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100 Meter für Güter und Waffen

Vor hundert Jahren plante Carl Bosch den Güterbahnhof

Der Tübinger Güterbahnhof ist seit 20 Jahren außer Betrieb. Wie es mit den denkmalgeschützten Gebäuden in der Eisenbahnstraße weitergeht, ist noch völlig offen. Für die Ausstellung „Schwelle zur Moderne – 150 Jahre Eisenbahn in Tübingen“, die am 10. Juni im Stadtmuseum eröffnet wird, hat Stadtarchivar Udo Rauch unter anderem auch die Geschichte dieses Bahnhofs erforscht. Auszüge aus seinem Text, der zur Ausstellungseröffnung in einem Katalog erscheint, gab er den ZEITZEUGNISSEN vorab.

10.05.2011
  • Udo Rauch, Leiter des Stadtarchivs Tübingen

Kaum einer kennt ihn wirklich, den Tübinger Güterbahnhof. Zwischen Neckar und Südstadt fristet er, seit 1990 stillgelegt, ein stilles Schattendasein. Von dem interessanten Gebäudetrakt sind komplette Planserien und Akten erhalten. Demnach wurde das erste Baugesuch bereits im August 1910 bei der Stadtverwaltung eingereicht. Antragsteller war die „Königliche Eisenbahn-Hochbausektion“ in Cannstatt beziehungsweise deren Chefplaner Carl Bosch.

Er sah ein dreiteiliges Gebäude vor: Ein Verwaltungsgebäude als Kopfbau, eine Güterhalle mit knapp 50 Metern Länge und eine offene Halle mit 21 Metern Länge. Noch während der Bauausführung im August 1911 wurde allerdings beschlossen, diese Unterfahrt zu schließen und in den Hauptbau zu integrieren. Da man aber trotzdem auf einen vor Regen geschützten Bereich im Freien nicht verzichten wollte, verlängerte man den Gesamtbau um 12 Meter und schuf am östlichen Ende eine offene Halle auf Freipfosten.

Diese ist noch auf den ältesten Fotografien zu sehen, wurde aber zu einem unbekannten Zeitpunkt ebenfalls geschlossen und in den Gesamtbau integriert. Durch die Verlängerung während der Bauzeit entstand schließlich das heutige rund 102 Meter lange Bauwerk. Die Breite der Güterhalle blieb unverändert von Anfang an bei 14 Metern.

Das Hauptgeschoss der Lagerhalle sollte ursprünglich nur als leichte Fachwerkkonstruktion errichtet und von außen mit einfachen Holzbrettern „vertäfert“ werden. Ganz offensichtlich dachte niemand daran, die Güterhalle zu beheizen. Wegen des raschen Umschlags der Waren erschien die luftige Lagerung als völlig ausreichend.

Für ihre zahlreichen Arbeiter auf der Baustelle des Güterbahnhofs ließ die Firma Gerber eine eigene Kantine samt Aborthäuschen errichten. Als Kantinenwirt beschäftigte die Firma einen gewissen A. Cozza. Das lässt vermuten, dass noch zahlreiche weitere Italiener am Bahnbau beschäftigt waren. Vielleicht darf man sogar die Vermutung hegen, dass beim Bau der Schwäbischen Eisenbahn in Tübingen statt nahrhafter Spätzle gelegentlich auch italienische Pasta serviert wurde.

Nach mehrjähriger Bauzeit konnte der Güterbahnhof im April 1913 endlich in Betrieb genommen werden. Die Tübinger Chronik schrieb begeistert vom „Anbruch einer neuen Spanne in der Geschichte des örtlichen Verkehrs“. Allein die Dimensionen des Bauwerks waren beeindruckend. Die Gleisanlagen erstreckten sich bis zur Lustnauer Markung und hatten eine Gesamtlänge von zwei Kilometern. Die breiteste Stelle maß etwa 140 Meter. Als Zufahrt diente die neue, zwölf Meter breite Eisenbahnstraße mit diversen Verladeplätzen und Verladestraßen. Für den neuen Bahnhof hatte die Königlich Württembergische Staatseisenbahn drei Millionen Mark aufgebracht und ihn modern ausgestattet.

Kaum war der Güterbahnhof offiziell in Betrieb genommen, begann im Jahr darauf der Erste Weltkrieg. Statt der erwünschten Warentransporte mussten nun erst einmal Kriegsgerät und Truppen per Bahn verfrachtet werden. Am 22. August 1914 – es war die dritte Kriegswoche – kam der erste Lazarettzug auf dem Tübinger Güterbahnhof an. Er hatte 600 Verwundete aus der Schlacht bei Saarburg an Bord. In den Kriegsjahren von 1914 bis 1918 hatte die Sanitätskolonne bei 115 Lazarettzügen Hilfe geleistet. In diesen Zügen hatten sich insgesamt 11.693 Verwundete befunden, die anschließend überall in der Stadt in den Kliniken und den sogenannten Reservelazaretten behandelt worden waren.

Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg war der Güterbahnhof als größter Umschlagplatz von Truppen und Kriegsgütern in der Region ein Ziel des alliierten Bombardements. Dies belegen eindrücklich Luftaufnahmen der amerikanischen Luftwaffe aus den letzten Kriegstagen. Das gesamte Gelände ist von Bombentrichtern übersät, die Gleisanlagen sind stark beschädigt und die Güterwagen aus den Gleisen gesprungen. Die Güterhalle selbst blieb allerdings durch einen glücklichen Zufall vom Bombardement verschont.

Zwischen den beiden großen Güterhallen befindet sich ein erhöhter Beobachtungsstand. Er hat zwei schießschartenartige Öffnungen, die mit einem massiven eisernen Schieber geschlossen werden können. Von diesem Stand aus wurden offensichtlich russische Kriegsgefangene während des Zweiten Weltkriegs beim Beladen von Rüstungsgütern bewacht.

Nach den Unterlagen des Stadtarchivs waren russische Kriegsgefangene regelmäßig zum Be- und Entladen von Güterzügen eingesetzt. So wurde dem Tübinger Gemeinderat am 14. September 1942 „über die Einrichtung der von Reichsmarschall Göring befohlenen Entladekolonnen in Tübingen“ berichtet. „Nach langen und schwierigen Verhandlungen sei es gelungen, eine Entladekolonne, bestehend aus 30 sowjetrussischen Kriegsgefangenen, hierher nach Tübingen zu bekommen.“

Plünderungen und schließlich das Ende

Deren Bewachung verlange „angesichts der Heimtücke und politischen Einstellung eine besondere Sorgfalt und Strenge“. Sie durften „nur in größeren, geschlossenen Gruppen zum Einsatz kommen“. Und weiter: „Die Arbeitsgruppen müssen ständig unter der Aufsicht von mindestens zwei Wachmännern stehen. Die Wachmänner haben ihre Aufstellung so zu wählen, dass sie die Gefangenen, wenn möglich aus überhöhtem Standpunkt, stets im Auge haben. Beim geringsten Versuch tätlichen Widerstandes ist von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.“

Tatsächlich hat der Beobachtungsstand im Güterbahnhof eine erhöhte Position und ist für zwei Wachmänner ausgelegt. Die schießschartenartigen Öffnungen legen nahe, dass von hier aus geschossen werden konnte. Nach gegenwärtiger Kenntnis gibt es bislang in Tübingen keine derart eindrücklichen Überreste, die noch an die bedauernswerten Geschicke von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Der besonders heftige Angriff vom 17. April 1945, zwei Tage vor dem Einmarsch der Franzosen, hinterließ im Umfeld des Güterbahnhofs eine breite Schneise der Zerstörung. 160 Volltreffer zerstörten einen großen Teil der Gleisanlagen und etwa 80 Güterwagen. Die Tübinger plünderten in den folgenden Tagen die aufgerissenen Waggons.

So berichtet zum Beispiel Viktor Kommerell, pensionierter Rektor der Oberrealschule, unbekümmert in seinen Erinnerungen: „Auf dem Güterbahnhof standen mehrere Züge, die Geleise waren zum Teil durch Bombentreffer aufgerissen, dazwischen wieder einzelne Bombentrichter, aber der Inhalt stand zur freien Verfügung. Ich erwischte Salz, Zwieback, Trockenkartoffeln, so viel man wollte und füllte meinen Rucksack bis oben.“ Viele andere taten es ihm gleich.

Größere Probleme für die Bahn ergaben sich in der Nachkriegszeit aus der zunehmenden Konkurrenz durch die Straße. Mehr und mehr verdrängte der Lastkraftwagen den Güterwaggon und ließ den Transport auf der Schiene einbrechen. Die Bahn reagierte mit einem Konzept des Rückzugs aus der Fläche. In Tübingen schritt sie 1990 zur Tat und legte den Güterbahnhof für immer still. Spediteure übernahmen die Güterhalle und besorgten den Frachtverkehr fortan per LKW.

Am 30. Dezember 1989 trafen sich die Beschäftigten des Güterbahnhofs ein letztes Mal, um Abschied zu nehmen. Symbolisch trugen sie in einen Sarg ihre Arbeitsplätze zu Grabe. Auch wenn die Stückgutbeförderung per Bahn damit aufhörte, gab es doch weiterhin Güterwagen, die in Tübingen abgefertigt wurden. Das TAGBLATT berichtete von 40 Wagenladungen pro Woche. Es handelte sich aber nur noch um Massengüter wie Öl, Betonrohre, Kohle, Schotter oder Holz und auch diese in abnehmender Menge.

Seinen letzten großen Einsatz erlebte der Güterbahnhof völlig überraschend 1991. Nachdem die französische Regierung den Abzug ihrer Truppen aus Deutschland beschlossen hatte, wurde auf den weiträumigen Gleisanlagen ein letztes Mal schweres Militärgerät verladen. Mit dem Abzug der französischen Streitkräfte, endete zugleich Tübingens mehr als hundertjährige Tradition als Garnisonsstadt.

Vor hundert Jahren plante Carl Bosch den Güterbahnhof
Sogar Postkarten vom hochmodernen Güterbahnhof und vom benachbarten „Industrie-Viertel“ gab es. Diese Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1914.

Vor hundert Jahren plante Carl Bosch den Güterbahnhof
Der erste Entwurf von Carl Bosch für den Tübinger Güterbahnhof. Er stammt aus dem Jahr 1910.

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10.05.2011, 12:00 Uhr

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