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Bahnfahrt durchs Treppenhaus

Von Reutlingen nach Gönningen: 1902 ging das "Gönninger Bähnle in Betrieb

GÖNNINGEN (tea). Amüsant, liebevoll inszeniert und informativ präsentiert sich die Ausstellung „Hundert Jahre Gönninger Bähnle“, die am Freitag im Gönninger Rathaus mit großem Bahnhof eröffnet wurde. Bei der „Bahnfahrt“ durchs Treppenhaus erleben die Passagiere nicht nur technische Details, sondern auch menschliche Einblicke.

03.05.2011

Jetzt werde die Welt an Gönningen angeschlossen, sagte im Frühjahr 1902 der Reutlinger Abgeordnete und Landtagspräsident Friedrich von Payer bei der feierlichen Eröffnung der Bahnlinie zwischen Reutlingen und der traditionsreichen Samenhändlergemeinde. Hundert Jahre später rekapituliert die Kulturwissenschaftlerin Birgit Wallisser-Nuber Geschichte und Geschichten rund um's Gönninger Bähnle.

Eigentlich, sagt sie, müsste man schon viel früher anfangen, denn vierzig Jahre dauerte der Kampf um den Eisenbahnanschluß, vom dem man sich vor allem auch ein Ende der Abwanderung erhoffte. Die Einwohnerzahl war nämlich in den Jahren 1871 bis 1895 von 2500 auf 2000 gesunken. Vier Jahre später fiel die Entscheidung zugunsten Gönningens, 1902 konnte die Bahnlinie dann endlich eingeweiht werden.

Die sechzehneinhalb Kilometer lange Bahnstrecke mit zehn Brücken wurde innerhalb von siebeneinhalb Monaten gebaut. Dafür wurden Fremdarbeiter, vor allem aus Italien, angeworben. 167 von ihnen waren in Ohmenhausen registriert. Dann kam die große Einweihungsfeier. Die Kinder hatten schulfrei und bekamen ein Vesper, und vom Wirtshaus Schwanen aus entsandte man ein Telegramm an den König, um ihm „ehrfurchtsvollen Dank für die allergnädigste Fürsorge für diese Bahn untertänigst zu Füßen zu legen“.

Bei der Einweihungsfahrt aber sprang eine der beiden Zugmaschinen aus den Gleisen. Menschen kamen nicht zu Schaden, die Reutlinger Stadtkapelle aber musste ihre Konzerte in Gönningen absagen, da die Musikanten mit der Bahn ja nun nicht mehr anreisen konnten.

In den ersten Jahren diente das Bähnle vor allem als Arbeiterzug für die Pendler nach Reutlingen. In den zwanziger und dreißiger Jahren, berichteten Zeitzeugen, sei der Zug so voll gewesen, dass man in Reutlingen gekaufte Gläser nicht heil nach Gönningen habe bringen können. Für den 18-Uhr-Zug habe man zwei Zugmaschinen benötigt. 1928 befördert das Bähnle die Rekordzahl von fast 900 000 Fahrgästen.

In diese Zeit fällt auch ein Beschwerdebrief eines entrüsteten Bürgers, weil die Frauen am Bahnsteig ihre Röcke heben und die Männer während der Fahrt auf die Plattform urinieren würden. An sarkastischen Witzeleien fehlte es auch später nicht: Bei Regenwetter müsse man im Abteil den Schirm aufspannen, hieß es in den dreißiger Jahren, und ob der Langsamkeit wurde die Parole ausgegeben: „Blumenpflücken während der Fahrt verboten!“ Da schrieb das Bähnle als Folge des Ersten Weltkrieges längst rote Zahlen.

Zwar wurde nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal ein neuer Höhepunkt an Fahrgästen erreicht, doch mit der Einführung der Buslinie und dem Beginn des Wirtschaftswunders nahm die Bedeutung der Bahnlinie immer mehr ab. 1992 wurde der Verkehr schließlich eingestellt.

Von Reutlingen nach Gönningen: 1902 ging das "Gönninger Bähnle in Betrieb
Das "Gönninger Bähnle".

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03.05.2011, 12:00 Uhr

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