Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kater Mikesch aus der Holzkiste

Vor 50 Jahren ging eine der berühmtesten Fernseh-Marionetten auf Sendung

Vor 50 Jahren waren die bundesdeutschen Kinder jeden Sonntag an den Bildschirm gefesselt - dabei ging es nur um einen zerdepperten Rahmtopf. Es war die große Zeit der Augsburger Puppenkiste.

22.11.2014
  • CHRISTOPH DRIESSEN, DPA

Augsburg Bereits am Morgen stellte sich eine gewisse Unruhe ein, später konnte man nicht schnell genug vom Mittagstisch aufstehen, um den Fernseher einzuschalten. Schon das Pausenzeichen des Hessischen Rundfunks war eine Verheißung, gefolgt von der Ansagerin mit ihrem "Liebe Kinder, es ist wieder soweit . . .". Dann der große Moment: Wie ein "Sesam, öffne dich" klappten die Kistendeckel mit der Aufschrift "Augsburger Puppenkiste" auf. In den 60er und 70er Jahren war das große Magie für die Kinder der jungen Bundesrepublik.

Und einer ihrer Lieblingshelden aus der Kiste hieß Kater Mikesch, der heute genau vor 50 Jahren, am 22. November 1964, erstmals auf Sendung ging. In Schwarzweiß.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, geboren 1956 in Mönchengladbach, kann sich noch lebhaft an die erste Wiederholung zu Ostern 1965 erinnern. Er erlebte es als Tragödie, dass er die sechste und letzte Folge aufgrund der katholischen Feier zu seiner Erstkommunion verpasste - er musste zur Sendezeit noch einmal in die Kirche zur Mittagsandacht. Deshalb bat er seinen Vater, die Folge für ihn anzuschauen und ihm hernach Bericht zu erstatten.

Es ging um eine Frage von größter Wichtigkeit: Würde der sprechende Kater den von ihm versehentlich zerdepperten Rahmtopf seiner Großmutter ersetzen und erhobenen Hauptes in sein Heimatdorf Holleschitz zurückkehren können? "Leider wusste mein Vater nicht mehr zu sagen, als dass alles gut ausgegangen sei", erzählt Spinnen. Wie genau Mikesch das Geld für den neuen Rahmtopf zusammenbekommen hatte - an solche Details konnte sich der Vater nicht mehr erinnern.

Spinnen wurde von einem Gefühl der Verzweiflung erfasst. Denn es gab ja noch keine Mediathek, keine DVDs, die es ihm erlaubt hätten, das Versäumte nachträglich anzuschauen. Das Einzige, was man in solchen Fällen machen konnte, war, fortan besonders aufmerksam die elterliche Programmzeitschrift zu durchforsten, in der Hoffnung, dass die Reihe noch einmal wiederholt werden würde. Darüber konnten Jahre vergehen.

Die Augsburger Puppenkiste war berühmt für ihre Special Effects, die man damals allerdings nicht so nannte. "Es gab 'ne Menge Krempel", entsinnt sich Spinnen. "Wagen, Schiffe, Wasser." Das Wasser aus durchsichtiger Plastikfolie wurde besonders bewundert - die Post-Star-Wars-Generation würde sich totlachen. Dass man oft noch sah, aus welchem Material die Kulissen gemacht waren - Karton, Watte, Pappmaschee - animierte zum Nachbasteln. Mikesch und seine Freunde, der Ziegenbock Bobesch und das Schwein Paschik, ließen sich mit Stofftieren darstellen. Das war also kein reines Konsumieren, das war interaktiv.

Josef Göhlen (83), damals Leiter der Redaktion Kinder und Jugend beim Hessischen Rundfunk (HR), weiß noch, wie er zusammen mit dem Drehbuchschreiber der Puppenkiste, Manfred Jenning, den Mikesch aus der Taufe hob. Vorlage war das Buch des tschechischen Autors Josef Lada, das gerade von Otfried Preußler übersetzt wurde. "Der große Erfolg liegt an der Figur und an Manfred Jenning", sagt Göhlen. "Er hat die ganzen Klassiker geprägt mit seinem schwäbisch-bayerischen Humor, der ja sehr leise ist, auch ironisch. Aber diese Ironie hat niemandem wehgetan, im Gegenteil. Später haben wir das ja nie mehr geschafft, nach dem Tod von Manfred Jenning, diesen Charme wiederherzustellen."

1985 wurde Mikesch von der Puppenkiste und dem HR noch einmal neuverfilmt: in Farbe und mit viel schöneren Figuren und Kulissen. Aber das Rad der Zeit hatte sich schon weitergedreht, die Puppenkiste ihren Straßenfeger-Status verloren. Die großen Pioniere der kleinen Bühne waren da auch alle schon tot: der Hausautor und Regisseur Manfred Jenning (1929-1979), der Gründer und Leiter Walter Oehmichen (1901-1977) und die unverkennbare Stimme von Mikesch und Urmel, Max Bößl (1925-1973).

Göhlen hat den Mikesch-Stoff in den letzten Jahren hier und dort nochmal angeboten, "wie warme Semmeln, meinetwegen sogar in 3D, aber keiner will's haben". Den Grund dafür meint er zu kennen: "Es poltert und kracht eben nicht. Es ist ja eine ganz leise, poetische Geschichte, und sowas ist heute nicht mehr gefragt."

„Wir haben uns einfach angegrölt“

Der Schauspieler und Regisseur Sepp Strubel (75) war in den 60er Jahren einer der legendären Sprecher bei der Augsburger Puppenkiste.

Wie war das damals?

Das war alles sehr altertümlich, aber gemütlich. Im ehemaligen Foyer der Puppenkiste, da hockten wir auf kargen Bänken und warteten, bis man uns reinrief. Und da drinnen war alles sehr improvisiert, es war unheimlich eng, und dazwischen hingen die Mikrofone und die Kabel. Und der Regisseur Manfred Jenning saß in der Schreinerei, ein paar Meter weiter, versteckt in einem Raum, und gab da von da seine Anweisungen.

Noch heute können viele damalige Zuschauer die Lieder singen. Wie haben Sie es damals geschafft, so schief zu singen?

Wir haben uns einfach gegenseitig angegrölt, dann funktionierte das schon.

Vor 50 Jahren ging eine der berühmtesten Fernseh-Marionetten auf Sendung
Die Marionette Kater Mikesch konnte sogar auf einem Motorrad fahren. Foto: dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball