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Bild der Arbeit erneuern

Vorsitzender Hofmann nimmt Mitglieder und Politik in die Pflicht

"Im Gehen lernen", fordert der neue Vorsitzende Jörg Hofmann von den Mitgliedern der IG Metall. Sie müssten sich einbringen, um die Zukunft mitzugestalten. Aber auch die Politik sei gefragt.

22.10.2015
  • THOMAS VEITINGER

Frankfurt Erst Ausbildung, dann 40 Jahre im selben Unternehmen, schließlich Rente. So skizziert Jörg Hofmann das Standard-Erwerbsleben in den 70er Jahren. 40 Jahre später sehe dies anders aus, wie der neugewählte IG-Metall-Chef in seinem Zukunftsreferat anfügte: "Heute wird kaum ein 20- bis 30jähriger Mensch ohne Weiterbildung, ohne Kinder- und Familienzeiten und ohne Neuorientierungsphase durchs Berufsleben kommen."

Das Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit auf der einen und Selbstbestimmung und Flexibilität auf der anderen Seite ist ein Schwerpunkt der Arbeit Hofmanns. Ein "neues Normalarbeitsverhältnis" sei nötig, sagte er vor 480 Delegierten des Gewerkschaftstages. Das heißt: Sicherheit für alle, gerade auch, wenn es Brüche und Umorientierung im Lebenslauf gibt. IG-Metall-Leitanträge zu Arbeitszeit, Werkverträgen und Rente zeigten dies.

"Wir müssen unser Bild von Arbeit erneuern", mahnte er die Kolleginnen und Kollegen in seiner einstündigen, nicht mitreißend vorgetragenen, aber auch nicht emotionslosen oder rein intellektuellen Rede. "Die Arbeitszeitpolitik in den Betrieben hat sich vielfältig und oft ungesteuert weiterentwickelt - getrieben vor allem von unternehmerischen Interessen, selten von Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten." Die tatsächlichen Arbeitszeiten nehmen zu und Millionen Stunden würden nicht bezahlt. Hofmann: "Dies ist eine Missachtung des Werts der Arbeit."

Der schnelle Ruf nach mehr Flexibilität führe in eine Sackgasse. Aber: "Flexibilität ist immer funktional, nie ein Ziel, ein Wert an sich". Die notwendige "Neujustierung der Arbeitszeit" soll nun eine bundesweite Kampagne bündeln. Die 35-Stunden-Woche "war und ist eine brillante Idee". Ehrlicherweise müsse aber gesagt werden, dass sich die Arbeitszeit vielfältig entwickelt habe. So seien etwa Regeln für Arbeit von zuhause nötig. Viele Beschäftigte hätten diesen Wunsch.

In die Pflicht nimmt Hofmann dabei nicht nur die IG-Metall-Mitglieder: Immer wieder rief er sie dazu auf, Position zu beziehen, sich zu beteiligen, Kollegen anzusprechen. Auch die Politik müsse ein "neues Leitbild für Wirtschaft und Sozialstaat" entwerfen. Von der Bundesregierung gebe es oft keine klare Antwort. Noch immer sei Deutschland etwa mit der Reparatur der Folgen des alten neoliberalen markt- und wettbewerbsfreundlichen Leitbilds der 80er und 90er Jahre beschäftigt. Den Anforderungen der vierten industriellen Revolution werde man nicht gerecht. Dabei rücke Arbeit und ihre Stellung in der Gesellschaft wieder in den Mittelpunkt der Debatten, sagte Hofmann und begründete dies auch mit dem Autor Thomas Piketty und seiner These "dass dem Kapitalismus ökonomische Ungleichheiten immanent und daher staatliche Regularien unverzichtbar sind".

Dies sah die Gastrednerin Bundeskanzlerin Angela Merkel nur begrenzt so. Sie habe sich beim Mindestlohn etwa gewünscht, dass dies Arbeitgeber- und -nehmervertreter untereinander ausgemacht hätten. Wegen der schwindenden Tarifvertragsbindung vieler Firmen sei dies nicht möglich gewesen. "Halten sie ihre Truppe zusammen, dann haben wir es in der Politik einfacher", gab Merkel Hofmann mit auf den Weg. Sie werde sich für eine stärkere Tarifvertragsbindung einsetzen.

Hofmann dagegen nahm mit den Worten "Wandel braucht Sicherheit" Politik in die Pflicht: Eine verlässliche Übereinkunft europäischer Länder sei nötig. Der grundlegende wirtschaftliche Wandel, werde nur durch einen handlungsfähigen Sozialstaat bewältigt.

Ein weiteres Spannungsfeld in der Arbeit sieht der neue IG-Metall-Vorsitzende zwischen Rationalisierung und Qualität. Digitalisierung habe weitgehende Folgen auf Jobs und Tätigkeitsprofile. Die deutsche Industrie müsse "das Cockpit der Industrie 4.0 besetzen". Er könne den Spruch vom lebenslangen Lernen aber nicht mehr hören. Dieser müsse endlich mit Arbeitsorganisation und Personalentwicklung verknüpft werden.

Vorsitzender Hofmann nimmt Mitglieder und Politik in die Pflicht
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit dem Vorsitzenden der IG Metall, Jörg Hofmann. Foto: dpa

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22.10.2015, 12:00 Uhr

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