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Schneeschüttler und Aristokraten

Wankheims Geschichte. Das Heimatbuch

Was es über ein Dorf mit etwas über 1500 Einwohnern alles zu erzählen gibt: Eine erstaunliche Menge an Geschichte und Geschichten, Bildern und Beschreibungen haben die Herausgeber des Heimatbuchs auf fast 400 großformatige Seiten gepackt.

29.05.2011
  • Ulrike Pfeil

Wankheim. Der württembergischen Landeshoheit, unter deren Verwaltung die Wankheimer 1805 kamen, galten sie als „abgeschlossen, bedächtig, schweigsam und klug“. Bei ihren Nachbarn hießen sie „Schnaischiddler“, seit sie einmal in einer Eisheiligen-Nacht ausgerückt waren, um plötzlich gefallenen Schnee von den Obstbäumen zu schütteln. Den Most retteten sie nicht mit dem Schnee fielen auch die Blüten herab.

Im Vergleich mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer aber sahen sich die Wankheimer selbst als „Aristokraten“: Seit dem 15. Jahrhundert gehörte Wankheim zum Besitz von Reichsrittern und Adeligen (die Herren von Ehingen, Closen, Saint-André). Was sich auf die Struktur der Höfe auswirkte: Diese wurden als Lehen ungeteilt vererbt und blieben deshalb groß. Die wohlhabenden Bauern bildeten eine führende Schicht im Dorf – mit Auswirkungen bis in den religiösen Alltag: Man unterschied „de arm ond de reich Stond“ (pietistische Bibelstunde).

Wenn es der Sinn eines Heimatbuchs ist, die Eigenarten eines Orts und seiner Bewohner verstehen und schätzen zu lernen, Traditionen als Reichtum zu erkennen, ein gemeinsames Gedächtnis zu schaffen, dann erfüllt der mächtige blaue Band „900 Jahre Wankheim“ diese Aufgabe für ein paar Generationen. Der Historiker Prof. Herbert Raisch vom Geschichtsverein Härten und Ortsvorsteher Hannes Kurz haben als Herausgeber eine Fülle von Bildern, schriftlichen und mündlichen Zeugnissen zusammengetragen: aus privaten Sammlungen ebenso wie aus Schul-, Gemeinde- und Vereinsarchiven.

Das Werk ist trotz seiner vielen Fakten und Informationen keine stringente Abhandlung, sondern ein Album zum Schmökern, Staunen, Schmunzeln – und vor allem für die Älteren zum Wiedererkennen. Zugleich ist es für Neubürger eine Einladung, hinter das heutige Erscheinungsbild ihres Wohnorts zu blicken. Schon die Liste der Flurnamen (Mausäcker, Feigel, Allerleilen) schafft poetische Nähe zur Umgebung. Auch die Wankheimer Tracht, die im privaten Museum von Walter und Inge Bauer gehütet wird, hatte ihre eigenen Begriffe: Goller, Nuster, Krettle.

Wankheim war von der Jungsteinzeit (älteste Funde) bis fast in die Gegenwart ein Bauerndorf, weshalb ein dickes Kapitel der Landwirtschaft gewidmet ist, samt der Rolle der Frauen, den wichtigen Wochenmärkten in Tübingen und Reutlingen, dem Mosten und der Hausschlachtung.

Fabrikarbeit wurde im Dorf abgelehnt, doch hatte, wie Raisch schreibt, im 19. Jahrhundert fast jedes Bauernhaus eine so genannte „Dunke“: einen feuchten Raum unter dem Wohnzimmer, in dem die Weber unter äußerst ungesunden Bedingungen arbeiteten. Diese Armen waren die Basis des Pietismus; ein ergreifendes „Weberlied“ dokumentiert die innige Beziehung zwischen Weberleid und Jesuspassion: „Wenn ich einen Faden bind‘, / so versetze mich geschwind / hin im Geist auf Golgatha, / wo man dich liebend sterben sah.“ Lang ist aber auch die Liste der Auswanderer, die ihr Geschick selbst in die Hand nehmen wollten.

Die spätgotische Jakobuskirche, detailgetreu beschrieben von Pfarrerin Christine Eppler, und die beiden pietistischen Gemeinschaften Pregizer und Altpietisten prägen bis heute mehr als nur das religiöse Geschehen im Dorf. Ein ausführliches Kapitel behandelt die Geschichte der Wankheimer Juden, von den ersten vier Schutzjuden an, die der Ortsherr Friedrich Daniel von Saint-André 1774 aufziehen ließ. Im 19. Jahrhundert verließen die Juden den Ort; geblieben ist der stille jüdische Friedhof und ein „Synagogenplatz“. Selbstverständlich wird auch das Pfarrer-Ehepaar Gölz gewürdigt, das in der Nazizeit Juden versteckte.

Die Moderne kam 1963 mit der Aspenhau-Siedlung und ihren „Zugereisten“ nach Wankheim. Die heutige Gewerbevielfalt zeigt, dass der Ort gerade junge Selbständige anzieht. Schließlich werden sämtliche Vereine in Porträts vorgestellt – von den Briefmarkenfreunden über die Feuerwehr und den Musikverein bis zum VW-Audi-Club. Besonders anrührend ist aber die Geschichte des 1910 gegründeten Wankheimer Turnvereins: Ihm kamen im Zweiten Weltkrieg die aktiven Mitglieder abhanden. 1944 wurde er aufgelöst, „weil niemand mehr da ist“.

Info: Das Heimatbuch „900 Jahre Wankheim“ kostet 20 Euro.

Wankheims Geschichte. Das Heimatbuch
Die Frauen in Mieder, Rock, Schürze und buntem Goller (Oberteil), mit der Festtags-„Schappel“ auf dem Kopf und dem „Geldle“ um den Hals, die Männer in hellen Lederhosen, scharlachroter Weste, Fellkappe und mit Pfeife in der Hand: Paare in Wankheimer Tracht, nach einem Foto gemalt von der verstorbenen Tübinger Porträtistin Rosie Maier (RM). Das Bild ist dem Heimatbuch „900 Jahre Wankheim“ entnommen.

Wankheims Geschichte. Das Heimatbuch

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29.05.2011, 12:00 Uhr

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