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Die Nacht der Erdbabys

Vor 100 Jahren erschütterte heftiges Beben die Region

Kamine stürzten ein, Hauswände zerrissen und die Wurmlinger Kapelle brach teilweise zusammen: Heute vor 100 Jahren wackelte die Erde im Kreis Tübingen so heftig, dass man es bis Mailand und Göttingen spürte.

16.11.2011
  • Jonas Bleeser

Kreis Tübingen. Die Naturkatastrophe traf die Menschen vor hundert Jahren völlig unvorbereitet. Denn dem Beben am Abend des 16. November 1911, einem Donnerstag, waren kaum Vorbeben vorausgegangen.

Lediglich von einem leichten Erdstoß gegen 19.30 Uhr am Mittwoch berichtete die „Tübinger Chronik“: In Weilheim hätten ein paar Hunde gejault, das Geschirr habe geklirrt. Das sollte sich am folgenden Tag schlagartig ändern. Im Tübinger „Hirsch“ sprach gerade der Abgeordnete der Fortschrittlichen Volkspartei, Theodor Gottfried Liesching, über seine Arbeit im Württembergischen Landtag. Es ging um Postabkommen, die Eisenbahnfrage und die Aufhebung der Tierärztlichen Hochschule, gerade, als sie nach Tübingen hätte verlegt werden sollen. Liesching bekräftigte, dass er sich dafür weiter einsetzen wolle. Der Berichterstatter der „Tübinger Chronik“ vermerkt „lebhaften Beifall“.

Bis hierher war Liesching gekommen, als plötzlich ein unheimliches Donnergrollen zu hören war. „Auf einmal schien der ganze Saal zu beben und zu schwanken. Der Erdstoß rief eine unbeschreibliche Wirkung hervor“. Er habe etwa acht Sekunden gedauert. In Panik rannten Besucher schreiend zu den Ausgängen, kehrten jedoch „dank der ruhigen Haltung einiger Besonnener“ wieder in den Saal zurück. Der beherzte Vorsitzende, der Rechtsanwalt Simon Hayum, dankte dem Abgeordneten für seine Landtagsarbeit und schloss die Versammlung noch ordnungsgemäß – Naturkatastrophe hin oder her.

Draußen auf den Straßen schien ganz Tübingen auf den Beinen zu sein: Die Leute liefen aus den Häusern, manche schrien vor Angst, andere waren vor Schreck verstummt. Verletzt wurde rund um Tübingen niemand: Das Beben überraschte die meisten in den Häusern, und so fehlen in den zeitgenössischen Berichten trotz splitternder Fensterscheiben und einstürzender Kamine Angaben zu Verletzten oder gar Toten in der Region.

Das Württembergische Jahrbuch für Statistik und Landeskunde vermerkt: „Kein Erschlagener, auch kein Arm- oder Beinbruch, was bei der großen Zahl von Beschädigungen der Hausdächer und von Kamineinstürzen fast wie ein Wunder erscheint.“ Dagegen sei es in der Tübinger Geburtsklinik zu etlichen Frühgeburten gekommen, „denen der Humor (...) den Namen Erdbabys verlieh“.

Die genaue Uhrzeit der Naturkatastrophe zeigten die Uhren an den Wänden: Viele waren exakt um 22.26 stehen geblieben. Aus den Städten und Gemeinden des Tübinger Umlandes trafen am folgenden Tag zahlreiche Berichte in der „Tübinger Chronik“ ein. Die aus der Stadt selbst wurden in den folgenden Tagen ob der Fülle von der Redaktion nur noch so summarisch abgehandelt: „Über das Erdbeben liegen aus der Stadt natürlich noch viele Nachrichten vor, die sich aber alle sehr stark ähneln.“ In Rottenburg sollen Kneipengäste vor Angst aus den Fenstern gesprungen sein. Darüber hinaus brach eine Schafherde aus und „raste durch die Stadt.“

Besonders heftig traf es die Wurmlinger Kapelle: Die Heiligenfiguren stürzten herab, die Altäre wurden demoliert. Die Krypta bot ein Bild der Verwüstung. Auch von Außen waren die Schäden nicht zu übersehen: „Die nördliche Seite des Chores ist in seiner ganzen Höhe und Breite, wo früher das Pfarrhaus angebaut war, eingestürzt und herausgefallen. Der Giebel hat auf der Südseite einen starken Riss, ist von der Langseite abgewichen und droht einzustürzen.“ Das Württembergische Jahrbuch für Statistik und Landeskunde spricht gar vom „stärkst beschädigten Gebäude des Landes“. Am glimpflichsten kamen Hirrlingen und Ergenzingen davon: Dort kam es kaum zu nennenswerten Schäden.

In Breitenholz und Kusterdingen überraschte der Erdstoß Hochzeitsgesellschaften beim Feiern: Im Kusterdinger „Rößle“ brach eine Panik aus.

In der Nacht folgten dann weitere Nachbeben, „um halb 1 Uhr, ferner gegen 3 und 4 Uhr weitere, wenn auch schwächere“, wie die Zeitung akribisch vermerkt. Aus Angst vor möglichen weiteren Erschütterungen verbrachten in einigen Gemeinden die Menschen die Nacht im Freien. Sie zündeten Feuer an, um sich zu wärmen. Auch in den folgenden Tagen wackelte die Erde immer wieder, wenn auch deutlich schwächer. Am 22. November war sich die „Chronik“ dann sicher: „Es scheint nunmehr alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass (...) neue sehr starke Stöße nicht mehr zu befürchten sind – wenigstens nicht für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte.“

Das galt dann für fast 32 Jahre. Das nächste schwere Beben kam im September 1943.

Vor 100 Jahren erschütterte heftiges Beben die Region
Das Beben der Erde traf auch die Beobachter des Himmels: In der Sternwarte im Schloss Hohentübingen herrschte herbes Durcheinander, wie diese Fotografie von Eugen Albrecht zeigt. „Einige der dort aufgestellten Instrumente sind derart beschädigt, dass sie unbrauchbar geworden sind“, meldete die „Tübinger Chronik“.Bild: Stadtarchiv Tübingen

Vor 100 Jahren erschütterte heftiges Beben die Region
Bekanntestes Erdbebenopfer unter den Bauwerken war die Wurmlinger Kapelle: Noch bis in die fünfziger Jahre wurden dort Postkarten mit Bildern der Schäden verkauft (hier ein Blick in die beschädigte Krypta).Bild: Stadtarchiv Rottenburg/Gebr. Metz

Drei Mal bebte die Erde in den vergangenen 100 Jahren im Kreis besonders stark. Laut Daten des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam war die Erschütterung vom 16. November 1911 die stärkste: Sie erreichte auf der Richterskala eine Magnitude von 6,1. Bei Onstmettingen lag der Herd eines Bebens, dass am 28. Mai 1943 die Tübinger aus den Betten warf. Seine Stärke wird mit 5,6 angegeben. Und am 3. September 1978 kam die Erde dann noch einmal besonders heftig ins Wanken: Damals lag die Messung bei 5,7. Sein Epizentrum lag in Albstadt.

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16.11.2011, 12:00 Uhr

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