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Helmut Heimeier erzählte von einem schönen, aber unrentablen Hobby

Wanderung durch den Wein

Bei einer Führung durch die Unterjesinger Weinberge erklärte Winzer Helmut Heimeier am Samstag die Besonderheiten des hiesigen Weinbaus. Die Probleme der Weinbauern haben sich seit dem Mittelalter allerdings nur zum Teil verändert.

09.08.2015
  • Philipp Koebnik

Unterjesingen. „Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an“, sagte einst Hegel. Bei der Wanderung durch die Unterjesinger Weinberge mit Helmut Heimeier ging es am Samstag hingegen harmonisch zu. Zu der Führung eingeladen hatte der Bund Naturschutz Alb Neckar (BNAN). Heimeier, der selbst Wein anbaut, begann seine Ausführungen mit einer nüchternen Feststellung: „Wirtschaftlich trägt sich der Weinbau an diesen Steillagen nicht.“ Die Arbeit sei sehr aufwändig – nicht zuletzt, weil an dem steilen Hang mit den historischen Trockenmauern keine Maschinen eingesetzt werden können.

Im vergangenen Jahr machte dem Weinbau in der Region zudem noch einiges andere zu schaffen: Ein trockenes Frühjahr und ein heißer Juni, dann Hagelschäden und viel Regen im Sommer. Und obendrein setzte die Kirschessigfliege den Pflanzen mächtig zu. Dieses Jahr ist es wiederum besonders warm und trocken. „Eigentlich wäre es Zeit für die abschließende Spritzung, aber das würde jetzt einer Entlaubungsaktion gleichkommen.“ Der Stress durch die Hitze der vergangenen Wochen habe die Reben zu sehr geschwächt.

Der Weinanbau in der Region hat eine lange Geschichte, wie Heimeier erläuterte. Vielerorts etablierten ihn die Klöster im Mittelalter, so auch in Unterjesingen, wo es früher vier Keltern gab. Die Weinbauern, die hier Wengerter genannt werden, hatten es seinerzeit nicht leicht. „Sie mussten eine Pacht für das Land bezahlen, außerdem eine Abgabe für das Keltern“, erklärte Heimeier. Hinzu kamen Abgaben an die Kirche. „Nur wenig blieb bei den Wengertern.“

Ungefähr seit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert ging der Weinbau immer mehr zurück. Im Zuge der Reformation wurden viele Klöster, die den Weinbau organisiert hatten, aufgelöst. Der Bevölkerungsrückgang in Folge des 30-jährigen Krieges sowie eine kleinen Eiszeit und infolgedessen sinkende Temperaturen schwächten den Weinbau zusätzlich. Im 19. Jahrhundert gerieten viele Weinbauern in Not, einige wanderten aus – und nicht wenige Wengerter nahmen sich in dieser Zeit aus Verzweiflung das Leben.

Während Heimeier sprach, spazierten die Teilnehmer durch den malerischen Weinberg, vorbei an Stubensandstein und einem lauschigen Kiefernhain. Sogar frische Brombeeren gab es zu kosten – einige Sträucher säumten den Weg. „Die schmecken ja schon richtig gut“, befand eine Frau. Auf dem Berg angekommen, erzählte Heimeier, weshalb Wein überhaupt an Berghängen angebaut wurde und wird: „Die Herren untersagten früher den Weinbau in den Tälern, denn dort sollte Getreide angebaut werden.“ Im Vordergrund stand die Produktion von Nahrung, vor allem also Brot. So wurden die Wengerter an die Hänge verwiesen.

Auch auf Widersprüche in der heutigen Politik machte der Referent aufmerksam. „Auf der einen Seite wird die Instandhaltung der Trockenmauern finanziell unterstützt, zugleich wird aber auch eine effizientere Bewirtschaftung gefördert.“ So bekommt man Zuschüsse, wenn man die Wege verbreitert, sodass landwirtschaftliche Fahrzeuge durchfahren können. Einerseits sollen Biotope erhalten werden, andererseits würden Rodungsprämien für „unwirtschaftlich angelegte“ Weinberge gezahlt.

An Heimeiers Gütle angekommen, gab es eine kleine Verkostung seiner selbst gekelterten Weine: ein Weißherbst und ein Rotwein. Wie die Ausbeute dieses Jahr wohl sein wird? „Das wissen wir erst, wenn wir ernten“, sagt Heimeier. „Im Moment sieht es noch einigermaßen gut aus, aber durch die Trockenheit wachsen die Trauben nicht weiter – ein richtiger Landregen wäre jetzt nötig.“ Trotzdem tut er sich diese Mühen an. „Es ist ein Hobby – und es kommt ja auch etwas dabei heraus.“ Eben ein Wein, der schmeckt und von dem man weiß, was drin ist.

Wanderung durch den Wein
Unterjesingen im Blick: Helmut Heimeier (mit Sonnenbrille) erklärt einigen Teilnehmern an der Führung die Besonderheiten des Weinbaus an Steillagen. Bild: Koebnik

„Im Landkreis Tübingen gibt es aktuell 220 Wengerter“, sagte Heinz Giringer, Sprecher des Arbeitskreises Weinbau im Kreis Tübingen, gegenüber dem TAGBLATT. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren langsam, aber stetig gestiegen. Eine Besonderheit der Region: Sechs oder sieben Winzer bewirtschaften rund zwei Drittel der Rebfläche. „Wir haben also sehr viele Wengerter, die eine kleine Fläche hobbymäßig bewirtschaften“, so Giringer.

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09.08.2015, 12:00 Uhr

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