Staatsoper

Wagner und die Wutbürger

Eigentlich wäre Valentin Schwarz jetzt in Bayreuth bei den Endproben für den „Ring“. Stattdessen inszeniert er in Stuttgart ein Chor-Happening.

11.07.2020

Von JÜRGEN KANOLD

Der etwas andere Demonstrationszug durch Stuttgart: Der Staatsopernchor probt das „Bühnenfreifestspiel“. Foto: Staatsoper Stuttgart

Stuttgart. Vor drei Jahren noch sorgte Valentin Schwarz in Stuttgart als Assistent und Abendspielleiter dafür, dass Produktionen wie der „Parsifal“ von Calixto Bieito reibungslos über die Bühne gingen. Vergangenes Jahr dann beauftragte Katharina Wagner, die Bayreuther Festspielchefin, sensationell den jungen Österreicher mit der prominentesten, schwierigsten Aufgabe der Opernwelt: den „Ring des Nibelungen“ auf dem Grünen Hügel zu inszenieren, vier Werke, vier Premieren in einer Woche, zusammen 16 Stunden. Was für eine Karriere! Wobei: Corona hat alles gestoppt.

Schwarz, 1989 in Altmünster am Traunsee geboren, ist noch jünger als Patrice Chérau, der 1976 mit knapp 32 Jahren Regie beim „Jahrhundert-Ring“ führte. Aber nun? Schwarz zeigt in Stuttgart ein „Bühnenfreifestspiel“. Seine musiktheatralische Aktion mit dem Staatsopernchor heißt „Demo(kratie)“. Es geht um das künstlerische Erbe Richard Wagners in der Stadt der Wutbürger. Und darum, in diesen Corona-Zeiten die Kunst wieder in die Öffentlichkeit zu holen.

„Ich vermisse extrem den Chorklang“, sagt Schwarz, ein schlaksiger Typ mit langen, lockigen schwarzen Haaren: „Oper ist nicht nur virtuell, wir möchten Lust aufs Live-Erlebnis machen, hoffen auch auf ein Zufallspublikum, die Passanten.“ Vom Schillerplatz zum Eckensee, zum Opernvorplatz werden die 74 Sängerinnen und Sänger erstmals am Sonntagnachmittag ziehen. „Eine Demonstration ist immer auch ein Störfaktor, unsere Kundgebung lebt von einem gewissen Irritationsmoment. So nach dem Motto: Eben saßen wir noch auf der Wiese beim Picknick, jetzt erklingt Wagner. Damit muss man sich auseinandersetzen. Und wir ermutigen damit, über Werte wie Freiheit und Demokratie nachzudenken.“

Schwarz hatte schon mit 18 Jahren in Wien begonnen, Musiktheater-Regie zu studieren. 2017 gewann er den „Ring Award Graz“ gemeinsam mit seinem Ausstatter Andrea Cozzi für sein Konzept zu Donizettis „Don Pasquale“, er wird es in Montpellier und Karlsruhe verwirklichen. Er hat schon in Weimar, Köln, Darmstadt oder Dresden inszeniert, aber eigentlich ist er noch ein Talent, ein unbeschriebenes Blatt. Doch Bayreuth ist kein Zufallsort für Schwarz.

Der „Holländer“ war seine erste Opernerfahrung, mit neun. Immer wieder Wagner. „Ein Leben ohne Wagner ist für mich nicht vorstellbar, ich höre jeden Tag seine Werke. Aber das ist in diesen Corona-Zeiten auch eine Entzugserscheinung, eigentlich wäre ich jetzt bei den Endproben zum ,Ring des Nibelungen‘.“ Was fasziniert ihn an diesem Werk? „Wagner hat diesen Überforderungs- und Überwältigungssog. Überforderung heißt: Es gibt nicht nur die Musik und den Text, die ganze Rezeption seines Werks ist so unglaublich reichhaltig wie erschreckend. Das alles zu begreifen, ist eine Lebensaufgabe. Und die Musik entfaltet eben diesen verführerischen Sog. Ob man den als Regisseur szenisch bedient oder nicht, ist eine andere Frage, aber die Mehrdimensionalität des Wagnerwerks ist unerreicht.“

Was Schwarz nun als Wagner-Regisseur drauf hat, ob es ihm gelingen wird, die immensen Erwartungen zu erfüllen – man weiß es erst in zwei Jahren. Als Ende März der Festspielsommer abgesagt wurde, waren alle Vorbereitungen schon abgeschlossen, die Bühnenbilder und die Kostüme größtenteils fertig. Ungeheuer viel Manpower war investiert worden, die Arbeit mit den Sängern hätte beginnen können – jetzt ist alles eingefroren. „Ich bin aber froh“, sagt Schwarz beim Gespräch in der Stuttgarter Oper, „dass alles im Original auf 2022 verschoben wird, Bayreuth ist eben nur denkbar im Festspielhaus, nicht in einer Mehrzweckhalle, und die vier Abende des ,Rings‘ müssen in einer Woche herauskommen.“

Alles andere würde tatsächlich den Mythos Bayreuth verwässern. Und was macht Schwarz jetzt, müssten nicht die Corona-Ereignis seine Regie beeinflussen? Einerseits findet er es beruhigend, dass schon alles fertig ist und er seine Regie in zwei Jahren auf der Bühne nur noch gemeinsam mit den Sängern „auspacken“ muss. Aber nein, sagt Schwarz: „Die Krisenerfahrung in die Inszenierung einzuarbeiten oder zwanghaft auf das Tagesgeschehen einzugehen, das würde Wagners Werk nicht gerecht. Diese vielen Botschaften, Motive, Figuren – das wäre zu klein gedacht.“

Dass die Bayreuth-Zwangspause an ihm nagt, ist offensichtlich, aber jetzt geht Valentin Schwarz ja zunächst mal demonstrieren in Stuttgart: auch für Wagner und überhaupt für die Oper und die Freiheit der Kunst.

Regisseur Valentin Schwarz. Foto: David Sünderhauf

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Erstellt:
11. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2020, 06:00 Uhr

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