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Berlin Alexanderplatz

Von der Liebe übermannt

Es sind unruhige, bedrückende oder wie es der Bundesinnenminister ausdrücken würde: bittere Zeiten. Da sucht so manch einer Geborgenheit und innere Ruhe.

21.11.2015
  • ANDRÉ BOCHOW

Doch niemand hätte vermutet, dass sie ausgerechnet bei den Linken zu finden ist, ausgerechnet in der berüchtigten Bundestagsfraktion der Oppositionsführungspartei.

Die parlamentarischen Kämpfer gegen alle Geißeln des Kapitalismus haben sich diese Woche am idyllischen Scharmützelsee versammelt. Dort, in einer Ecke Brandenburgs, die nicht zuletzt wegen ihrer Golfplätze geschätzt wird, gingen die linken Abgeordneten in Klausur. Viele bekämpften sich vor kurzem nach den Aussagen ihres damaligen Chefs, Gregor Gysi, einander regelrecht hasserfüllt. Am Scharmützelsee trafen nun Menschen zusammen, die lernen wollten, sich lieb zu haben. Wie sich herausstellte, war das schon gar nicht mehr nötig. Die Liebe hatte die Genossen längst übermannt. Und das ist allein dem Auftreten des neuen Führungspaares zu verdanken.

Noch bis Oktober leitete Gysi die sich als parlamentarische Avantgarde verstehende Gruppe. Stets suchte der kleine Anwalt den Kompromiss. Das hatte zur Folge, dass eigentlich immer alle unzufrieden waren. Nun führen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch die Fraktion in eine lichte und von Harmonie geprägte Zukunft. Es ist eine wahre Freude, den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich bei Presseterminen die Bälle zuwerfen. Ach, man möchte vor lauter Entzücken fast von Bällchen sprechen.

Da Sahra, erklär Du bitte den Euro. Danke Dietmar, dann sei so gut und übernimm das Kommunale. Gern. Danke. Bitte.

Diese Schönheit im politischen Zusammenleben ist selten. Noch seltener ist, dass sich andere davon anstecken lassen. Genau so ist es bei der linken Bundestagsfraktion. Genossen, die sich früher gegenseitig gerne in Umerziehungslager gesteckt hätten, lächelten sich in den Klausurpausen zu und tranken auf die gemeinsame innere Einkehr.

Vielleicht wird es den Linken nie gelingen, einen weiteren Sozialismusversuch zu starten. Aber es herrscht nun Frieden in der Fraktion. Und der war bis vor kurzem mindestens so unwahrscheinlich wie der Nahostfrieden. Das sollte uns Mut machen.

Von der Liebe übermannt

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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