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Die Verkörperung des Wirtschaftswunders besuchte Tübingen

Vor 50 Jahren kam Kanzler Ludwig Erhard in die Uni-Stadt

Tübingen. Das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit verkörperte Ludwig Erhard wohl wie kein anderer: Der CDU-Mann war wohlgenährt, hatte stets eine Zigarre im Mundwinkel „und eine gesunde Farbe des Erfolgs im Gesicht“, bemerkte der TAGBLATT-Chronist, als Erhard zu seinem ersten – und einzigen – Staatsbesuch nach Tübingen kam. Das war vor 50 Jahren, am 24. Februar 1964.

03.03.2014

Erhard, der 1963 Konrad Adenauer (CDU) als Kanzler ablöste, führte die Republik drei Jahre später durch seine etwas glücklose Amtszeit in die erste „GroKo“ (mit Kurt-Georg Kiesinger, CDU, und Willy Brandt, SPD).

Vier Monate nach Beginn seiner Kanzlerschaft besuchte Erhard Baden-Württemberg. Aber es war kein Staatsbesuch, sondern „eine Aufwartung“, wie er mittags bei seinem Empfang in Stuttgart sagte. Gegen 16.30 Uhr verließ er Stuttgart mit einem Sonderzug nach Tübingen.

Der bestand aus dem Kanzlerwagen, einem Nachrichtenwagen und einem Schlafwagen. Ob Erhard auf dem Weg nach Tübingen ein Nickerchen gehalten hat, wusste der Chronist nicht zu sagen. Zeit dazu wäre gewesen, denn der Sonderzug fuhr erst 84 Minuten später im Tübinger Hauptbahnhof ein.

Dort erwartete den Kanzler Regierungspräsident Willy Birn und der Bahnhofsvorstand. Dessen Uniformblau harmonierte mit dem mitternachtsblauen Anzug Erhards, bemerkte das TAGBLATT. Mit einem Autokonvoi fuhr der Kanzler an einem „dichten Menschenspalier“ vorbei schnurstracks zum Rathaus, wo ihn OB Hans Gmelin, die Stadtgarde zu Pferd (in Galauniform) und ein Trompetenkorps empfingen – außerdem etwa 8000 Tübinger, die ihm „begeisterte Hochrufe“ entgegenbrachten.

Schon rauchend im Öhrn, musste der Kanzler immer wieder auf den Balkon und sich der Menge (mit Zigarre) zeigen, die „Erhard, Erhard“ rief. So blieb für den eigentlichen Rathausempfang wenig Zeit, denn um 19 Uhr war eine Rede im Uni-Festsaal angesagt.

Zu Tübingen hatte der Kanzler einige Bezüge: So hatte einer seiner Lehrer an der Uni doziert, außerdem eine seiner Töchter studiert. Vor vollem Saal sprach Erhard über eine dringend zu verwirklichende politische Einheit Europas und rief die Studierenden auf, „am öffentlichen Leben unseres Staates“ mitzuarbeiten, die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Politik zu überwinden (was die Studenten dann verstärkt auch 1968 taten), denn der NS-Staat habe bei einem Teil des Volkes zur Staatsverdrossenheit geführt.

Nach einem Gastmahl im „Museum“ mit Seezunge, Kalbsmedaillon und „Birne Helene“ stieg der Kanzler um 23.30 Uhr in seinen Sonderzug nach Bonn. Sein bereits 1957 erschienenes Buch „Wohlstand für alle“ erlebte bis zu seinem Tübingen-Besuch übrigens acht Auflagen. Eine Neuauflage des Buches vom 1977 verstorbenen Exkanzler erschien 1990 – „für unsere Landsleute in der DDR“.

ede/Bild: Göhner , Stadtarchiv

Vor 50 Jahren kam Kanzler Ludwig Erhard in die Uni-Stadt

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03.03.2014, 12:00 Uhr

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