige Begleitpersonen draußen bleiben. Außerdem stellen sich die Beauftragten den Hamsterern entgegen, die wiederum entweder Paniker oder Aufkäufer sind (zu Letzteren gleich mehr).

Noch furchterregender als die Beauftragten sind die Selbstbeauftragten. Es sind die, die sich gern auch in Bürgerwehren oder Anti-Spielplatz-Initiativen versammeln. Einzeln treten sie im Grunde wie Polizisten auf. Kauft jemand mehr als zwei Tafeln Schokolade, steht der Selbstbeauftragte hinter ihm und zeiht ihn unverantwortlichen Handelns, das bestraft werden sollte. Der Typus ist ein „Wie-kann-man-nur“ auf zwei Beinen und kann bei weiteren Gesetzesverschärfungen schnell zum Denunzianten werden. Ältere DDR-Bürger werden sich erinnern: Es sind Leute des Schlages, die an der Kasse petzten, wenn man sich zweimal angestellt hatte, obwohl doch nur ein Kilo Bananen pro Person abgegeben wurde. Ebenfalls gut bekannt war in der DDR der erwähnte

Aufkäufer Hierbei handelt es sich um Menschen mit geschäftlichem Weitblick und einiger Skrupellosigkeit. Da in Zeiten des Mangels oder der von Panikern und Aufkäufern künstlich verursachten Verknappung niemand weiß, was morgen nicht mehr zu kaufen ist, steht der Aufkäufer bereit, um für einen gewissen Aufpreis die Waren, die er vorausschauend gehortet hat, den Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. In einer weiterentwickelten Phase der Mangelwirtschaft werden eigentlich fast alle zu Aufkäufern und es beginnt der Tauschhandel. Soweit werden es aber die

Ignoranten niemals bringen. Sie haben nichts zu verkaufen und nichts, was sie tauschen können. Denn sie tun stets so, als ob alles normal sei oder als ob es normal sei, auf die Regierung zu hören, die behauptet, es werde keinen Mangel geben. Folglich kaufen die Ignoranten genau so ein wie in Vor-Corona-Zeiten und bekommen letztlich dieselben Probleme wie die Zögerer und Zauderer.

170

Rollen Klopapier im Jahr verbrauchen die Deutschen im Schnitt (à 150 Blätter, dreilagig, 100 Gramm). Dazu eine ungezählte Mengen an Papiertaschentüchern und Küchenrollen.

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Erstellt:
28. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. März 2020, 06:00 Uhr

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