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Diözesanmuseum - Vom Sehen und Verstehen

Vorträge von Bischof Fürst und Direktor Urban

„Wir müssen sehen, was wir verstehen wollen.“ Unter dieses Motto stellte Bischof Gebhard Fürst am Mittwochabend seinen Festvortrag zum 150-jährigen Bestehen des Diözesanmuseums. Die Geschichte der Sammlung schilderte Kustos Wolfgang Urban.

05.10.2012
  • Ulrich Eisele

Von Thomas Höpker stammt das oben zitierte Motto, von einem in New York lebenden deutschen Fotografen. Am 11. September 2001 schoss er eine Fotoserie von den Anschlägen auf die Twin Towers. Bischof Fürst wählte dieses Beispiel, um zu verdeutlichen, wie Bilder unser Bewusstsein prägen. Sie können das Unsagbare darstellen, lautete seine These, und diese Erfahrung lasse sich auch auf die religiösen Bilder im Diözesanmuseum übertragen.

Wie aber lässt sich dies mit der seit der Reformation gängigen Ansicht vereinbaren, der Glaube komme vom Hören? Von der Predigt? Man müsse den Bildern ein neues Recht einräumen, forderte der Bischof, die ästhetische Dimension des Glaubens müsse in der Verkündigung neuen Raum bekommen. „Wir dürfen den Sinnbildern nicht zu früh Urlaub geben, sonst fehlt eine Dimension des Glaubens.“

Fürst streifte auch die Geschichte des Bildersturms in der Reformation. Martin Luther habe gegenüber Zwinglianern und Calvinisten stets den Nutzen religiöser Bilder behauptet: „Als Gedächtnis und Zeugnis sind die Bilder nicht nur zu dulden, sie sind löblich und ehrlich“, zitierte er den deutschen Reformator. Entscheidenden Wert maß er einem Dekret des Trienter Konzils (1563) zu, wonach „den Bildern Christi und der Gottesgebärerin die schuldige Hochachtung zu erweisen“ sei. Ohne dieses Dekret sei die barocke Bilderwelt unvorstellbar.

Das Diözesanmuseum nannte er einen „Ort religiös-ästhetischer Bildung“, eine „visuelle Glaubensschule“, in welcher der Glaube „indirekt“ vermittelt werde. Viele Bilder seien inzwischen so vergessen, dass man sie wieder „neu und jugendfrisch erleben“ könne.

Diözesanmuseum wurzelt in der Romantik

Zuvor hatte Diözesankonservator Wolfgang Urban die Anfänge des Diözesanmuseums und seine Geschichte in einem unterhaltsamen Vortrag beleuchtet. Dessen historische Wurzeln datierte er in die Zeit der Romantik zurück. Insbesondere die Brüder Boisserée mit ihrer riesigen Kunstsammlung des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, die von 1819 bis 1829 in Stuttgart ausgestellt war, zählte er zu den Vorbildern, sowie Johann Baptist Hirscher, einen der bedeutendsten Theologen des 19. Jahrhunderts. Von ihm ließ sich dessen Schüler Johann Georg Martin Dursch anstecken, Pädagoge und Pfarrer in Wurmlingen bei Tuttlingen. Er sammelte den Grundstock für zwei Museen: das Dominikanermuseum in Rottweil und das Diözesanmuseum in Rottenburg.

Während die Holzbildwerke und Altarblätter des 14. bis 17. Jahrhunderts aus der Sammlung Dursch durch großzügige Schenkung König Wilhelm I. von Württemberg an die Stadt Rottweil gingen, konnte der zweite Rottenburger Bischof Joseph von Lipp 1862 Durschs Tafelbilder für die Diözese sichern: 62 Gemälde und neun spätgotische Skulpturen stehen auf der Inventarliste, die gleich nach dem Kauf angelegt wurde; laut Urban die „Geburtsurkunde des Diözesanmuseums.“

Von Anfang an sei die Sammlung für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, sagte Urban – wiewohl der Bischof die 3533 Gulden für den Ankauf „aus seiner Privatschatulle“ aufgebracht habe. Zwei Bildersäle im Bischöflichen Palais waren dafür reserviert. Mit der Betreuung der Sammlung beauftragte Bischof Wilhelm Reiser 1893 den Theologieprofessor und Kunstsachverständigen Paul Wilhelm Keppler, der 1899 sein Nachfolger wurde. Er legte 1894 den ersten Bestandskatalog an.

Weitere Wegbereiter waren Albert Pfeffer, der als Kustos der Sammlung die ersteselbstständige Publikation des Diözesanmuseums (mit eingeklebten Farbabbildungen) vorlegte und die Sammlung durch eigene Zukäufe erweiterte; und sein Namensvetter Anton Pfeffer (nicht verwandt und nicht verschwägert), Publizist und Redakteur, der in der Zeit des Nationalsozialismus Schreibverbot hatte und im Diözesanmuseum Unterschlupf fand. Er katalogisierte den Gemälde- und Skulpturenbestand und erschloss auch die viele Hundert Stück umfassende Münzen- und Medaillensammlung.

Zustiftungen bereichern die Sammlung

Hohe Verdienste um das Diözesanmuseum sprach Urban auch seinem Vorgänger Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg zu, der beim Festakt am Mittwochabend in der Rottenburger Festhalle unter den Gästen weilte. Er habe auch noch die Neueinrichtung des Museums noch mitgeplant, die 1991 mit dem Umbau der Karmeliterkirche in Angriff genommen und 1996 abgeschlossen wurde. Weiterhin erwähnte Urban, der die Sammlung seit 1992 betreut, bedeutende Zustiftungen, die das Museum um die Bereiche Moderne und Volkskunst erweiterten. Es sei ein lebendiges Museum, schloss er seinen Vortrag, das schon von Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft Besuch bekommen habe.

Vorträge von Bischof Fürst und Direktor Urban
Seit Mittwoch gut besucht: die Sonderausstellung „Glaubenshorizonte – Sammlungshorizonte“ im Diözesanmuseum, das von Dienstag bis Freitag 14 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr sowie am Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet ist.Bild: Fleischer

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05.10.2012, 12:00 Uhr

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