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Hinter den aktuellen Schlagzeilen über Pfronstetten verbirgt sich eine Albgemeinde zwischen Traditionen und neuen Ideen

Von Menschen, Schafen und dem täglichen Brot

PFRONSTETTEN. Eine Gemeinde mit 1600 Einwohnern, 1800 Schafen und einem skandalumwitterten Bürgermeister – das ist Pfronstetten. Über den Wirbel um Schultes Michael Waibel kann auf der Alb niemand mehr lachen. Hinter den Schlagzeilen über Pfronstetten verbirgt sich eine Gemeinde, die mit neuen Ideen ihr ländliches Gesicht wahren will.

18.06.2007
  • Pierre-Christian Fink

Wie Ernst Fauser so im Tiefen Tal bei Aichstetten steht, den Hirtenstab in der Hand, mit breitem Hut und weitem Umhang – und über ihm weiden die Schafe zwischen den Wacholdersträuchern am Steilhang – da fragt man sich unwillkürlich, wo bloß der Fotograf versteckt ist, der diese Postkartenszene arrangiert hat. Aber so sieht es immer aus, wenn der Pfronstetter Schäfer mit einer Herde unterwegs ist. Bis nach Münsingen läuft Fauser mit seinen Schafen, zwanzig Kilometer. Schäfer müssen genügsam sein: Die guten Wiesen gehen meist an die Bauern, die mehr Pacht bezahlen können. Gefragt sind Fausers Schafe vor allem als Rasenmäher für Flächen, die zu steil sind, als dass man sie anders nutzen könnte.

Fauser betreibt die Schäferei mit seinem Vater und seinem Sohn. Die letzten Schäfer von Pfronstetten halten 1800 Mutterschafe, früher waren es einmal 400. Und auch der Stall ist immer größer geworden. Heute verlassen ihn die Schlachtlämmer gar nicht mehr. Die Käufer wollen junges, helles Fleisch, und das gibt es nicht, wenn Schafe mühsam auf Wacholderheiden nach Gras suchen. Also fressen die Lämmer unterm Dach vom Förderband, nur noch Mutterschafe kommen ins Freie. Die Fausers wollen auf Direktvermarktung und Biotourismus setzen. Einen kleinen Hofladen gibt es schon, auch Räume, in denen Gäste auf Stroh schlafen können. Mit Tourismus hatten die Schäfer früher gar nichts zu tun, jetzt bieten sie Übernachtungen in der Schäferkarre. Es gibt Städter, die für so etwas gern bezahlen.

Überhaupt die Städter. Wenn in Pfronstetten am Donnerstag Brot gebacken wird wie schon seit Menschengedenken, dann halten sie mit ihrem Auto manchmal vor dem Backhaus an der Hauptstraße und wollen einen Laib kaufen. Doch verkauft wird hier nichts. Jede Familie bereitet den Brotteig für sich selbst, meist nach altem Rezept. Am Donnerstagmorgen werden die Laibe dann zum Backhaus getragen, wo Rosa Dorfner den Ofen heizt. Was hinter der gusseisernen Holzofenklappe passiert, das muss die Backmeisterin im Gefühl haben. Denn der alte Ofen hat kein Thermometer.

Das Brotgewicht trägt Rosa Dorfner in ein Schulheft ein. Am Jahresende wird abgerechnet. 55 Cent verlangt die Gemeinde, der das Backhaus gehört, pro Kilo. Die Notizen im Heft werden immer weniger. Nur noch 25 bis 30 Familien lassen ihr Brot im alten Ofen backen. „Den Teig machen die Omas“, sagt Rosa Dorfner. „Wenn es die Omas einmal nicht mehr gibt, dann gibt es auch das ganze Backhaus nicht mehr.“

Den Älteren fehlt manches in der Albgemeinde auf rund 700 Metern Höhe. Einen Arzt gibt es nicht, auch keinen Apotheker. Der letzte Laden hat inzwischen dichtgemacht, zum Einkaufen kommt man fast nur mit dem Auto. Busse fahren selten, die späteste Verbindung geht um 18.30 Uhr. Junge Familie bauen trotzdem. Schließlich gibt es in Pfronstetten Kindergarten und Grundschule, außerdem ist das Bauland günstig. Die neuen Häuser stehen akkurat am Dorfrand und leuchten weiß in der Mittagssonne. Durch die Gartenzäune schauen sich Gips-Engelchen an.

Vor dem Herrenhaus sitzen junge Streicher im Halbkreis, vom Bauernhaus klingt eine Querflöte herüber. Ein Jugendorchester probt auf dem St. Georgenhof. Versteckt liegt das Gehöft auf einer Waldlichtung bei Aichstetten, vier stattliche Häuser um den Hof gruppiert. In dem Anwesen hat die Bruderhaus-Stiftung ein Freizeitheim untergebracht. Vor allem Jugendliche kommen hierher, wo sich Wald und Wiesen abwechseln mit Klatschmohnfeldern. Tausende Gäste besuchen jedes Jahr den St. Georgenhof und bescheren der Gemeinde schöne Übernachtungszahlen.

Doch diese Statistik täuscht darüber hinweg, dass der Fremdenverkehr erst langsam im Schwung kommt. Mittlerweile hat sich ein Arbeitskreis Tourismus gegründet. Dessen erstes Großprojekt laufe erfolgreich: Viermal so viele Besucher wie erwartet sind seit der Eröffnung vor einem Jahr zum Phäno-pfad gekommen, sagt Förster Heinz Thumm. Der Naturlernpfad führt durch ein romantisches Tal.

Alle fünfzig Meter staunen die Besucher über die Natur: über Echos, geometrische Formen und das eigene Hörvermögen. Die Stationen am Waldrand sind meist nur aus Holz und Metall und doch ein Mitmach-Museum unter freiem Himmel. Für den großen Sprung in Richtung Tourismus kann der Phänopfad allein wohl nicht sorgen. Dafür fehlen Pfronstetten die Angebote. Sicher, Dorfwirtshäuser mit „gutbürgerlicher Küche“ gibt es noch, aber sonst nicht viel.

Bürgerlich sind die Pfronstetter jedenfalls in der Politik. Bei der letzten Bundestagswahl hat die CDU zwei Drittel der Stimmen geholt. Vielleicht kommt die konservative Bindung aus der Geschichte: Jahrhundertelang gehörten die Pfronstetter Ortsteile zum Kloster Zwiefalten, bis heute ist die große Mehrheit katholisch. Kreuze, Marienfiguren und kleine Kapellen stehen am Wegesrand. Sorgsam gepflegt werden sie, und zu den meisten gibt es eine Geschichte. Wie die vom Wagnermeister, der auf dem Fahrrad nach Rom pilgerte und bei seiner Rückkehr zum Dank eine kleine Kapelle baute.

Pfronstetten ist eine junge Gemeinde mit alten Ortsteilen. Vor über 900 Jahren wurde das erste Dorf gegründet. Heute zählen sechs Orte zur Gemeinde: Aichstetten, Tigerfeld, Geisingen, Huldstetten, Aichelau und der Hauptort. Zusammengefasst wurden sie mit der Gemeindereform in den 1970er Jahren. Den eigenen Charakter der Ortsteile spürt man noch immer.

Etwa in Aichelau, früher das Dorf der reichsten Bauern, heute ein Schmuckstück mit farbenfrohen Fensterläden. Größter Arbeitgeber ist dort Paravan. 70 Mitarbeiter bauen am Dorfrand Autos behindertengerecht um – sogar Sportwagen sind darunter. Aus ganz Deutschland kommen die Kunden.

Vor zehn Jahren hat Geschäftsführer Roland Arnold in der Garage seiner Eltern zum ersten Mal mit so einem Umbau experimentiert. Heute wird in zwei großen Hallen gearbeitet, ein dritter Bau soll bald dazukommen. Von Handwerkerpreisen für Paravan erzählt Marketingchef Tobias Schönleber, von Entrepreneur-Wettbewerben und Innovationsmedaillen. Auf der Wiese nebenan mäht derweil eine alte Bäuerin das Gras. Mit der Sense, ganz wie früher.

Von Menschen, Schafen und dem täglichen Brot
Ein Blick aufs Rathaus der 1600 Einwohner großen Gemeinde PfronstettenHa.

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18.06.2007, 12:00 Uhr

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