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Wenn Juristen Tipp-Kick spielen

Vor Landgericht: Körperverletzung in Kreisliga-Kick

Wenn ein Tischfußball-Spiel im Gerichtssaal aufgebaut wird, muss der Prozess eine besondere Vorgeschichte haben: Vor dem Landgericht Tübingen läuft derzeit die Berufungs-Verhandlung gegen einen Reutlinger wegen vorsätzlicher Körperverletzung in einem Kreisliga-Kick. Die Zeugenbefragung gestaltete sich schwierig – jeder hat die Szene anders gesehen. Die Staatsanwaltschaft hat daraufhin sogar Anklage wegen Falschaussage erhoben. Die Verhandlung wird am 19. Oktober fortgesetzt.

30.09.2010
  • Hansjörg Lösel

Tübingen. Man kennt das Phänomen aus der dritten Halbzeit in der Vereinsgaststätte: Bei der Diskussion am Stammtisch hat jeder offenbar ein anderes Fußballspiel gesehen, dieselbe Szene wird mal als eindeutiger Elfmeter, mal als klare Schwalbe beschrieben. Wie grundverschieden die Erinnerungen von Augenzeugen eines Fußballspiels sein können, zeigt derzeit eine Verhandlung am Tübinger Landgericht.

Dort geht derzeit das juristische Nachspiel des Kreisliga-Kicks SV Degerschlacht gegen TB Kirchentellinsfurt vom 7. Dezember 2008 in die zweite Halbzeit, nachdem das Amtsgericht Reutlingen in erster Instanz eine Geldstrafe verhängt hatte. In der Berufungsverhandlung muss sich ein Degerschlachter Spieler wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantworten. Fast zwei Jahre nach dem Abpfiff gehen die Schilderungen der Szene allerdings weit auseinander; der eine Zeuge hat das Foul in der ersten, ein anderer in der zweiten Hälfte gesehen – und der Schiedsrichter hat nicht mal bemerkt, dass ein Krankenwagen auf den Sportplatz kam.

Unstrittig ist: Der Geschädigte M., ein Fußballer des TB Kirchentellinsfurt ist an jenem 7. Dezember 2008 ins Krankenhaus eingeliefert worden, dort wurden Hämatome sowie eine Nieren-Ruptur zweiten Grades festgestellt. Der Kicker musste insgesamt zwei Wochen lang im Krankenhaus bleiben, konnte erst Anfang März seine Arbeit als Vertriebsmitarbeiter wieder aufnehmen. M. erstattete Anzeige gegen T., seinen damaligen Gegenspieler.

Das Amtsgericht Reutlingen verurteilte T. Anfang 2010 zu einer Geldstrafe; gegen dieses Urteil legten sowohl die Vertreter des Beklagten als auch die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Vor dem Landgericht Tübingen wird der Fall deshalb neu aufgerollt – Richterin Schmid installierte extra ein Tischfußball-Feld im Gerichtssaal und ließ sich die Szene mit Tipp-Kick-Männchen nachspielen. Sportliches Interesse zeigten auch die Anwälte und stellten dem Kirchentellinsfurter Spielführer Taktik-Fragen („Viererkette oder mit Libero?“)

Dass die Degerschlachter Vereinskameraden bei ihren Aussagen vor dem Amtsgericht nach Entlastungen für den Mitspieler gesucht hatten, fand indes die Staatsanwaltschaft nicht besonders witzig – gegen einige Zeugen wurde deshalb Klage erhoben wegen uneidlicher Falschaussage. In Tübingen machten daraufhin mehrere Zeugen von ihrem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Gesprächig zeigte sich dagegen der Schiedsrichter. Allerdings lieferte der Unparteiische aus Kirchheim ein eher vages Bild der Geschehnisse.

Zwar wollte er sich an die fragliche Szene „hundertprozentig“ erinnern, die sich in der zweiten Halbzeit abgespielt habe. Als sich jedoch durch die Prüfung der Einsatzprotokolle zweifelsfrei heraus stellte, dass der Krankenwagen noch vor der Pause alarmiert wurde, war er „ganz baff“. Auch der Krankenwagen war dem Schiedsrichter gar nicht aufgefallen. Nicht restlos klären ließ sich die Frage, ob der Degerschlachter für das Foul eine gelbe Karte erhalten hat. Dass er laut Spielbericht einen Kirchentellinsfurter Spieler vom Platz gestellt hatte, war dem Schiedsrichter nicht mehr geläufig. Erst bei einem Anruf eines Staffel- oder Abteilungsleiters habe er von der Verletzung erfahren, so der Unparteiische.

Der Sachverständige, ein Rechtsmediziner, wies nochmals daraufhin, dass es nicht durch bloßes Rempeln zu einer solchen Nieren-Ruptur kommen könne. Hierfür sei eine kleinflächige Gewalteinwirkung von hinten erforderlich, möglich sei ein Kniestoß, Ellenbogen- oder Faustschlag. Nach dieser Auskunft und zwei weiteren Versionen zum Tathergang von Mitspielern fragte die Richterin, ob eie Berufungs-Rücknahme in Betracht komme. Nachdem dies die Verteidigung ablehnte, wird die Verhandlung am 19. Oktober fortgesetzt.

Fußballer beschäftigen auch Gerichte

Ein gewisses Risiko geht jeder Amateur-Fußballer ein, wenn er ein Spiel bestreitet – darauf weist der Württembergische Fußball-Verband (WFV) ausdrücklich hin. Deshalb seien Verletzungen – auch schwerwiegende – infolge regelkonformen Spiels strafrechtlich grundsätzlich nicht relevant. Anders verhält es sich jedoch in Fällen, bei denen ein Gegenspieler durch schwer wiegende Regelverstöße zu Schaden kommt. Diese Fälle können zivil- und strafrechtliche Ahndungen nach sich ziehen. Auch in der Region hat es schon Urteile gegeben: Im Jahr 1998 verurteilte das Amtsgericht Rottenburg einen Kicker aus Wendelsheim zu einer Geldstrafe von 6000 Mark. Bei einem Bezirksliga-Spiel hatte sich ein Fußballer des SV Nehren zuvor einen zweifachen Kieferbruch zugezogen.

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30.09.2010, 12:00 Uhr

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