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Mehr als bloß Einschlafhilfe

Vorlesen fördert schulische Leistung und Persönlichkeitsentwicklung

Die einen lesen ihren Sprösslingen jeden Abend vor, andere gar nicht. Dabei hat das Vorlesen für Kinder im Vorschulalter einer neuen Studie zufolge maßgeblichen Einfluss auf Persönlichkeit und Erfolg.

10.11.2015
  • ANTONIA LANGE, DPA UND EPD

Berlin Regelmäßiges Vorlesen unterstützt einer Studie zufolge die individuelle Entwicklung von Kindern. Werde Kindern regelmäßig vorgelesen, seien sie häufiger darum bemüht, andere in die Gemeinschaft zu integrieren. Auch sei der allgemeine Gerechtigkeitssinn dieser Kinder besonders ausgeprägt, heißt es in der gestern in Berlin vorgestellten Vorlesestudie 2015.

Studienleiterin Simone Ehmig, die Leiterin des Instituts für Lese-und Medienforschung der Stiftung Lesen, betont auch, dass Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, häufiger als fröhlich und selbstbewusst beschrieben werden als jene, denen nur selten oder nie vorgelesen wurde. Vorlesen stärke darüber hinaus auch die sozialen Beziehungen, in denen Kinder leben.

Einige Fragen und Antworten zum Thema:

Wie viel wird in Deutschlands Kinderzimmern vorgelesen? Mindestens jedes dritte Elternpaar liest Kindern, die noch nicht selbst lesen und schreiben können, mehrmals in der Woche vor. 18 Prozent der Befragten nehmen sogar täglich ein Buch für ihre Sprösslinge zur Hand. Doch es läuft auch anders: 15 Prozent lesen ihrem Nachwuchs seltener als einmal die Woche vor, weitere 15 Prozent nie. In dieser Gruppe gibt es auch keine großen Änderungen: Schon 2014 ergab die Studie, dass rund 30 Prozent aller Eltern in Deutschland ihren Kindern selten oder gar nicht vorlesen.

Hat Vorlesen Einfluss auf den schulischen Erfolg? Zu dem Ergebnis kommt zumindest die Studie. Die Durchschnittsnote im Fach Deutsch liegt demnach für Acht- bis Zwölfjährige, denen täglich vorgelesen wurde, um sieben Zehntel über der von Kindern, deren Eltern selten oder nie zum Buch greifen. Auch in anderen Fächern wie Biologie oder Kunst schneiden sie besser ab. 84 Prozent der fleißigen Vorleser sagten: "Mein Kind ist gut in der Schule." Bei den Nicht- oder Selten-Vorlesern gab das nur knapp jeder Dritte an. Bei den Kindern selbst hielt sich aus der ersten Gruppe jedes Zweite für schulisch erfolgreich - von den wenig Belesenen waren es 12 Prozent.

Wie wirkt sich das Bildungsniveau der Eltern aus? Die Unterschiede bei den Schulnoten sind davon unabhängig. Die Anteile der Kinder mit sehr guten oder guten Deutschnoten waren demnach bei sämtlichen Bildungsschichten ähnlich. Nach Erkenntnissen der Studienautoren haben auch alle anderen Zusammenhänge zwischen Vorlesen und Verhalten der Kinder nichts mit dem Schulabschluss der Eltern zu tun. Der Bildungserfolg insgesamt wird nach einer Befragung vom Institut für Demoskopie Allensbach indes maßgeblich vom Elternhaus beeinflusst. Demnach gehen Schüler aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern dreieinhalb Mal so oft auf Sekundarschulen jenseits von Gymnasium oder Gesamtschule.

Wie wirkt sich Vorlesen abgesehen vom schulischen Erfolg aus? Sogar auf den "Ernst des Lebens" können Bücher Kinder demnach schon früh vorbereiten. 80 Prozent der belesenen Acht- bis Zwölfjährigen glauben, dass ihre Mitschüler sie als "sehr zuverlässig" oder als jemanden, der "normalerweise nie zu spät" kommt, beschreiben würden. "Diese Kinder sind zupackend und aktiv", erklärt die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung, Simone Ehmig. "Diese Kinder sind eher bereit, in ihrem späteren Berufsleben Verantwortung zu übernehmen und kreativ Dinge voranzubringen." Bei den Kindern, deren Eltern selten oder nie Bücher für sie zu Hand nehmen, hielt sich nicht einmal jedes Zweite für zuverlässig und pünktlich.

Hat der Buchkontakt auch Auswirkungen auf das Interesse an anderen? Das lässt sich zumindest aus den Einschätzungen von Eltern und Kindern folgern. Rund 90 Prozent der Vielvorleser sagten, ihr Kind, "spielt gern mit anderen zusammen" und "knüpft schnell neue Freundschaften". Andere Eltern sagten das deutlich seltener über ihre Sprösslinge.

Sind die positiven Eigenschaften wirklich Folge des Vorlesens? Das fragten sich die Studienautoren auch - und machten die Gegenprobe und ermittelten auch die sozialen Erfahrungen der Kinder, die deren Verhalten ähnlich positiv hätten beeinflussen können. Das Ergebnis: Auch sozial isolierte Kinder zeigten die positiven Eigenschaften, wenn ihnen viel vorgelesen wurde.

Welchen Einfluss haben Inhalt und Art des Buches? Das wurde in der Studie nicht erhoben. "Ich glaube, dass es gar nicht so sehr auf den Inhalt ankommt", sagt Jörg Maas, der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Zudem gebe es nicht "den" einen Lesestoff für eine bestimmte Altersklasse. Welche Bedeutung die Art des Buches hat, erforschte die Studie im Vorjahr. Ergebnis: Das Medium spielt keine Rolle. Es kann das klassische Kinderbuch sein, aber auch ein Tablet oder Computer. Vor allem Väter schätzen demnach neue Technik.

Info Für die Vorlesestudie wurden vom 30. Juni bis 31. Juli dieses Jahres 524 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren sowie ihre Mütter befragt. Die Studie ist ein gemeinsames Projekt der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung "Die Zeit" und der Deutsche-Bahn-Stiftung. Sie wird seit 2007 jährlich erstellt.

Vorlesen fördert schulische Leistung und Persönlichkeitsentwicklung
Kinder sind meist mit Feuereifer dabei, wenn ihnen Erwachsene Geschichten vorlesen. Fotos: Sergey Nivens/ Fotolia, Esslinger

Vorlesen fördert schulische Leistung und Persönlichkeitsentwicklung

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10.11.2015, 12:00 Uhr

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