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Kannibalen mit Jodel-Vorlauf

Vor mehr als 600 Zuschauern wurden die Französischen Filmtage eröffnet

Festival-Eröffnungen sind dröge Angelegenheiten? Nicht in Tübingen. Statt ausufernder Reden regieren bei der Auftaktveranstaltung der Französischen Filmtage schon seit geraumer Zeit knackige Kurz-Interviews, witzige Video-Einspieler, Show-Einlagen und neuerdings auch interaktive Spielchen.

03.11.2016
  • Klaus Peter Eichele

Im Vorjahr war zum Gedenken an den verstorbenen Kinobetreiber und passionierten Biker Volker Lamm gemeinsam geknattert worden. Diesmal animierte die Öschinger Gesangslehrerin Cordula Hermenau das Publikum zum Massenjodeln. Mehr als 600 geladene und zahlende Gäste im rappelvollen Kino Museum gaben ihr bestes. Zuvor schon hatten vier Blasmusiker in ihre Alphörner gestoßen. Hintergrund der alpenländischen Stimmungsmache: Die Schweiz ist diesmal prominenter als üblich auf dem Filmtage-Spielplan präsent.

Moderiert wurde die Zeremonie wie schon im Vorjahr von Andrea Bachmann, deren schwarzes Pailletten-Kleid die Garderobe aller übrigen Premierengäste in den Schatten stellte. Ansonsten oblag es der amtierenden Pressesprecherin der Filmtage, der auf die Bühne gebetenen Prominenz aus Politik und Kultur die Bälle zuzuspielen. Tübingens OB Boris Palmer entlockte Bachmann etwa das Geständnis, dass er sich am liebsten Filme anschaue, „die nicht den Ansprüchen der Französischen Filmtage genügen“. Carl Bergengruen von der Stuttgarter Medien- und Filmgesellschaft lenkte den Blick auf den von seiner Organisation mitgesponsorten Verleihförderpreis des Festivals. Auch dank dieses Anschubs sei die Komödie „Birnenkuchen mit Lavendel“ in diesem Jahr zum Publikumshit in Deutschland aufgestiegen. Der Schweizer Konsul Hans-Peter Willi und die französische Kulturattachée Emilie Boucheteil lobten das Engagement der Französischen Filmtage für ihre Länder.

Vor mehr als 600 Zuschauern wurden die Französischen Filmtage eröffnet
So viele Leute (und noch ein paar mehr) braucht es, um die Französischen Filmtage zu organisieren. Festivalleiter Christopher Buchholz (Mitte) bedankt sich beim Team.Bild: Sommer
Und wo war Festivalleiter Christopher Buchholz? Er verhedderte sich zunächst als tragikomischer Held einer auf die Leinwand projizierten Trickfilm-Serie zwischen der Schweiz und Deutschland, ehe er es doch noch leibhaftig auf die Museums-Bühne schaffte. Wer sonst hätte dem vielköpfigen Filmtage-Team für seinen Einsatz danken sollen?

Nach kurzweiligen, aber doch etwas überlangen 75 Minuten betrat mit Bruno Dumont einer der renommiertesten, wenngleich bislang vor allem in Filmkunst-Kreisen rezipierten französischen Regisseure die Szenerie. Mit der Burleske „Ma loute“, die die Filmtage zur Eröffnung ausgesucht haben, zielt er nun auf ein größeres Publikum. Mitgebracht hatte er seine junge Hauptdarstellerin Raph, die er selbst für den Film entdeckt hat. „Wenn man am Drama kratzt, kommt eine Komödie heraus“, gab Dumont den Zuschauern etwas kryptisch mit auf den Weg.

Stimmen zum Film lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor, aber man geht wohl nicht falsch in der Annahme, dass sich an „Ma loute“ die Geister scheiden. Eine arme Muschelsammlerfamilie, die sich mit den Mitteln des Kannibalismus gegen die Invasion reicher Sommerfrischler in ihr Küstendorf zur Wehr setzt – eine solche Geschichte fällt nicht gerade ins Raster eines typischen Tübinger Wohlfühlfilms. Sympathische Figuren sucht man vergebens: Die Geldsäcke sind blasierte Gecken, die Habenichtse verschlagen und zwei Polizisten, die das Verschwinden der Urlauber aufklären sollen, Volltrottel in der Tradition von Schulze und Schultze. Eine klassenübergreifende Lovestory nährt nur kurz die Hoffnung auf ein Happy-end.

Den Horror verabreicht Dumont immerhin nur in kleiner Dosis. Vielmehr setzt er die im frühen 20. Jahrhundert angesiedelte Erzählung auf die Schiene einer Dada-Slapstick-Komödie, deren Humor man grandios grotesk oder auch abgrundtief albern finden  kann. Einigen kann man sich wohl darauf, dass Juliette Binoche noch nie so nervensägend war und die Bilder vom normannischen Küstenlandstrich höchst ansehnlich sind.

Die Filmtage besuchen ihre alte Heimat

Die Französischen Filmtage zeigen bis zum kommenden Mittwoch mehr als 120 aktuelle Filme aus dem gesamten frankophonen Raum. Spielorte sind in Tübingen die Kinos Museum (alle drei Säle), Arsenal und Atelier, in Rottenburg das Waldhorn, in Mössingen die Lichtspiele und in Stuttgart das Delphi. Zum ersten Mal ist auch das Reutlinger Programmkino Kamino von der Partie. Damit kehrt das Festival zurück in die Stadt, die es 1983 bei seiner ersten Ausgabe beherbergt hatte. Erst im Jahr darauf erfolgte der Umzug nach Tübingen. Im Vorjahr gingen nach Angaben der Veranstalter 14700 Zuschauer in die Festivalfilme.

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03.11.2016, 01:00 Uhr

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