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Den ersten Krankenwagen zogen Pferde

Vor 125 Jahren begann die Geschichte des Roten Kreuzes

Am Anfang war die humanitäre Hilfe reine Männersache. Eine Anzeige in der „Tübinger Chronik“ vom 20. November 1886 mobilisierte 66 Freiwillige. Sie gründeten die sechste Sanitätskolonne in Württemberg. 125 Jahre später gehören Frauen selbstverständlich zum Roten Kreuz dazu – bis in die Spitze des Kreisverbands.

28.05.2011
  • Ute Kaiser

Tübingen. Heute steht das Deutsche Rote Kreuz (DRK) für Rettungseinsätze bei Unfällen und Katastrophen, für Krankentransporte, Erste-Hilfe-Kurse, für Sanitätsdienste aller Art und für Blutspende-Aktionen. Aber auch für soziale Aufgaben wie Kleiderladen, Hausnotruf oder Menüservice. Anlass zur Gründung war ein Krieg – genauer die Schlacht beim italienischen Solferino 1859, mit unzähligen Verletzten und Sterbenden. Das Leid entsetzte den Genfer Geschäftsmann Henry Dunant dermaßen, dass er in den umliegenden Dörfern Hilfe organisierte.

Eine Vision von Menschlichkeit

„Tutti fratelli“ („Alle sind Brüder“): Diese Idee der Gründerzeit gilt noch heute – als „Vision von Menschlichkeit und friedlichem Zusammenleben der Völker“, so Bruno Gross, der Kreisgeschäftsführer des DRK. Ob unter dem Roten Kreuz auf weißem Grund oder dem Roten Halbmond: Die „weltweit größte humanitäre Bewegung“, sagt Gross, unterscheide nicht nach „Nationalität, Rasse, Religion, sozialer Stellung oder politischer Überzeugung“. So lautet einer der sieben Grundsätze des Roten Kreuzes.

Verletzte und Verwundete zu bergen, war auch in der Tübinger Kolonne lange ein Schwerpunkt der Ausbildung. Den ersten Krankentransport-Wagen zogen Pferde. 1902 ließen sich erstmals 18 Sanitäter in der Krankenpflege schulen. Aus heutiger Sicht unvorstellbar: Erst 1904 konnte das DRK für die nächtliche Alarmierung das Telefon nutzen. Selbst 17 Jahre später fuhren Radkuriere zu all den Helfern, die telefonisch nicht zu erreichen waren.

Vor 125 Jahren begann die Geschichte des Roten Kreuzes

Von 1909 an war die Sanitätskolonne kostenfrei im Kornhaus, dem heutigen Stadtmuseum, untergebracht. Dort blieb sie dann 76 Jahre – bis zum Umzug in ihr Domizil in der alten Silcherschule, wo sie noch das Fest zum 100-Jährigen 1986 plante. Lager und Fahrzeuge waren da allerdings schon im Steinlachwasen. 1977 nahm das DRK dort im neu gebauten Rettungszentrum die Leitstelle in Betrieb.

1911 richtete das 25 Jahre zuvor gegründete Tübinger Rote Kreuz die ersten vier Unfallhilfestellen in der Stadt ein. Für die Schauübung zum Jubiläum war als Szenario eine Kesselexplosion in der Brennenstuhlschen Möbelfabrik in der Schwärzlocher Straße vorgegeben. Die Sanitätskolonne hatte 40 aktive Helfer.

1914 zog Deutschland in den Ersten Weltkrieg. Am 22. August rollte ein Lazarettzug mit rund 600 Verwundeten im Tübinger Hauptbahnhof ein – der erste von 115. Weil viele Helfer Soldaten waren, rief das DRK die nicht wehrpflichtigen Männer auf, die Sanitätskolonne zu verstärken. Es meldeten sich Wengerter und Professoren, Arbeiter und Beamte, etliche älter als 70. In den vier Kriegsjahren versorgten die Sanitäter über 11 000 Verwundete und Kranke.

Vor 125 Jahren begann die Geschichte des Roten Kreuzes
Dieses Bild der Tübinger Sanitätskolonne Nr.6 entstand im Jahr 1892 im Schlosshof. Sechs Jahre zuvor hatten sich 66 Freiwillige auf eine Anzeige in der „Tübinger Chronik“ hin zur Gründung zusammengefunden. Zwei Jahre lang mussten die Helfer warten, bis sie ihre erste eigene Montur und die notwendigen Tragen bekamen. Das Sanitätszelt wurde noch in den 1960er Jahren benutzt.

Gleich nach dem Krieg und noch Anfang der 1920er Jahre war der Transport von Unfallopfern und Patienten der sechs Universitätskliniken alles andere als komfortabel. Die Kolonne hatte im Krieg eine fahrbare Trage mit Eisenreifen erworben. Damit ging es auf holprigen Straßen und bei jedem Wetter auch über Land.

Erst am 2. März 1927 sollte sich das ändern. Die Tübinger Sanitäter nahmen in Stuttgart stolz einen Magirus-Dux in Empfang. Ihn fuhr der Mechanikermeister Karl Beck aus der Haaggasse. Allerdings nur vier Jahre lang. Dann fing das Auto in der Altstadt Feuer und verbrannte irreparabel.

Das nächste Kapitel in der Geschichte der Tübinger Helfer ist noch nicht komplett aufgearbeitet. Im Keller des DRK-Zentrums im Steinlachwasen stehen stapelweise Kisten, deren Inhalt der Tübinger Jürgen Pundt ehrenamtlich ordnet.

Vor 125 Jahren begann die Geschichte des Roten Kreuzes
Im Juli 1957 übten das Deutsche Rote Kreuz und das Technische Hilfswerk (THW) im Steinlachtal gemeinsam. Bilder: DRK

Alten Jubiläumsschriften des DRK ist zu entnehmen, dass die Nationalsozialisten nach 1933 das Rote Kreuz immer mehr einsetzten – etwa bei Großkundgebungen, Aufmärschen, Losverkäufen oder Sammlungen. Zudem musste es einen Luftschutz-Sanitätsdienst aufbauen und die Sanitäter im Gasschutz ausbilden.

Die neugefasste und im August 1934 von der Nazi-Regierung ratifizierte Genfer Konvention verhinderte, dass das DRK zu einer NS-Organisation umgewandelt wurde. Dennoch sind die Rotkreuz-Helfer zu vielen Diensten herangezogen worden. Mit dabei waren auch die Frauen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hatten. Ihre Tracht bestand aus einer hochgeschlossenen weißen Schürze, aus Kopftuch, Armbinde und einer Brosche.

Am 29. März 1936, als über den Reichstag und die Ermächtigung zur Besetzung des Rheinlands abgestimmt wurde, sorgte das Tübinger Rote Kreuz beispielsweise dafür, „auch Kranken, Gebrechlichen und Hochbetagten den Weg zur Abstimmungsurne zu ermöglichen“. So beschreibt es 1961 der Autor der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen.

Am 1. September 1939 marschierten deutsche Soldaten in Polen ein. Schon am 4. und 5. September kamen in Tübingen vier Sonderzüge mit rund 5000 Evakuierten aus Rastatt und Umgebung an. Auf dem Bahnhof richtete das DRK eine Sanitätsstation ein. Sie war von Mitte 1940 an rund um die Uhr besetzt. Die Helfer/innen kümmerten sich um ausmarschierende Soldaten, Verletzte aus den Feldlazaretten und Flüchtlinge. Immer mehr Aufgaben übernahmen fortan die Frauen. Die weibliche Rotkreuz-Bereitschaft bestand im März 1941 aus fünf Ärztinnen und 343 Helferinnen, 442 waren es bei Kriegsende.

Vor 125 Jahren begann die Geschichte des Roten Kreuzes

Nach dem Krieg wurde das Rote Kreuz in „Gesellschaft für Gesundheitsfürsorge und Kriegsgefangenenhilfe“ umbenannt. So wollte es die französische Militärregierung. Präsident der neuen Gesellschaft war der Tübinger Staatsrat Prof. Carlo Schmid. Der von den Franzosen ernannte Oberbürgermeister Fritz Haussmann wies die Helfer an, eine ehemalige Verpflegungsstelle der Nazis im DRK-Domizil Kornhaus zu übernehmen, auszubauen und von dort aus die Kriegsgefangenen in Tübingen zu versorgen. Auch Kleider, die an mehreren Stellen lagerten, wurden gesammelt, um sie an die Bevölkerung zu verteilen. Das Rote Kreuz holte Kochkessel und verpflegte anfangs etwa 250 Hungernde. Zwei Wochen später schon um die 700. Die Krankentransporte begannen ebenfalls wieder.

Das Kornhaus entwickelte sich zu einer Art Sozialstation für Flüchtlinge, Evakuierte und aus Lazaretten Entlassene. Weil die Bahn nicht fuhr, stoppten Lastwagen und Omnibusse mitten in der Stadt. Sie nahmen Passagiere und ihr Gepäck auf, um sie aus Tübingen wegzubringen. Die Helfer vermittelten Kranke an Privatquartiere, nachdem die Franzosen befohlen hatten, die Chirurgische Klinik, die Krankenpflegeschule in der Gartenstraße und mehrere Reservelazarette aufzulösen.

Im Kornhaus wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Hier nahm das Rote Kreuz auch seinen ursprünglich im September 1940 eingerichteten Suchdienst wieder auf. Im Winter wärmten sich in einem Saal alle, die kein Zuhause hatten. Die Helfer übernahmen die Schüler- und Studentenspeisung und die Verpflegung von Flüchtlingen auf dem Bahnhof. Das Rote Kreuz schickte Kinder zur Erholung, und es half bei der Blutbank. Im November 1947 konstituierte sich der Landesverein Württemberg-Hohenzollern. Das Präsidium saß im Tübinger Kornhaus.

Unter den Helfern sind immer mehr Akademiker

Ob Einsätze auf dem Sportplatz oder im Freibad, bei Radturnieren und Motorradrennen, im Blutspendedienst oder im Katastrophenschutz: Die Mitglieder des DRK übernahmen nach dem Krieg immer mehr Aufgaben. Während sich in den Anfängen viele selbstständige Handwerker und Kaufleute unter den Helfern fanden, gesellten sich im Lauf der Nachkriegsjahre zu Arbeitern und Angestellten zunehmend Akademiker.

Seit 1960 gibt es eine Jugendrotkreuz-Gruppe. Sie hat mittlerweile rund 220 Mitglieder. Ende vergangenen Jahres zählte das DRK kreisweit 597 Frauen und Männer, die ehrenamtlich in den Bereitschaften Dienst tun – etwa bei Großveranstaltungen und im Katastrophenschutz. 191 Helfer engagieren sich in der DRK-Sozialarbeit. Ehrenamtliche Kreisverbandsvorsitzende ist Lisa Federle. Der Kreisverband beschäftigt 108 Mitarbeiter. 31 von ihnen sind Frauen.

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28.05.2011, 12:00 Uhr

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