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Eiszeitkunst

Waren die Neandertaler früher dran?

Die Funde aus dem Ach- und Lonetal gelten als der Ursprung der menschlichen Kultur. Doch daran sind nun Zweifel laut geworden.

03.03.2018
  • HENNING PETERSHAGEN

Ulm. Rote Striche, die entfernt einer Leiter ähneln, der Umriss einer Hand, über die Pigmente geblasen wurden, rote Punkte in den Nischen eines Stalagmiten-Vorhanges, alle an den Wänden spanischer Höhlen: Sie lassen Zweifel aufkommen, ob der Welt-Kultursprung tatsächlich vor 40 000 Jahren in den Höhlen der Schwäbischen Alb stattgefunden hat. Denn diese Höhlenkunst soll mindestens 24 000 Jahre älter sein.

So zumindest steht es, wie bereits berichtet, in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“. Darin teilen der Physiker Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und 13 weitere Autoren mit, dass es einem von ihm geleiteten internationalen Forscherteam gelungen sei, mit Hilfe der Uran-Thorium-Datierung das Alter dieser schon länger bekannten Höhlenmalereien zu bestimmen. Es liege, so Hoffmann, bei mindestens 64 000 und höchstens 76 000 Jahren.

Zur Sensation wird diese Datierung dadurch, dass es ihr zufolge nur Neandertaler gewesen sein können, die diese Malereien hinterlassen haben. Denn der moderne Mensch, der bislang als der Erfinder der Kultur galt, ist erst 20 000 Jahre später eingewandert.

Er hat dann allerdings auf gleich einen heftigen Schaffensdrang entwickelt und in den Höhlen der Schwäbischen Alb die Figürchen und Musikinstrumente hinterlassen, die als älteste Hinweise auf symbolisch-materielle Kultur gelten. Daraus leitet die Arbeitsgemeinschaft Welt-Kultursprung, die sich darum verdient macht, die Bedeutung der 40 000 Jahre alten Eiszeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, den Anspruch ab, dass die menschliche Kultur ihren Ursprung in den Höhlen des Ach- und des Lonetals hat.

Aufwertung des Neandertalers

Nun aber schließen Hoffmann und sein Teams aus ihren Forschungsergebnissen, dass der Neandertaler, dem man eine solche kulturelle Leistung bislang nicht zugetraut hat, durchaus und auch noch sehr viel früher als der moderne Alb-Bewohner Zeugnisse symbolischen Denkens und Handelns produziert hat, die keinen unmittelbaren Nutzen brachten. Was bedeutet das für den kulturellen Stellenwert der Eiszeitkunst auf der Alb?

Dirk Hoffmann sieht das unaufgeregt. Ihm geht es nicht darum, die Leistung des frühen modernen Menschen zu schmälern. Er freut sich vielmehr darüber, das Image des Neandertalers aufwerten zu können: „Seine kognitive Kapazität ist neu zu bewerten.“ Ein „symbolisches Verhalten“ habe bisher als Alleinstellungsmerkmal des modernen Menschen gegolten. Nun sei es auch für den Neandertaler nachgewiesen. Daraus schließt Hoffmann, dass die geistigen Fähigkeiten der Neandertaler denen des modernen Menschen ebenbürtig waren.

Damit ist er allerdings auf großen Widerstand gestoßen, etwa bei den Ur- und Frühgeschichtlern der Universität Tübingen um Nicholas Conard, der derzeit in Südafrika weilt. Sehr deutlich äußert sich Harald Floss, Experte für Höhlenmalereien und für die älteste Kunst der Menschheit: „Das ist, sorry, absoluter Blödsinn. Die Aussage, dass der Neandertaler, so sehr ich ihn als Rheinländer schätze, diese Bilder geschaffen hat, ist schlicht und ergreifend falsch!“

Drei Faktoren sind es, die ihn zu diesem klaren Urteil veranlassen. Erstens sei die von Hoffmann angewandte Uran-Thorium-Methode „ausgesprochen unsicher“. Vielfach und auch in diesem Fall hätten solche Datierungen, zum Teil an ein und derselben Darstellung, sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielt, so dass sie oft nachträglich mit anderen Methoden korrigiert werden mussten.

Zum zweiten seien die jetzt untersuchten Malereien keine Einzelfälle. So gebe es von der leiterähnlichen Zeichnung in deren unmittelbarer Umgebung ganz ähnliche, deren Alter mit der Radiokarbon-Methode eindeutig auf 14 000 Jahre bestimmt sei, also 50 000 Jahre weniger als bei der Uran-Thorium-Messung. Ähnlich sei es mit dem weit verbreiteten Hand-Negativ, das der moderne Mensch vor 25 000 Jahren in vielen Höhlen hinterließ. „Warum“, so fragt Floss, „soll der moderne Mensch auf den Punkt genau das nachmachen, was 50 000 Jahre früher angeblich der Neandertaler gemalt hat?“

Drittens sei der angesprochene Aufsatz ideologisch geprägt. Also lautet Floss‘ Urteil: „Die hier diskutierten sehr alten Daten sind ganz eindeutig falsch!“ Davon seien viele renommierte Archäologen überzeugt, von denen man in Bälde Eindeutiges lesen könne. Mit zweifelhafter Methodik erzielt, aus dem Zusammenhang gerissen und populistisch missbraucht, seien diese Daten nicht in der Lage, ein über 150 Jahre aufgebautes Gebäude zusammenhängender wissenschaftlicher Ergebnisse mal eben so zum Einsturz zu bringen.

Doch selbst, wenn irgendwann irgendwo etwas Älteres gefunden würde, sei das, was vor 40 000 Jahren auf der Alb geschaffen wurde, in seiner Bündelung einzigartig, ein ganz besonderer Moment in der Entwicklung der menschlichen Kultur: „Die Welt war danach nicht mehr dieselbe.“ Was den Absolutheitsanspruch des „Welt-Kultursprungs“ auf der Alb betrifft, rät auch Floss zur Vorsicht. Es gebe viele Stellen auf der Welt, an denen der moderne Mensch damals seine kulturelle Fähigkeit bewiesen habe.

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03.03.2018, 06:00 Uhr

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