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Vorwürfe an die Aufsicht
Dietmar Schneider in seiner KÜS-Prüfstelle. Rechts die Station der GTÜ, wo ein jüngst inhaftierter Ingenieur arbeitete, als noch die GTS dort eingemietet war.Bilder: Fleischer
Kriminelle Prüfmethoden hätten früher verhindert werden können

Vorwürfe an die Aufsicht

Vom Prüfplaketten-Skandal (siehe erste Lokalseite) sind wahrscheinlich etliche Rottenburger betroffen, auch das Bischöfliche Ordinariat. Der Inhaftierte Prüf-Ingenieur hat sein Metier in Rottenburg gelernt. Dietmar Schneider, Prüfingenieur in Rottenburg, kritisiert die Aufsichtsbehörde.

18.08.2012
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Ende März berichtete das TAGBLATT über die Festnahme eines 58-Jährigen, der für die Gesellschaft für Technische Sicherheitsprüfungen (GTS) an Autos Hauptuntersuchungen vornahm und dabei mutmaßlich vielfach Prüfplaketten erteilte, obwohl die Autos verkehrsunsicher waren. Für den Münchener Fachjournalisten Walter K. Pfauntsch waren die Presseberichte von der Festnahme Anlass für Recherchen. Er veröffentlichte mehrere Artikel im Branchenmagazin „Autohaus“. Darauf wiederum bezog sich der Rottenburger Prüfingenieur Dietmar Schneider, der seine Insider-Kenntnisse hinzufügte.

Pfauntsch hatte eine sechsstellige Zahl an Autos errechnet, die auf diese Weise testiert, aber faktisch unsicher durch die Gegend fuhren und fahren. „Ich hab’ fünf Kinder und fahr’ selbst sehr viel Auto – das darf nicht sein, dass so etwas möglich ist“, sagte er gestern am Telefon. Pfauntsch schrieb: „Zumeist waren es, wie die Polizei mitteilte, regelrecht ‚rollende Bomben‘, die schwere Mängel aufwiesen oder völlig verkehrsunsicher waren und durch die neue Plakette weiter auf den Straßen bewegt werden durften.“

Der verhaftete GTS-Prüfer habe en bloc meist für zehn Fahrzeuge frische Plaketten zugeteilt, ohne sie untersucht zu haben. Am meisten profitierten Gebrauchtwagenhändlern von diesem Vorgehen. Sie sparten sich teure Reparaturen, um regulär an die Plakette zu kommen. Zwischen 70 und 150 Euro Schmiergeld hätten sie den GTS-Leuten bezahlt, der Wert eines Autos sei dafür um mehrere hundert Euro gestiegen.

Vorwürfe an die Aufsichtsbehörde

Nach ihrem ersten Bericht erhielt die Zeitschrift „Autohaus“ reichlich Beschwerden, die sich gegen die GTS richteten. „Einer, der sich dabei getraut, offen die tatsächlichen Verhältnisse anzusprechen, ist der Kfz-Sachverständige und Unfallanalytiker Diplom-Ingenieur Dietmar Schneider, der heute eine eigene KÜS-Prüfstelle in Rottenburg führt“, schrieb Pfauntsch. Er zitiert Schneider mit dieser Aussage: „Der Aufsichtsbehörde Baden-Württemberg sind seit Jahren mindestens zwei weitere Prüfer der besagten Überwachungsorganisation bekannt, und es liegen konkrete Ermittlungsakten der Polizei vor.“ Dem GTS-Geschäftsführer habe das Landgericht Augsburg schon 1993/94 „kriminelle Energie attestiert“. Obwohl dies bekannt gewesen sei, habe die GTS die amtliche Anerkennung bekommen.

Sowohl der im Gefängnis Sitzende als auch die beiden anderen Prüfer waren früher in Rottenburg aktiv. Zehn Jahre lang hatte die GTS eine Prüfwerkstatt an der Maieräckerstraße 19. Vermieter war Anton Wiech. Er bestätigte uns, dass der Festgenommene dort ausgebildet wurde. Wiech wusste auch, dass das Bischöfliche Ordinariat Autos dorthin brachte. Ob es in dieser Station Unregelmäßigkeiten gab, ist bisher nicht bekannt. Wiech hat seit drei Jahren an die GTÜ (Gesellschaft für technische Überwachungen) vermietet.

Wiech nannte es problematisch, dass die selbständigen Prüfer von Werkstätten oder Autohändlern abhängig sind, wenn sie Geld verdienen wollen. Wenn ein Prüfer gegen die Interessen des Auftraggebers arbeite, verliere er den Auftrag. Dem TAGBLATT berichtet Dietmar Schneider von manipulierten Testergebnissen bei Abgasuntersuchungen (AU). GTS-Leute hätten etwa über am Nacht am Katalysator Lamba-Sonden geputzt. Schneider: „Das geht gar nicht.“

Auch jetzt noch seien im Raum Rottenburg und Horb zwei Ingenieure für die GTS unterwegs, die für ihre 150-Euro-Aktionen bekannt seien. Für diesen Betrag gebe es die Plakette ohne Prüfung. Schneider informierte die Kripo, Pfauntsch das Landesverkehrsministerium.

Ein Diakon soll Autos der Kirche prüfen

In einem seiner Artikel erwähnte Pfauntsch, dass einer der beiden weiteren GTS-Prüfer „den Fuhrpark einer kirchlichen Vereinigung hinsichtlich AU/HU“ prüfe. Zu dem Auftrag sei er gekommen, weil er nebenberuflich als Diakon arbeitet. Uwe Renz, Pressesprecher des Bischöflichen Ordinariats (BO), erkundigte sich gestern innerhalb der Diözesanverwaltung. Das BO habe 21 Dienstfahrzeuge, davon zwei in Stuttgart. Etwa ein Drittel sei geleast und deshalb zurückgegeben, bevor HU/AU fällig sind. Die anderen Autos würden überwiegend in unterschiedlichen Vertragswerkstätten geprüft.

Fünf Prüfungen durch die GTS ließen sich bis 2002 zurückverfolgen, sagte Renz. Die Namen der Ingenieure, die er dem TAGBLATT nannte, sind bisher nicht als auffällig aufgetaucht. In einem Fall könnte es sich – die Schrift sei schwer zu entziffern – um den Prüfer handeln, der auch Diakon ist. Der Vorhalt, die Autos des BO würden auf dem Hof geprüft, ohne dass Bremsprüfstand oder Geräte für die AU vorhanden seien, treffe nicht zu, sagte Renz

Vorwürfe an die Aufsicht
Dietmar Schneider in seiner KÜS-Prüfstelle. Rechts die Station der GTÜ, wo ein jüngst inhaftierter Ingenieur arbeitete, als noch die GTS dort eingemietet war.Bilder: Fleischer

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18.08.2012, 12:00 Uhr

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