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Vorliebe fürs Abgründige

Waidmannsheil! Indie-Filmer Karl Stefan Röser greift nach dem Sebastian-Blau-Preis

Erstmals wird der Sebastian-Blau-Preis für Mundartkultur in diesem Jahr an einen Filmemacher verliehen – am Samstag ist Nominierten-Revue und Siegerehrung im Rottenburger Waldhorn-Kino. Einer der sechs Finalisten ist der Stuttgarter Karl Stefan Röser, der mit der Verfilmung eines Stücks vom Theater Lindenhof ins Rennen geht.

16.10.2014
  • Klaus-peter eichele

Waidmannsheil! Indie-Filmer Karl Stefan Röser greift nach dem Sebastian-Blau-Preis
Es ist cool, unabhängig zu sein: Filmemacher Karl Stefan Röser.Agenturbild

Der in der Nähe von Heidenheim aufgewachsene Röser könnte dem Mystery-Thriller „Super 8“ entsprungen sein. Wie die Kids in diesem Hollywood-Streifen drehte auch er als Teenager mit seinen Kumpels Amateurfilme mit Fantasy- und Science-fiction-Schlagseite. Dem Faible für bewegte Bilder ist er als Erwachsener treu geblieben. Sein täglich Brot verdient der 34-Jährige mit der Produktion von Imagefilmen für Firmen und Vereine. In seiner Freizeit fabriziert er Kurzfilme mit künstlerischem Anspruch.

Über seine Partnerin Katharina Thoms, die derzeit das Mössinger Generalstreik-Stück filmisch aufbereitet, kam Röser in Kontakt mit dem Theater Lindenhof. Dessen Stamm-Mimen Berthold Biesinger und Gerd Plankenhorn suchten nach einem Regisseur für die Verfilmung der Lindenhof-Inszenierung von Susanne Hinkelbeins Mundart-Stück „Waidmannsheil“, mit der sie sich beim Sebastian-Blau-Preis bewerben wollten.

Um nicht den Eindruck abgefilmten Theaters zu erwecken, verlegte das Trio den Dreh in die freie Natur rund um Melchingen. Zwei Jäger, so die (gegenüber dem Stück gekürzte) Handlung, vertreiben sich ihre Langeweile beim Warten aufs Wild mit Geschwätz, das vom Alltäglichen übers Absurde ins finster Philosophische driftet. An dem Stoff hat Röser gereizt, dass er „einen Blick in die seelischen Abgründe gewöhnlicher Menschen bietet“. Gestalterisch hat er das Abgründige mit unheimlich wirkenden Bildern der menschenleeren Albhochfläche und ihrer wie von Geisterhand bewegten Windräder noch akzentuiert.

Daneben hat dem gelernten Medienökonom aber auch gefallen, dass Schwäbisch einmal nicht, wie im Fernsehen und Kino üblich, bloß als Lachnummer verabreicht wird. Zwar steckt auch in „Die tiefe Stimme der Natur“, wie der Film betitelt wurde, eine Menge Humor – allerdings der tiefschwarzen Sorte. „Dialekt wird im Film bis jetzt nur ganz beschränkt genutzt, da stecken viel mehr Möglichkeiten drin“, so Rösers Erkenntnis, die er bei künftigen Projekten noch intensiver umsetzen will.

Im bereits abgedrehten neuesten Film des Stuttgarters wird allerdings noch überwiegend Hochdeutsch gesprochen. „Der unberührte Garten“ handelt von einer leidenschaftlichen Läuferin, deren Leben durch die Zufalls-Begegnung mit einer anderen Frau auf den Kopf gestellt wird. Gedreht wurde der mit Profi-Schauspielern besetzte 30-Minüter auch in Tübingen und Umgebung: im neuen Botanischen Garten, auf dem Österberg, in der Kusterdinger Sporthalle. Derzeit wird am Feinschnitt und an der Musik gefeilt – einen Premierentermin gibt es noch nicht.

Das Budget dieses Films hat Röser durch Crowdfundig eingeworben. Über ein Onlineportal konnten Bekannte, aber auch wildfremde Menschen, Kleinbeträge beisteuern – als Gegenleistung gab es eine Dank-SMS von der Hauptdarstellerin (für drei Euro) oder eine Einladung zu den Dreharbeiten (für 500 Euro). Wer Crowdfundig für ein reines Internetphänomen hält, hat allerdings nur zum Teil recht. Denn ohne Flankenschutz klassischer Multiplikatoren – vom Artikel in der Regionalzeitung bis zur Mundpropaganda – funktioniert die Sache zumindest in diesem kleinen Rahmen nicht.

Mit den 3500 Euro, die schlussendlich zusammenkamen, konnte Röser Equipment, Catering und Reisekosten finanzieren. Nicht aber die Gagen von Schauspielern und Crew (geschweige denn dem Regisseur), die erst ausbezahlt werden, wenn der Film einmal Geld einspielen sollte. Dass es dazu kommen wird, ist allerdings sehr „hypothetisch“, räumt Röser ein: „Ein Markt für diese Art von Filmen existiert so gut wie nicht“.

Nach der Premiere und – im Idealfall – einer Runde durch Kurzfilmfestivals landen sie gewöhnlich auf YouTube. Dennoch steigen viele junge Schauspieler gern bei solchen Projekten ein – um Arbeitslosigkeit zu überbrücken, Erfahrung zu sammeln oder weil die Rolle sie reizt. Für die Hauptrolle konnte Röser sogar ein Casting anberaumen.

Auch der Regisseur ist mit seinem Dasein als „Guerilla-Filmer“ in der Low-Budget-Nische zufrieden: „Ich verstehe das nicht als Übergang zum Blockbuster-Machen“. Zwar hätte er nichts dagegen, auch einmal einen abendfüllenden Spielfilm zu produzieren, aber nicht um den Preis des Verlusts seiner künstlerischen Freiheit, der bei Fernseh- und großen Kinofilmen unweigerlich zu zahlen wäre. Rösers Credo: „Es ist cool, unabhängig zu sein.“

Der mit insgesamt 7250 Euro dotierte Sebastian-Blau-Preis, der „das Bewusstsein für den Wert des Dialekts in der Öffentlichkeit schärfen und stärken“ soll, wird am Samstag im Rottenburger Waldhorn-Kino verliehen. Davor werden die sechs nominierten Kurzfilme, darunter Beiträge aus Rottenburg und Bad Urach, gezeigt. Neben einer Fachjury wählt auch das Publikum seinen Favoriten. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr.

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16.10.2014, 12:00 Uhr

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