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Jubelfest wegen Krise abgesagt

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel

Logistische Herausforderungen, tonnenweise neues Geld, große Hoffnungen und ein Jahrzehnt später Krise und Bangen: der Euro – und wie er vor zehn Jahren auch in den Kreis Tübingen kam.

05.01.2012
  • Madeleine Wegner

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel
Sammellager der Tübinger Kreissparkasse: Der Währungs-Wechsel vor zehn Jahren stellte die Banken vor logistische Probleme. Erst blockierten palettenweise die neuen Euros die Tresore, dann häuften sich die DM-Kisten.Archivbild: Metz

Kreis Tübingen. „Das war zunächst die größte Herausforderung: Den Bedarf an der neuen Währung zu bestimmen und bereitzustellen“, erinnert sich der damalige Eurobeauftragte der Tübinger Volksbank Uwe Märkle. Mit Hilfe eines Rechentools der Bundesbank und der Kundenkonten-Daten ermittelten die Banken den Bedarf an der neuen Währung, die ab dem 1. Januar 2002 in die Geldbeutel kommen sollte.

Eine besondere logistische Herausforderung stellten die Euro-Münzen dar: Sie kamen in Holzkisten mit einem Meter Kantenlänge. „Die waren natürlich schwer“, berichtet Märkle. Die Kisten mussten in die Tresore geschafft werden – keine leichte Aufgabe: „Unsere Tresore liegen nicht alle ebenerdig.“

Bei der Arbeit haben deshalb auch Kassierer, Hausmeister und Botenkräfte mit angepackt. „Wir haben die Kisten überall im Tresor gestapelt und manche auch in die Filialen ausgelagert“, erinnert sich Märkle. Schubweise lieferte die Bundesbank Kisten und Säcke voller Geld an. „Nur sehr wenige waren in den Dispositionsverkehr involviert. Teilweise wusste nur der Filialleiter, wann genau eine Lieferung mit den frisch gedruckten neuen Noten kommt“, so Märkle.

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel
Warten auf die Starter-Kits: Schlange vor der Hauptstelle der Kreissparkasse im Dezember 2001. Archivbild: Metz

„Am Anfang war es wichtig, die neue Währung erstmal kennenzulernen“, erinnert sich Märkle. Für die Bank-Mitarbeiter gab es Schulungen. Denn die Euro-Scheine unterschieden sich deutlich vom alten Geld: „Die D-Mark-Scheine waren ja ganz glatt, der Euro dagegen war richtig griffig, schwerer zerreißbar und erinnerte an Schweizer Franken“, so Märkle. An Präsentationsscheinen lernten die Bänker schon Monate vor der Umstellung, wie die neuen Banknoten auf Echtheit zu prüfen waren, denn: „Es gab ja damals noch gar keine Prüfgeräte.“

Der Euro im Tütchen: Starter-Kit für 20 DM

Die neuen Münzen selbst in Händen halten konnte schon vor der Umstellung, wer sich ein so genanntes Starter-Kit holte: Die Bundesbank hatte Plastiktütchen vorbereiten lassen mit Euro-Münzen im Wert von 10,23 Euro. Die Kreissparkasse am Lustnauer Tor wie auch die Volksbank hatten Extra-Schalter geöffnet, um lange Schlangen bei der Ausgabe dieser Münzsätze, die es vom 17. Dezember an gab, zu vermeiden.

Doch der Andrang war geringer als erwartet: Menschenmengen in oder gar vor den Bank-Filialen gab es in Tübingen keine. Auch zum Umtausch der D-Mark in Euro hatten die Banken mit großem Andrang gerechnet, der aber ausblieb. „Wir waren überrascht, wie einfach das war“, sagt Märkle.

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel

Schon eine knappe Stunde nach Mitternacht spuckten die Geldautomaten an Neujahr 2002 Euro- statt Mark-Scheine aus. Weniger flott funktionierte die Umrüstung der Parkuhren. Rund 100 mechanische Einzel-Parkuhren waren nicht pünktlich zum Wechsel umgerüstet und nahmen noch tagelang keine Euro-Münzen an. Zur Freude mancher Autofahrer: Da der Euro seit dem Neujahrstag alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel war, war niemand gezwungen, DM-Münzen für die Parkuhr dabei zu haben.

Obwohl Mark und Euro zwei Monate lang parallel liefen, nahmen viele Kneipen und Geschäfte im Kreis ab Neujahr 2002 nur noch Euro an. Doch die meisten hatten provisorische Wechselstuben neben ihren Ladenkassen eingerichtet – ausgerüstet mit Umrechnungstabelle und reichlich Euro-Münzgeld. Alles in allem lief der Währungswechsel im Kreis Tübingen unproblematischer als erwartet.

Bereits eine Woche nachdem Euro und Cent in Umlauf gebracht waren, brachte der Handel nur noch wenig D-Mark in die Banken: Viele Kunden zahlten gleich mit Euro. Der Bedarf an Wechselgeld war dadurch geringer als erwartet. Am 7. Januar enthielten die Nachttresor-Büchsen bereits zu zwei Dritteln Euro-Scheine. So funktionierte der Euro-Kreislauf schon nach wenigen Tagen – und nicht erst Mitte Januar wie Experten angenommen hatten.

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel
Prof. J. Starbatty Archivbild: Sommer

In diesen ersten Wochen häuften sich immense Mengen an Mark-Münzgeld an. In der Hauptstelle der Kreissparkasse und in ihren Filialen waren das allein im Januar rund 90 Tonnen. Zum Vergleich: In normalen Monaten wurden vier bis acht Tonnen eingezahlt. Die ausgedienten Mark-Scheine wurden vernichtet, die Mark-Stücke und Pfennige hingegen deformiert und in den Schrotthandel gegeben.

Seit dem 1. März 2002 tauscht nur noch die Deutsche Bundesbank D-Mark – bis heute gebührenfrei und zeitlich unbegrenzt. Auch in jüngster Zeit kamen Kunden aus der Region, um größere Beträge umzutauschen. Eine fast unglaubliche Geschichte erlebte dabei ein Mann, der im Internet ein Auto ersteigert hatte. Zum Reparieren und Reinigen des Wagens löste er Fußmatte und Teppichboden – und fand 17.000 Mark. Auf Weisung seines Bürgermeisters wurde der Betrag als Fundsache erklärt. Als sich im Lauf eines Jahres kein Eigentümer meldete, durfte der Finder die Summe behalten (abzüglich einer Bearbeitungsgebühr).

Nach Auskunft der Bundesbank sind grob geschätzt noch 14 Milliarden DM in Umlauf. Kein Wunder also, dass Aktionen wie die vom Belsener „Lädle“ (siehe Steinlach-Seite) oder der Tübinger „Silberburg“, bei denen Kunden zeitweise wieder mit der alten Währung zahlen konnten, gut angenommen wurden.

Die jetzige Krise übertönt die Vorzüge

Die Mark ist Geschichte und birgt Geschichten. Weniger zum Schmunzeln regt allerdings die bisherige Geschichte der europäischen Einheitswährung an. Die kurzfristigen Folgen der Euro-Einführung, denen vor allem kleinere Unternehmen sorgenvoll entgegen sahen, erwiesen sich zwar als „nicht so dramatisch“, wie sich Armin Hornung vom Vorstand der Tübinger Volksbank erinnert. Mittlerweile ist die Einheitswährung aber namensgebend für die Schulden-Krise geworden.

Vor zehn Jahren kam der Euro in die Geldbeutel
Uwe MärkleBild: Privat

Dabei sieht Hornung jedoch die Gefahr, „dass zu einseitig diskutiert wird“. Die Unternehmen haben seiner Meinung nach vom Euro profitiert. Außerdem zähle zu den wirtschaftlichen Vorteilen die geringere Abhängigkeit vom Dollar-Kurs. Einen wichtigen Schritt sieht Hornung zudem in den Handelsverflechtungen Europas: der gestiegene Export auch kleinerer Unternehmen etwa nach Spanien und Frankreich oder auch das einfachere Studieren im Ausland. „Das sind die kleinen Effekte, die man auch sehen muss“, sagt Hornung.

Zukunftsaussichten: „Noch zwei Jahre“

Der emeritierte Tübinger Professor für Wirtschaftswissenschaften und Euro-Gegner Joachim Starbatty hatte vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Einführung des Euro geklagt. Als gravierendste Folge der Währungsunion sieht er die fehlende nationale Geldpolitik, die auf nationale Problemherde reagieren könne. „Bei gemeinschaftlichem Geld gibt es keine nationale Währungspolitik mehr, die durch Abwertung der eigenen Währung die eigene Wettbewerbsfähigkeit sichert“, sagt Starbatty. Die Eurozone drohe zu zerbrechen.

Zu den anfänglichen Gewinnern der Währungsunion zählt er unter anderem Griechenland, Portugal und Spanien. „Sie alle haben das niedrige deutsche Zinsniveau geerbt – die erhoffte Eurodividende – und so Milliarden von Euro bei öffentlicher und privater Kreditaufnahme“, erklärt der Ökonom. „Doch haben sie die niedrigen Zinsen nicht zur Sanierung und Modernisierung genutzt, sondern um ein großes Fass aufzumachen. Heute muss die arbeitende Bevölkerung in diesen Ländern dafür büßen und riesige Schuldenberge abtragen“, sagt Starbatty. Dass Deutschland der Hauptprofiteur des Euro ist, sei „ein Märchen, um die Bevölkerung ruhig zu stellen. Deutsche Produkte werden gekauft, weil sie preis- und qualitätsmäßig die besten waren.“

Aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers gibt es für die überschuldeten Länder nur eine Lösung: „Sie müssen aus der Eurozone austreten, zu ihrer nationalen Währung zurückkehren und ihre Währung abwerten lassen. So ersetzen sie fehlende inländische durch ausländische Nachfrage und sind auch wieder Herr in ihrem eigenen Haus.“

Die Zukunft des Euro zeichnet Starbattys düster: „Wenn die Regierungschefs, die ihre Politik an Nicolas Sarkozy und Angela Merkel ausrichten, bei ihrem Kurs bleiben, gebe ich dem Euro noch zwei Jahre.“

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05.01.2012, 12:00 Uhr

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