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Dem Alpenbock auf der Spur

Von der grünen Theorie bis zu den Schwarzspechtbäumen

Spannend wie selten zuvor: der jüngste Waldumgang des Mössinger Gemeinderats. Drei Förster führten ihrem gut 50-köpfigen Publikum mit Neu-OB Michael Bulander an der Spitze Theorie und Praxis des Naturschutzes vor Augen.

12.10.2010
  • Ernst Bauer

Öschingen. Bevor es hoch hinaus ging – immer am Schemberg entlang, am Albtrauf von Öschingen Richtung Gönningen – und die Dußlinger Baumkletterer (wir haben schon kurz berichtet) zu bestaunen waren, warf Gebietsleiter Ulrich Höcker erst einmal demonstrativ einen Packen Papier seinem Revierförster Jürgen Dilger vor die Füße: die ganzen Vorschriften, gesetzlichen Regelungen und neuen Richtlinien, mit denen sich die Forstleute herumzuschlagen haben.

Bei der ersten Station am Bachhaldesträßle schnitten sie gleich das heiße Herbst-Thema an, das momentan für einige Aufregung in der Bevölkerung sorgt: Brennholz. Weil die Stadt ihr Holz nur noch versteigern will, hatten einige Mössinger schon befürchtet, nichts mehr zu kriegen. Dem ist aber nicht so: „Wir werden ausreichend Holz zur Verfügung stellen“, versicherten Höcker und Dilger. Man wolle auch keine Preistreiberei. Jeder könne sich vor den zwei Versteigerungsterminen im Februar und März 2011 die Holzpolter selber anschauen. Bisher habe man immer das Problem gehabt: „Wer kriegt welches Holz?“ Früher sei das Versteigern doch auch hier gang und gäbe gewesen, erinnerte Stadtrat Felix Rein. „Und es ist ein Erlebnisabend!“, fügte Alt-OB Hans Auer an.

Ein Erlebnis war beim Waldumgang am Freitagnachmittag auf jeden Fall der Auftritt der „Baumwerker“ aus Dußlingen, die am beliebten Zeltplatz Hohe Äcker – Dilger sprach vom Öschinger „Wellness-Park“ – vorführten, wie sie im Auftrag der Stadt und der Forstleute für die nötige „Verkehrssicherheit“ unter alten Buchen in dieser Ecke sorgen. Sie werfen Ankerseile bis in 20, 30 Meter Höhe, ziehen sich am straffen Seil mit ausgefeilter Klettertechnik hinauf, mit Einseil- oder Footlock-Technik, und schwingen sich dann von den Ankerpunkten auf die Äste hinaus. So könne man jene „baumschonend anklettern“, erklärte Sascha Eichinger vom seit 1998 bestehenden Baumkletter-Team; allesamt ausgebildete Forstwirte, die sich zu Seilartisten, Baumpflegespezialisten weitergebildet haben. Und dafür sorgen, dass den Leuten keine Äste auf den Kopf fallen.

Eigentlich „ein so genanntes waldtypisches Risiko“, wie Höcker erklärte. Bei Plätzen wie den Hohen Äckern gibt es allerdings eine besondere Verkehrssicherungspflicht. „Mir war das langsam zu gefährlich“, sagte Revierförster Dilger. „Jetzt kann ich auch ruhiger schlafen“ – seit die Baumwerker 13 alte Buchen geprüft und ausgelichtet haben.

Johann Lausberg, der dieses Jahr seinen Forstwirtschaftsmeister gemacht hat, führte bei einer kurzen Rast die neueste Errungenschaft der Mössinger Förster vor: einen gemeinsamen VW-Bus, selber ersteigert und eigenhändig ausgebaut. „Das haben Sie ja super hingekriegt, alles perfekt drin“, lobte Stadtbaudirektor Gebhard Koll. Künftig soll nicht mehr jeder mit dem eigenen Auto in den Wald fahren. Auch so schont man Natur und Umwelt.

Forstchef Höcker zeigte an der nächsten Station, wie das neue „Alt- und Totholzkonzept“ (AuT) der Forstverwaltung im Land – über das Naturschutzgesetz hinaus – Refugien für besonders geschützte Tierarten schaffen soll. Zum Beispiel für den Schwarzspecht. Motto: „Totes Holz steckt voller Leben.“ Man lässt in höheren Lagen Habitat-(Lebensraum-)Baumgruppen mit Spechtlöchern und ganze Waldstreifen als Bannwald weitgehend unberührt; 55 solcher Schwarzspecht-Bäume sind im Stadtwald bereits kartiert. Und darin hausen auch „Folgebewohner“: Baummarder, Hohltaube, Dohle, Fledermaus und Waldkauz, wie Revierleiter Dilger ergänzte.

Man werde die „Altbaumgruppen“ so nach und nach mit weißen Wellenlinien markieren. „Das heißt, die bleiben stehen, die werden von uns nicht mehr angefasst – und irgendwann, wenn ich in Rente bin, zusammenfaulen.“ Von den 1620 Hektar Wald in Mössingen sind 272 Hektar über 120 Jahre alt. Pro drei Hektar sind laut AuT fünf Altbaumgruppen gewünscht.

Am FFH-Gebiet entlang des Albtraufs von Mössingen nach Gönningen illustrierten Dilger, Höcker und der Belsener Revierleiter Joachim Kern, wie sie den von Spezialisten, zumeist Diplombiologen, ausgetüftelten Pflege- und Entwicklungsplan umsetzen, der neuerdings Managementplan heißt. Dort gibt es Buchen-Hangschuttwälder und so seltene Tiere wie den Alpenbockkäfer. „Der braucht relativ viel Totholz, weil die Frau Alpenböckin ihre Eier nur in nicht ganz frisches Holz legt“, weiß Dilger inzwischen. Wegen des Alpenbocks muss man sich auch mit der Holzabfuhr sputen.

Berglaubsänger, Kronwickenwidderchen und Spanische Flagge, ein Schmetterling, sind weitere seltene Tiere im FFH-Gebiet. Am Farrenberg gibt es auch noch ein paar Reste von Wachholderheide, schwer zu bewirtschaften. „Es ist jetzt wieder ein Schäfer drauf“, berichtete Kern, doch Handarbeit sei trotzdem vonnöten. Deshalb könne man am Samstag in vierzehn Tagen gerne mit Rechen, Gabel und Spaten um 9 Uhr zum Talheimer Sportheim kommen. „Ich lade Sie herzlich ein, mitzuhelfen, mit anzupacken!“ Man kehrte erst mal im Öschinger Sportheim zum Waldumgangs-Umtrunk ein.

Totes Holz steckt

voller Leben.

Motto des neuen „Alt- und Totholzkonzeptes“

Von der grünen Theorie bis zu den Schwarzspechtbäumen
Die „Baumwerker“ zeigten beim Waldumgang Gemeinderäten und anderen Interessierten, wie man Bäume schonend erklettert, um tote Äste abzusägen. Bild: Bauer

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12.10.2010, 12:00 Uhr

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