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Der „Boulanger“-Dresscode: „Du sollst keine studentischen Farben tragen“

Warum EU-Kommissar Günther Oettinger kein Bier bekam

Der Ort bringt es auf eine hohe Prominenten-Dichte. „Bundes-Hotte“ war da, so steht hier unter einem Foto von Horst Köhler geschrieben. „Euro-Oette“ war bei seinem jüngsten Auftritt zwar auch da, aber nicht drin. Denn Günther Oettinger kam, wie wir berichteten, nicht rein in den „Boulanger“. Wir fragten den Wirt Andreas Marx, wieso das so war.

15.07.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. „Im Wichs gibt’s nix“ hatte Kellner Marius Ritter EU-Kommissar Günther Oettinger und seinen Begleitern beschieden, als die angeheiterten Herren das Lokal betreten wollten. Es war Freitag, 3. Juli, und die Gruppe hatte sich nach dem 200. Stiftungsfest der Landsmannschaft Ulmia noch auf Kneipentour begeben.

Den „Boulanger“ steuert Oettinger gerne an, wenn er in Tübingen ist. Schon während seines Jurastudiums mochte er die Gaststätte und auch in den siebziger Jahren hatte er die Erfahrung gemacht, dass dies nicht der Ort ist, an dem er sich zu seiner schlagenden Verbindung bekennen sollte. Schon gar nicht im Vollwichs, wie sich die folkloristische Komplett-Ausstattung der Studentenverbindungen nennt. Bei einem „Boulanger“-Besuch im Februar 2011 hatte Oettinger Erlebnisse dieser Art zum Besten gegeben.

Wirt Andreas Marx steht voll hinter der gereimten Ausschlussregel. Er hat die Parole selber ausgegeben. Weil Marx sich etlichen Anfeindungen in Leserbriefen und in Facebook ausgesetzt sah, wollte er dem TAGBLATT gegenüber seine Gründe für dieses Gebot darlegen. Was ihn am allermeisten trifft: Einer seiner Gäste, nämlich Anton Brenner, nennt ihn in einem Leserbrief „Blockwart“, vergleicht das Ganze mit Zutrittsverboten für Juden in der NS-Zeit, findet, dass Oettinger ein Schmerzensgeld in Höhe von 1000 Euro zustehe und weist auf den vermeintlichen Widerspruch hin, dass im „Boulanger“ der „Parade-Korporierte“, Karl Marx, an der Wand hänge.

Andreas Marx, – der, wie er sagt, nicht in Wirklichkeit, aber doch im Geiste mit dem anderen Marx verwandt sei –, ärgerte sich sehr über Brenners Brief: „Der weiß doch, wie ich ticke“, sagt er. Der „Boulanger“ sei ein offenes Haus. „Wie eine Dorfkneipe, hier lebt noch der Austausch im Live-Chat.“ Und er selbst sei Demokrat und schätze vor allem auch kontroverse Gespräche. Um den Titel Versammlungslokal für Klosterschüler will er sich ebenfalls nicht bewerben. Randalierende Betrunkene kämen zwar bei ihm nicht rein. Andererseits stellt Marx nüchtern fest: „Ich verkaufe Räusche.“

Der „Boulanger“ hat zwar seinen Ruf als altlinkes Soziotop weg, aber er ist zugleich Versammlungslokal für studentische Verbindungen. Die Turnerschaft Hohenstaufia gründete sich hier und gastiert einmal jährlich im Nebenraum. Auch die irisch orientierte akademische Verbindung Hibernia nahm hier ihren Anfang. Seine Sympathien für studentische Verbindungen seien begrenzt, aber er habe auch nicht direkt etwas gegen sie, versichert Marx.

Marx hat den „Boulanger“ seit 16 Jahren gepachtet. Eigentümerin ist Lisa Federle. Für Marx ist es eher Hobby als Beruf. Im Brotberuf arbeitet der gelernte Pfleger als Belegungsmanager in der Psychiatrie. Woher seine Rigorosität gegenüber Bändern und anderen Verbindungs-Insignien in seiner Kneipe kommt, dafür hat Marx eine Erklärung, die zurückreicht in eine Novembernacht um das Jahr 2000 herum. „Es begab sich also in jener Nacht“, beginnt seine Erzählung, „dass die Hohenstaufen im Nebenraum feierten.“ Einer der kostümierten Mannen habe sich in den gegenüberliegenden Kneipenraum begeben. Dort nun sei er auf einen stadtbekannten Trunkenbold und früheren Mitarbeiter von Anton Brenner gestoßen, der dem Hohenstaufen in jäher Geste die Mütze vom Kopf riss und in den Ofen schmiss. Hätte der Wirt sich nicht mit einem seiner Leute zwischen die beiden geworfen, wäre das Ganze zu einer großen Sache geworden: „Es hätte dann eine Saalschlacht vom Feinsten gegeben“, ist sich Marx sicher. „Nur mit viel Schnaps und Bezahlung der Mütze meinerseits konnte es verhindert werden.“ Seit dieser Zeit also gelte im „Boulanger“ konsequent: „Im Wichs gibt’s nix!“

Hätten Oettinger und Co ihre Ulmia-Accessoires einfach abgelegt, wären sie selbstverständlich bedient worden, so versichert der Wirt.

Warum EU-Kommissar Günther Oettinger kein Bier bekam
Andreas Marx macht normalerweise im „Boulanger“ nicht den Türsteher, nur wenn Korporierte in vollem Wichs reinwollen, dann verweigert er ihnen den Zutritt.

Wir fragten den Tübinger Rechtsanwalt Holger Rothbauer, ob ein Wirt Gäste an der Lokaltür abweisen darf. Kurz zusammengefasst: Würde jemand wegen Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung (was mehr ist als eine politische Orientierung), Geschlecht, Alter oder Behinderung nicht hereingelassen, handelte es sich um einen klaren Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Andererseits hat ein Wirt das Haus- und Ordnungsrecht. Nach dem Erlebnis einer Fast-Saalschlacht in der Vergangenheit habe der Boulanger-Wirt, so Rothbauer, „nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, Korporierte zum Schutz seiner anderen Gäste abzuweisen“.

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15.07.2015, 12:00 Uhr

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