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Sehnsucht nach dem Paradies

Warum Buchautor Johannes Schweikle mit 30 Geschichten im Schnee herumtollt

„Keine Straße ist zu sehen, kein Anton aus Tirol zu hören, kein Jagertee zu riechen“, schwärmt Schweikle im norwegischen Jotunheimen-Gebirge von der unberührten Winterlandschaft. Sein Gespür für Schnee ist nicht zuletzt die Sehnsucht nach dem Paradies – und die vermittelt er erfolgreich auch den Lesern seines neuen Buches.

27.11.2015
  • MICHAEL ZERHUSEN

Freudenstadt. Wenn die isländische Sängerin Björk Gudmundsdottir, gerade 50 geworden, Advent feiert, dann, sagt sie, „falle ich auf die Knie und fülle meinen Mund mit Schnee statt mit diesem pappigen Teil, das du in der Kirche bekommst“. Das berichtete vor Jahren „Die Welt“ und freute sich: „Super! Endlich mal ein Musikstar, der sich den Schnee nicht in die Nase schiebt!“

Wenn der Schwarzwälder Journalist Johannes Schweikle, seit Juli 55, unterwegs ist „zum vergänglichen Glück“ (so der Untertitel seines neuen Buches)), dann hat das durchaus etwas Rauschhaftes. Ja, er lässt sich das Zeug sogar auf der Zunge zergehen: „Jede Flocke“, erinnert er sich an Kindertage bei Großmutter Karoline, „war ein Geheimnis. Ich streckte die Zunge heraus und versuchte, es zu ergründen.“

In der Buchhandlung Dewitz stellte er am Mittwochabend sein jüngstes Werk vor (siehe Info) – zweifellos am richtigen Ort: „Wenn ich nicht in Freudenstadt aufgewachsen wäre, hätte ich wahrscheinlich kein Buch über Schnee geschrieben“, vermutete er vor zwei Dutzend Fans der kalten Jahreszeit.

„Der Schwarzwald ist meine Heimat“, hatte er schon im SÜDWEST PRESSE-Interview vermerkt, als gerade – Anfang 2011 – sein erster Roman „Fallwind“ bei Klöpfer & Meyer erschienen war. Ein Hauch von Lokalpatriotismus umfächelte den weltläufigen Magazin-Reporter: „Wenn ich mich im Wald und auf den Hochflächen bewegen kann, geht’s mir gut. Am schönsten ist diese Landschaft, wenn der Winter ein strenges Regiment führt.“

Nun ja, derzeit kann von einem „strengen Regiment“ nicht die Rede sein, auch wenn es seit einigen Tagen im Westteil des Landkreises „weiß sieht“. Aber nach den warmen November-Tagen zuvor trifft wohl eher zu, was Schweikle gleich zu Beginn seiner „Schneegeschichten“ beschreibt: „Der Zauber, der so unverhofft vom Himmel schwebt, trifft auf ein ungnädiges Publikum.“ Oder, wie er es 200 Seiten weiter formuliert: „Der Wohlstandswestler hält den Schnee für eine Zumutung.“

Ganz anders der Autor. Zwischen der Westküste Grönlands („Kein Sessellift kratzt an der Landschaft“) und der indischen Millionenstadt Mumbai (wo er für Mister Pramod das Rätsel dieser Niederschlagsart zu entschlüsseln trachtet) tummelt er sich gleichsam in der weißen Pracht. 30 Kapitel, teilweise schon in „Spiegel Online“, „Zeit“ und „Stern“ erschienen, widmet er seinem Sehnsuchtsstoff.

Nur eine Geschichte ist erfunden, allesamt sind sie spannend und oftmals vergnüglich zu lesen, weil Schweikle – ganz der routinierte Reporter – die Beobachtungen in fernen Ländern und heimischen Regionen meist an Personen festmacht und dadurch Nähe schafft.

Die Revue könnte, frei nach Erich Kästner, heißen: Zwölf Männer im Schnee. Frauen kommen auch vor (etwa Magdalena Neuner), sind aber oft nur bedingt tauglich („Frauke hatte kein Gefühl für den Schnee“). Polarforscher Fritjof Nansen gehört, versteht sich, zur Kerntruppe, ebenso der Enkel des Skilift-Erfinders Robert Winterhalder und der Klimatologe Dr. Christoph Marty („Generell sehe ich nicht, dass sich Skigebiete unterhalb von 1300 Metern in Zukunft erfolgreich betreiben lassen“).

Aber auch „Herr Holle“ ist dabei, seines Zeichens Ober-Schneemacher von Ischgl, dazu Josef Wurzenrainer, Sicherheitschef am Hahnenkamm, Viktor Perren, Obmann der Lawinenhundeführer im Oberwallis, der Hamburger Werbeagentur-Mitarbeiter Jan (die duzen sich alle), Völkl-Geschäftsführer Christoph Bronder und Colonel Rupert Wieloch vom St. Moritz Tobogganing Club, der mit dem Cresta Run über die exklusivste Schlittenbahn der Welt verfügt.

Übrigens: Krimiautor Arthur Conan Doyle, der sich 1984 bei Davos ins Hochgebirge wagte, und Michelangelo, der angeblich auf Medici-Geheiß eine Schnee-Statue formte, sind gleichsam die Überraschungsgäste. Außerdem treten auf: Biathleten, Bäcker, Bernhardiner, Freerider, Inuit und Whiteout-Opfer, Schlitten-, Skilift- und Schneepflugfahrer.

Und immer wieder kehrt Schweikle in seine Heimat zurück. Auf dem Schömberg, wo sich schon der Politologe Klaus Mehnert und der Fernsehturm-Erbauer Fritz Leonhard erholt haben, führt die Langlaufloipe direkt in den – schneebedeckten – Garten Eden: „Die Helligkeit wirkte überwältigend. Wie eine Explosion. Aber wie eine, die keine schmerzhaften Folgen hat.“ Nur für diesen Moment habe sich der Weg gelohnt.

Konsequenterweise lässt er den Hamburger Jan sagen: „Der Schnee ist so schön wegen seiner Vergänglichkeit.“

Das Buch„Schneegeschichten – Unterwegs zum vergänglichen Glück“ ist das vierte Buch von Johannes Schweikle beim Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer (nach „Fallwind“, „Ausreißversuch“ und „Westwegs“). Der 216-Seiten-Band ist im Buchhandel erhältlich

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27.11.2015, 01:00 Uhr

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