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Mit Winzern und Obstgärtnern fing es an

Vor 125 Jahren wurde der Vorgänger der Volksbank eine Genossenschaft

32 Winzer, Obst- und Gemüse gärtner aus der Tübinger Unterstadt gründeten vor 125 Jahren einen Darlehenskassenverein. Die Idee dahinter: Günstige Kredite für kleine Landwirte und Handwerker, gemeinsamer Einkauf von Dünger, Saatgut, Geräten. In und um Tübingen entstanden damals elf Waren-, Geld- und Kreditgenossenschaften. Nach mehreren Fusionen blieb eine davon übrig: Die Volksbank Tübingen eG hat heute 12 000 Mitglieder – und feiert nun im Jubiläumssommer 2011 mit Dieter Thomas Kuhn und Band.

22.01.2011
  • Volker Rekittke

Die große Fusion hat Dieter Ott selbst miterlebt. 1972 schlossen sich fünf eigenständige Tübinger Kreditinstitute zur Tübinger Volksbank zusammen: die Tübinger Vereinsbank, die Raiffeisenbank Lustnau, die Genossenschaftsbank Pfrondorf, die Hagellocher Bank und die Volksbank Tübingen. Aus fünf Banken eine machen – „der Schritt war absolut richtig“, sagt der heutige Volksbank-Prokurist und Firmenkundenberater Ott im Rückblick. Der Erfolg blieb nicht aus: In den Jahren nach dem Zusammenschluss wuchs die Bank kräftig, konnte immer umfangreichere Kreditwünsche befriedigen. Damit wurde die Volksbank auch für die größeren Unternehmen in Tübingen interessant.

Anfang der 1970er Jahre saß Dieter Ott als junger Banker – seine Ausbildung zum Bankkaufmann hatte er 1969 bei der Volksbank begonnen – auch an den Schaltern der zuvor eigenständigen Genossenschaftsbanken. Etwa in Pfrondorf: Während Ott vorne Geld auszahlte oder Überweisungen buchte, kauften hinten im Lager Landwirte und Anwohner Saatkartoffeln und Spritzmittel, Kohlen und Heizöl ein.

Nicht allein um Geldgeschäfte, sondern auch um die günstige Beschaffung von Düngemitteln, Saatgut, Heizmaterial geht es bereits vor 125 Jahren den 32 Tübinger Bürgern – die meisten von ihnen „moralisch und wirtschaftlich tüchtige Weingärtner“ – die am 12. Januar 1886 den Darlehenskassenverein Tübingen in der Gaststätte Lenzei (heute Café Haag und Kino Atelier) gründen. Am 26. Januar 1886 wird die Bank der kleinen Leute, eine Keimzelle der heutigen Volksbank Tübingen eG, ins Genossenschaftsregister eingetragen.

Die Mitglieder stammen zunächst überwiegend aus der Tübinger Unterstadt, bauen Wein, Obst, Gemüse und vor allem auch Hopfen an. Später kommen immer mehr Handwerker dazu. Auch darum geht es den Tübinger Bank-Pionieren: „Die wirtschaftliche und sittliche Wohlfahrt seiner Mitglieder durch Kontrolle der Kreditverwendung, durch Gewöhnung an Pünktlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit und durch Pflege des Gemeinsinns“, wie es im Gründungsbeschluss heißt.

Kredit gibt es damals nur „gegen Bürgen und Liegenschaftsunterpfand“. Wer keinen Grundbesitz hat, bekommt auch kein Geld von der Bank. Aber selbst für die, die ein kleines Stück Land besitzen, ist der Kauf von Saatgut oder Dünger oft nicht einfach.

In und um Tübingen herum entstehen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht weniger als elf Waren-, Geld- und Kreditgenossenschaften. Sie alle haben ihre Wurzeln in den Ideen und Taten von Hermann Schulze-Delitzsch, 1850 Mitbegründer der ersten Kreditgenossenschaft im kursächsischen Delitzsch, und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Pionier der ländlichen Genossenschaftsbewegung. Als Bürgermeister der Gemeinde Weyerbusch (Westerwald) geht Raiffeisen selbst auf die Höfe und sieht, wie die Menschen oft in Elend und bitterster Not leben. Nach einer Missernte 1846 gründet er im folgenden Hungerwinter ein Komitee zur „Selbstbeschaffung von Brod und Früchten“, das Mehl auf Vorschuss an Bedürftige abgibt. Später geht es zudem um genossenschaftliche Kredite für Vieh, Grundstücke und Geräte – auch, um die Landbevölkerung aus der Abhängigkeit von örtlichen Geldverleihern zu befreien, die Wucherzinsen von bis zu 80 Prozent im Jahr verlangen.

Nicht nur in Tübingen, auch in Derendingen (dort sogar schon 1881), in Hagelloch, Hirschau, Pfrondorf, Lustnau und Bebenhausen fällt die Idee der gegenseitigen Hilfe beim Kreditgeschäft auf fruchtbaren Boden. Immer mehr Bürger gründen genossenschaftlich organisierte Darlehenskassenvereine. Der Tübinger Verein wird bereits nach drei Jahren, 1889, in eine Spar- und Darlehenskasse umgewandelt – mit dem Namen Tübinger Vereinsbank. Sie wird bis 1972 eigenständig bleiben.

Einen Rückschlag gibt es nach dem Ersten Weltkrieg: Die bereits 1865 gegründete Handwerkerbank und spätere Gewerbebank übersteht die Wirren der Nachkriegs- und Inflationszeit nicht. Sie wird 1924 aufgelöst. Doch schon ein Jahr später gründen 80 Geschäftsleute aus Tübingen und dem Oberamt ein neues Genossenschaftsinstitut – die Tübinger Bank, die ihren Namen später in Volksbank Tübingen ändert. Ihr Hauptsitz ist bis zur Fusion von 1972 in der Wilhelmstraße 14. Dort im Hinterhof eröffnet in den 1960er Jahren auch Tübingens erster Auto-Geldschalter (siehe Bild links).

Beim Zusammenschluss hat die neue Volksbank Tübingen rund 4300 Mitglieder und 14 Niederlassungen im Tübinger Stadtgebiet (wozu jetzt auch die einst selbstständigen Teilorte gehören), außerdem eine in Kirchentellinsfurt. Die Bilanzsumme beträgt 85,5 Millionen Mark (43,7 Millionen Euro), die Kundeneinlagen 75,9 Millionen Mark (38,8 Millionen Euro). 54,6 Millionen Mark (27,9 Millionen Euro) an Krediten werden vergeben. Seitdem hat sich nicht nur in den Bilanzen der Bank mächtig was getan. Bereits im Oktober 2009 überspringt das betreute Kundenvolumen – also Kreditgeschäft plus Einlagen, inklusive der Geschäfte im Verbund der Genossenschaftsbanken – erstmals die Milliardengrenze. Nach vorläufigen Zahlen beträgt die Bilanzsumme 2010 rund 485 Millionen Euro, die Kundeneinlagen sind bei 364 Millionen Euro – fast fünf Mal so viel wie 1972. 310 Millionen Euro werden an Firmen und Privatleute verliehen. Mittlerweile sind in den zwölf Geschäftsstellen 125 Mitarbeiter/innen beschäftigt, die Bank hat 12 000 Mitglieder.

1988 bezieht die Volksbank Tübingen ihren neuen Hauptsitz in der sanierten und um einen Anbau erweiterten ehemaligen Lauppschen Druckerei an der Herrenberger Straße. Das geschieht in der Ära von Hans Georg Leute, der die Genossenschaftsbank von 1985 an fast ein Vierteljahrhundert lang leitet. Leutes Nachfolger im Chefsessel wird Anfang 2009 Eberhard Heim, der seit 1989 bei der Volksbank Tübingen ist. „Das genossenschaftliche Bankmodell hat in den vergangenen 100 Jahren viele Krisen überlebt“, sagt Heim nun im Jubiläumsjahr. Die größte Herausforderung seit 1945 war ganz eindeutig die Finanz- und Weltwirtschaftskrise in den vergangenen drei, vier Jahren. Heim: „Diese Bewährungsprobe hat die Volksbank Tübingen bis heute ohne jeden Schaden überstanden.“

Zwar musste 2008 – anders als manche Großbank – keine Volks- und Raiffeisenbank in Deutschland um ihre Existenz bangen. Doch hat der Beinahe-Crash des Weltfinanzsystems auch für die regionalen Kreditinstitute einiges verändert. Zum Beispiel: „Mehr Bürokratie“, so Prokurist Dieter Ott: „Der Kunde braucht zehn Minuten für seinen Auftrag im Wertpapiergeschäft, der Banker braucht eine Stunde, bis er ihn aufgeklärt und alles dokumentiert hat.“

Doch Finanzmarktkrise hin, Dokumentationspflichten her: „Wir haben ausreichend Eigenkapital und eine sehr enge Beziehung zu unseren Kunden“, sagt ein zufriedener Bank-Chef Heim. Nicht zu vergessen das Wachstum von jeweils über fünf Prozent in den vergangenen zwei Jahren. Auch im bundesweiten Vergleich steht die Volksbank Tübingen nicht schlecht da: Gemessen an ihrer Bilanzsumme liegt sie auf Rang 383 der 1156 in Deutschland genossenschaftlich organisierten Kreditinstitute – im ersten Drittel. So schauen Eberhard Heim und seine Vorstandskollegen Armin Hornung und Thomas Taubenberger denn auch positiv in die Zukunft. Heim: „Nach 125 Jahren geht es der Volksbank Tübingen 2011 sehr gut.“

Vor 125 Jahren wurde der Vorgänger der Volksbank eine Genossenschaft
Online-Banking gab es 1964 noch nicht, dafür einen Autoschalter: Auf der Rückseite der Volksbank-Zentrale in der Wilhelmstraße 14.

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22.01.2011, 12:00 Uhr

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