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Heimat für junge Gesellen

Vor 150 Jahren gründete sich die Rottenburger Kolpingsfamilie

Adolph Kolping, seliggesprochener Schustergeselle und Priester, initiierte mit seinen „Gesellenvereinen“ eine weltweite Bewegung: Auch beim Aufbau der Rottenburger Gruppe 1859 – eine der frühesten in der Diözese – wurde er zu Rate gezogen und unterschrieb die Gründungsurkunde höchst persönlich.

16.06.2009
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg.„Josef Ruckgaber“ lautet der erste Name im Mitgliederbuch des Rottenburger Gesellenvereins 1859. Außer dem jungen Bürstenmacher ließen sich Seifensieder, Hafner, Posamentiere, Bildhauer, Cigarrenmacher und Goldarbeiter, Waffenschmiede, Rotgerber und viele andere junge Handwerker eintragen. Der erste Präses, Domkaplan Felix Anton Hepp, hatte in der Bischofsstadt Kolpings Idee verbreitet. Am 23. Januar konstituierte sich der Verein, dessen Statuten religiöse und sittliche Bildung, technische und berufliche Förderung sowie „Ersatz von Heimat und Familie“ samt „gesellschaftlicher Unterhaltung“ umfasste, wenngleich nicht alle Mitglieder danach strebten „schnell reich und heilig zu werden“.

Treffpunkt war das kleine Ehgner Schulhaus, wo „Friede und Eintracht herrschte“. Nur die protestantischen Jünglinge maulten, weil „keine Zeitung ihres Bekenntnisses“ aufgelegt sei. Nachdem der Staatsanzeiger abonniert wurde, gaben sie Ruhe. 1860 gehörten rund 200 Gesellen und Ehrenmitglieder zum Verein – gleichzeitig auch „Zentralverein“ der Diözese. Ein Damenkomitee mit „Frau Oberamtmann und Frau Stadtrat“ stiftete 131 Gulden für die Anfertigung einer Fahne.

Pfarrer Schmoller schmollte

Auf dem Weg durch die Kirchgasse zum Festgottesdienst mit Fahnenweihe im Dom gab es Ärger mit dem evangelischen Stadtpfarrer: Gustav Adolf Schmoller fühlte sich durch die Blechmusik und sechs „abgeprotzte Katzenköpfe“ in seinem Gottesdienst gestört und reagierte mit einer Beschwerde, die zu „offenen Erklärungen“ beider Seiten im „Neckarboten“ führte. 1865 zogen die (17- bis 23-jährigen) Gesellen um in die Steiner'sche Brauerei am Marktplatz (Ratsstube), später in die Linde und zeitweise ins Rössle, feierten im Ochsen oder Hecht, in der Laube, Sonne, Silberburg und im Römischen Kaiser, im Felsenkeller oder auf der Julienhöhe.

1897 wurde den Kolpingssöhnen das Klösterle (Kapuzinerkloster) zum Kauf angeboten, doch konnten sie die geforderten 27000 Mark nicht aufbringen. Dennoch war die Handwerkerjugend guter Dinge, hörte Vorträge, traf sich zum Chorgesang, Theaterspielen (von „Kampf und Sieg“ bis „Ave Maria“), in der Musikkapelle, im Pfeifenclub (siehe Bild) oder im Wander- und Mandolinenclub, zu Spaziergängen mit dem Präses und auf dem eigenen Spielplatz mit Turngeräten beim Schießhaus. Vor allem die Ehrenmitglieder unterstützten den Verein – von Domkapitularen und Doktor Paradeis bis zu Conditor Uhl und „Leichensäger“ Hamberger.

Zu Silvester 1931 kaufte der Gesellenverein den Gasthof Ochsen (heute Martinshof) als Kolpinghaus und Treffpunkt katholischer Vereinsarbeit. Am „Fest der Jugend“ (25. Juni 1933) in Rottenburg nahm die Kolpingjugend geschlossen teil, eine Delegation besuchte den 1. internationalen Gesellentag (Juli 1933) in München. Dieser wurde vorzeitig zwangsbeendet, da die traditionelle Kolping-Bannerkleidung wegen Ähnlichkeit ein „Mißbrauch des NS-Braunhemds“ sei.

Trotz Schikanen, Vernehmungen und Hausdurchsuchungen durch die Nationalsozialisten bei Rottenburger „Gesellen“ blieb ein verschworener Stamm dem Kolpingwerk treu. 1934 beschmierten „Braune“ das Kolpinghaus mit dem Slogan „Meidet die schwarze Brut“. Um das Vereinsvermögen vor den Nazis zu sichern, wurde 1935 das Kolpinghaus samt Inventar der Dompfarrei übergeben (und 20 Jahre später rückübertragen). Es wurde für Kinderlandverschickungen ebenso requiriert wie für die Wehrmacht und für französische Besatzungssoldaten.

Bildung und Besinnung

Auf Dauer freilich konnte das riesige Anwesen von der Kolpingsfamilie nicht betrieben werden. Es wurde verkauft und mit viel Eigenleistung ein kleineres Haus in der Eberhardstraße erbaut, das Bischof Carl Joseph Leiprecht im März 1967 einweihte. Das neue Heim beherbergte auch lange Zeit die 1965 von der Kolpingsfamilie mitbegründete Abendrealschule Rottenburg. Seit den achtziger Jahren besteht außerdem ein Kolping-Berufskolleg.

Derzeit zählt die von Martin Müller und Präses Gerhard Neudecker geleitete Rottenburger Kolpingsfamilie 145 Männer und Frauen. „Treu Kolping“ gibt es ein vielfältiges Programm mit Gottesdiensten, Besinnungs- und Wanderwochenenden, Vorträgen, Aktionen, Studienreisen, geselligen Veranstaltungen und Festen. Am 20. und 21. Juni begeht die Rottenburger Kolpingsfamilie gemeinsam mit dem Diözesanverband ihr 150jähriges Bestehen mit Ausstellung, Festabend, Begegnungen, „Markt der Möglichkeiten“ und Festgottesdienst mit Bischof Gebhard Fürst.

Vor 150 Jahren gründete sich die Rottenburger Kolpingsfamilie
Das historische Foto (1891) des „Pfeifenklups“ der Kolpingsfamilie Rottenburg.

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16.06.2009, 12:00 Uhr

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