Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Bioland 1970 gegründet

Walter Gaiser ist einer der ersten Bioland-Bauern

Am 25. April vor 40 Jahren wurde der ökologische Anbauverband Bioland in Honau gegründet. Ein Mann der ersten Stunde ist Walter Gaiser, Senior der Gärtnerei Fischer und Gaiser in Walddorfhäslach.

26.04.2011
  • Jutta Schneider-Rapp

Walddorfhäslach. Der Häslacher Walter Gaiser ist mit Biolandbau so fest verwurzelt, wie sein Gemüse im schwäbischen Acker. Der gelernte Landwirt trat 1972 dem „biogemüse e.V.“ bei. Diesen Vorläufer des ökologischen Anbauverbandes hatten zwölf Männer und Frauen ein Jahr zuvor nach einem Vortrag von Hans Peter Rusch in Honau gegründet. Der deutsche Arzt hatte zusammen mit dem Schweizer Agrarpolitiker Hans Müller und dessen Frau Maria die Grundlagen des organisch-biologischen Landbaus entwickelt.

Mit möglichst geschlossenen Betriebskreisläufen und intensiver Bodenpflege wollte Müller die Existenz der Bauern sichern: Unabhängig von Industrie und Handel sollten sie sein. Als Keimzelle dieser neuen Landbaubewegung diente die Bauernheimatschule auf dem Möschberg in der Schweiz.

Zu den Treffen dort kamen auch Bäuerinnen und Bauern aus Süddeutschland. Ansonsten haben sich die Pioniere vor allem auf den Höfen der Mitglieder getroffen. Dort gab es Tischgebete, Kaffee und Kuchen sowie massenhaft Lernstoff. „Jeder wusste etwas und wir haben uns gegenseitig unterstützt“, erinnert sich der 82-jährige Gaiser. Seine Frau Lore hat nächtelang Demeter-Schriften gelesen. Da war viel fachliche Nahrung drin, nur der anthroposophische Überbau lag den bodenständigen Gärtnern fern. Dagegen liegen die geistigen Wurzeln von Bioland in der christlichen Tradition. „Die Schöpfung für die Jungen zu bewahren“, ist der Familie Gaiser bis heute wichtig.

Den Ausschlag für die damals revolutionäre Umstellung auf „Bio“ hat jedoch die Gesundheit gegeben. Von der Spritzerei mit chemischen Pflanzenschutzmitteln bekam der Gärtner Gallen- und Leberprobleme: „Einmal hat der Wind sich beim Spritzen plötzlich gedreht und ich stand voll im DDT-Nebel. Danach musste ich mich hinlegen. Später hat der Arzt mir gesagt: ,Kerle, wenn du so weiter machst, bist du bald kaputt. Du musst mit dem Spritzen aufhören.“ Als einer der ersten Gärtner hat Walter Gaiser angefangen, seine Pflanzen ausschließlich mit Kompost, Mist und Gesteinsmehlen zu versorgen.

In der Nachbarschaft hat der dreifache Vater damit vor allem Misstrauen geerntet. „Die Gaisers gehen bestimmt bankrott“, unkten die einen. „Die spritzen bestimmt nachts“, munkelten die anderen. Verstummt ist das Gerede im Dorf erst, als Walter Gaiser auf der Straße von einem konventionellen Kollegen „gestellt“ wurde. Beide zogen mit ihrem Schlepper ein Fass mit Spritzmittel.

Als Biolandwirt hatte Gaiser nur Brennnesseljauche geladen. Um seinem Kollegen zu beweisen, wie harmlos sein Präparat ist, hat er einfach seinen Ärmel aufgekrempelt und ins Spritzfass hineingelangt. „Und ,jetzt du!‘, habe ich zu dem anderen gesagt. Aber der hat natürlich die Finger von seiner chemischen Brühe gelassen.“ Immer wieder streckte der Gärtner auch seine Fühler nach neuen Mitgliedern aus, gründete die Tübinger Regional- sowie eine eigene Gärtnergruppe.

Genau wie heute bedurfte es eines Unglücks, um die Menschen aufzurütteln. Erst nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, stieg das Interesse an Bio-Lebensmitteln sprunghaft an. Bis dahin haben die Bio-Gärtner für ihre Produkte auf dem Stuttgarter Großmarkt keinen Pfennig mehr bekommen als für konventionelle Ware. Danach wuchsen die schwäbische Gärtnerei und Bioland gemeinsam. Allein der Landesverband Baden-Württemberg hat heute über 1100 Mitglieder. Insgesamt arbeiten rund 5500 Biobauern und 900 Lebensmittel-Hersteller wie Bäckereien, Metzgereien, Molkereien, Brauereien, Mühlen, Restaurants, Safthersteller nach den Bioland-Richtlinien.

Walter Gaiser hat seine Fläche auf sechs Hektar, davon achtzig Ar unter Glas, vergrößert. Als großes Glück empfindet er, dass seine Familie ihn immer voll und ganz unterstützt hat. Ein Sohn und eine Tochter sind zusammen mit ihren Ehepartnern in den Betrieb eingestiegen. Die ersten Enkel arbeiten ebenfalls mit. Noch immer verkauft die Gärtnerei den Großteil der Ernte auf dem Stuttgarter Großmarkt. Nur läuft heute der Handel nicht mehr so spontan. 95 Prozent der Ware sind von Bioläden aus der Region vorbestellt.

Bis vor drei Jahren hat der Seniorchef noch selbst den Lastwagen und Verkauf gesteuert. Doch inzwischen fällt ihm das Aufstehen um 3 Uhr nachts schwer. Dafür kurvt er immer noch mit seinem Schlepper herum und bereitet den Boden für die nächste Gemüsegeneration vor.

Seine Jungen bauen gerade wieder ein neues Gewächshaus oder erschließen neue Märkte für Jungpflanzen, Kräuter und Co., denn auch für Bioland-Gärtner gilt die Regel: Wachse oder weiche. Das Wachsen liegt den Gärtnern natürlich näher, aber nicht um jeden Preis: „Ich wünsche mir, dass die Jungen den biologischen Landbau genauso konsequent betreiben, wie wir es angefangen haben“, lautet sein Vermächtnis.

Walter Gaiser ist einer der ersten Bioland-Bauern
Der Gärtner Walter Gaiser aus Walddorfhäslach hat die Bioland-Bewegung von Anfang an begleitet.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.04.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball