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Uneinsichtige Touristen in gesperrter Marienschlucht bereiten Sorgen

Wandern trotz Lawinenrisiko

Knapp ein Jahr nach einem tödllichen Erdrutsch ist die Marienschlucht am Bodensee noch gesperrt. Ob das Ausflugsziel je wieder zugänglich gemacht wird, ist unklar. Doch viele Wanderer wollen nicht warten.

11.04.2016
  • PETRA WALHEIM

Langenrain. Die Hinweise sind eindeutig. Bereits an der Zufahrt vom Allensbacher Ortsteil Langenrain (Kreis Konstanz) aus sind die Schilder zur Marienschlucht überklebt. Wer die schmale Straße dorthin trotzdem befährt, für den endet der Weg an einer geschlossenen Schranke, an der ein Schild unmissverständlich klar macht: "Zugang zur Marienschlucht gesperrt!" In leuchtend roten Buchstaben steht darunter "Lebensgefahr!". Trotzdem trifft Harald Seidler, Ortsbaumeister von Allensbach, immer wieder Wanderer und Radfahrer auf den gesperrten Wegen und in der Schlucht selbst. Die ist nach einem Hangrutsch nicht mehr begehbar.

Am Abend des 6. Mai 2015 hatte sich nach tagelangem Dauerregen am Hang eine gewaltige Geröll- und Schlammlawine gelöst. Die Erdmassen rutschten mit solcher Wucht in die Schlucht, dass sie an der gegenüberliegenden Felswand hochschwappten und dabei die Stege sowie zwei Wanderer mit sich rissen. Der 74-jährige Mann konnte sich aus den Massen befreien, für eine 72-jährige Frau kam jede Hilfe zu spät. Sie starb in der Schlammlawine. Seitdem ist die Marienschlucht gesperrt. Ob sie je wieder geöffnet wird, ist unklar.

Nach Auskunft von Allensbachs Bürgermeister Stefan Friedrich sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Das geologische Landesamt erstelle ein Gutachten über die Bodenbeschaffenheit und dazu, wie sicher die Marienschlucht überhaupt sein könne. Ein Rechtsanwalt versuche, juristische Fragen zu klären. Außerdem soll berechnet werden, was eine neue Steganlage kosten würde und wie sie finanziert werden könnte. Mit Ergebnissen rechnet der Bürgermeister Ende Mai. Dann werde es eine Sitzung mit seinem Bürgermeisterkollegen Matthias Weckbach von Bodman-Ludwigshafen sowie den zwei Gemeinderäten geben. "Die Zukunft der Marienschlucht ist offen."

Friedrich weist darauf hin, dass sie Teil des Premiumwanderwegs "Seegang" von Überlingen nach Konstanz ist. Den gibt es seit 2014 "und wurde auf Anhieb einer der beliebtesten Wanderwege in der Region". Da nicht nur die Marienschlucht, sondern auch der Uferweg gesperrt ist, werden die Wanderer auf anderen Wegen von Bodman-Ludwigshafen nach Wallhausen geführt. Die Umleitung ist ausgeschildert. Allerdings muss Harald Seidler immer wieder feststellen, dass die Schilder fehlen, vor allem die, mit denen auf die Lebensgefahr hingewiesen werden sollte. "Von den 25 Schildern, die wir aufgestellt haben, ist nicht mal mehr die Hälfte da." Wo sie abgeblieben sind, kann er nur vermuten. "Vielleicht hängen sie in irgendwelchen Partykellern."

Allerdings ließen sich manche Wanderer von Schildern auch nicht aufhalten - auch nicht von stabilen Bauzäunen, an denen die Hinweise ebenfalls hängen. "Die haben uns die Bauzäune aufgebogen, nur um durchzukommen", sagt Seidler. Um den Schaden in Grenzen zu halten, wurden sie danach so aufgestellt, dass Leute, die meinen, sie wüssten es besser, an ihnen vorbeikommen. Davor müssen sie aber seit kurzem erst mal ein massives Metalltor überwinden. Das wurde auf dem schmalen Waldweg, der zur Schlucht führt, in den Boden betoniert und ist abgeschlossen. Auch am unteren Zugang steht so ein Tor. Trotzdem: Vor wenigen Tagen hat er ein Pärchen am Eingang zur Schlucht überrascht. Auch der ist mit einem Bauzaun verrammelt. Selbst ältere Menschen mit Fahrrädern lassen sich nicht aufhalten. "Wenn sie entschieden haben, sie wollen in die Schlucht, dann gibt es kein Halten mehr", sagt Seidler.

Er ist mit seinem Latein am Ende, auch was die Marienschlucht selbst betrifft. Seit 16 Jahren ist er Ortsbaumeister in Allensbach und hat sich in dieser Zeit intensiv um die Touristenattraktion gekümmert, die immer wieder Probleme machte. An Ostern 2005 hatte ein Unwetter den Hang unterhalb der Ruine Kargegg ins Rutschen gebracht. Eine Geröll-Lawine zerstörte Wege und Stege. Drei Jahre hat es gedauert, bis die Schlucht wieder begehbar war. "Das war nur mit einem enormen ehrenamtlichen Einsatz möglich", sagt Seidler. Mit dabei waren 38 Zimmerer-Lehrlinge der Claude-Dornier-Schule in Friedrichshafen. Sie haben in 2200 ehrenamtlichen Stunden 28 Kubikmeter Eichen- und Lärchenholz zu Stegen und Geländern verbaut. Ob solch ein Einsatz noch einmal möglich sein wird, bezweifelt Seidler. Das Problem ist nach seiner Ansicht, dass der Berg geologisch noch instabil ist.

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11.04.2016, 06:00 Uhr

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