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Königlich inspiriert

Warum die Opernhäuser in Kopenhagen und London die Stuttgarter Politiker so beeindrucken

Was sollten die Ziele einer Generalsanierung der Stuttgarter Oper sein? Der Verwaltungsrat mit Ministerin Theresia Bauer und OB Fritz Kuhn machte sich international kundig: in Kopenhagen und London.

06.11.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Kopenhagen/London Man hätte natürlich zur Abschreckung auch nach Berlin fahren können. Die Hauptstadt kann nämlich nicht nur Flughäfen nicht. Seit 2010 läuft die Generalsanierung beziehungsweise der Radikalumbau der Staatsoper Unter den Linden. 2017 soll sie wiedereröffnet werden, vier Jahre später als geplant. Die jüngste Kosten-Prognose: mehr als 400 Millionen Euro - statt 240 Millionen.

Nein, diese Reise des Verwaltungsrats der Staatstheater Stuttgart führte zu Wochenbeginn nach Kopenhagen und London, wo sich eine 36-köpfige Delegation die Urteilskraft schärfte für die anstehende Generalsanierung des Stuttgarter Opernhauses. Marc-Oliver Hendriks, der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater, hatte dafür clever zwei "State of the Art"-Häuser ausgewählt, also eine "Positiv-Führung" organisiert.

Und, ja, es wurde allenthalben gestaunt: über die Königliche Oper in Kopenhagen, 2005 eröffnet, repräsentativ und 335 Millionen Euro teuer auf einer Insel gegenüber Schloss Amalienborg von Henning Larsen gebaut und dem Staate Dänemark komplett geschenkt von Milliardär Maersk McKinney Moeller. Nicht weniger faszinierend anderntags der Trip zum Royal Opera House Covent Garden: mitten in London, in Westminster City, gelegen. Ein ehrwürdiges, rotplüschiges Opernhaus von 1858, das ziemlich heruntergekommen war, aber zwischen 1997 und 1999 für 470 Millionen Euro (auch aus Lotterie-Mitteln) saniert, erweitert und fit gemacht wurde für die Zukunft.

Okay, London ist Weltklasse, aber in welcher Liga spielen die Stuttgarter? Künstlerisch haben Oper und Ballett einen ausgezeichneten Ruf. Oder wie der Kopenhagener Intendant Sven Müller nach einem Fachsimpeln mit den Kollegen im riesigen, lichtdurchfluteten Foyer trefflich zusammenfasste: "Sie stehen sehr gut da, nur eine moderne Bühne fehlt ihnen."

Die Stuttgarter haben 22 Opern im Repertoire, Kopenhagen bietet nur neun und deutlich weniger Vorstellungen. Stuttgart erarbeitet sich die stolze Zahl freilich mühsam. Die Bühnenlandschaft der Kopenhagener Oper ist imposant: 3550 Quadratmeter Fläche stehen zur Verfügung, Stuttgart hat nur ein Viertel davon. Technik und Logistik sind in Kopenhagen perfekt, diverse Aufbauten können nach einem Baukasten-System und auf Bühnenwägen rochieren. Da wird eine "Freischütz"-Kulisse hergerichtet, aber geparkt sind parallel die Bühnenbilder von "La Traviata", "Il Trittico" und "Boulevard Solitude". Stuttgart hat nur die Hauptbühne mit vollgestellten Rändern. "Kreuzbühne" heißt das Zauberwort: eine Gesamtfläche aus Haupt-, Seiten- und Hinterbühne. "Man könnte vor Neid erblassen", sagte Jossi Wieler, der Stuttgarter Intendant, nach der Führung durch die Königliche Oper.

Auch Max Littmanns Stuttgarter Hoftheater hatte 1912 in puncto Technik und Funktionalität europaweit Maßstäbe gesetzt - nur liegt das halt mehr als 100 Jahre zurück. So erklärte Kunstministerin Theresia Bauer: "Wir wollen, dass unsere Oper und unser Ballett in Stuttgart auch im 21. Jahrhundert zur Weltspitze gehören. Deshalb informieren wir uns an den Orten, wo künstlerische Exzellenz die Rahmenbedingungen vorfindet, die sie heutzutage braucht." Die Kunstministerin steht derzeit dem Verwaltungsrat der Staatstheater vor, Oberbürgermeister Fritz Kuhn ist der Vize: Zwei Politiker also der Grünen sorgen sich sehr engagiert um die Hochkultur? So ändern sich die Zeiten.

Wobei jetzt in Kopenhagen unter den mitgereisten Landtagsabgeordneten und Stuttgarter Gemeinderäten nicht nur Konsens herrschte über die Qualität des Vier-Sterne-Hotels Admiral und das von Ann-Katrin Bauknecht vom Staatstheater-Förderverein gesponserte Abendessen, sondern auch darüber, dass es einer großen Lösung bei der Generalsanierung des Stuttgarter Opernhauses bedarf. Das Gutachten von Kunkel Consulting liegt vor, es führt nicht zuletzt einen zusätzlichen Bedarf an Nutzfläche von rund 10 000 Quadratmetern auf. Es geht eben um mehr als um eine Sanierung zur Substanzerhaltung. Wer ein derartiges Projekt anpackt, das Haus am Eckensee jahrelang schließen muss, der macht keine Kosmetik. Kunkels Konzept ist auf 340 Millionen Euro veranschlagt. Das ist viel Geld - und ob der Denkmalschutz mitspielt, ist die andere Frage.

Wie ein historisches Gebäude aber mutig und dabei gewissenhaft "aktualisiert" (mit Teilabrissen) und "neu interpretiert" werden kann, das bewunderten die Stuttgarter in London. Vorbildlich funktional erscheint die Bühnenlandschaft, The Royal Opera House aber diente jetzt auch als gelungenes Beispiel für einen anderen wichtigen Punkt der Stuttgarter To-do-Liste: den Gastronomiebereich. Da strahlten Ministerin Bauer, Intendant Hendriks, OB Kuhn oder auch Staatssekretär Peter Hofelich vom Finanz- und Wirtschaftsministerium (dessen Abteilung Vermögen und Bau das Projekt Opernhaus prüfen muss) um die Wette, als Architekt Jeremy Dixon sie in die prächtige "Vilar Floral Hall" führte.

So macht das Spaß: Restaurants, Bars, Pausenbewirtung in einer riesigen, so viktorianisch eleganten wie modernen Glashalle, zu der die Besucher auch per Rolltreppe aus dem Auditorium gelangen. Und offen für Passanten von der Straße sollen diese Angebote auch sein. Typisch britisch heißt im Royal Opera House: Tradition wird gelebt. Das Stuttgarter Opernhaus verfügt da nur über den kleinen Böhm-Pavillon und schottet sich als Kunsttempel ab. Urbanes Leben pulsiert hier nicht gerade. Was könnte, müsste man im Innenhof verändern?

Die Monarchie wurde in Württemberg schon 1918 abgeschafft - die royalen Opernhäuser in Kopenhagen und London aber inspirierten die Stuttgart gewissermaßen königlich. Wobei man sicher auch wie die Dänen Geschenke bürgerlicher Groß-Mäzene annehmen würde.

Warum die Opernhäuser in Kopenhagen und London die Stuttgarter Politiker so beeindrucken

Warum die Opernhäuser in Kopenhagen und London die Stuttgarter Politiker so beeindrucken
Auf Opern-Erkundung in Kopenhagen (links unten) und London: Eine derart schöne und große Halle für Restaurants und Pausenbewirtung wie das Royal Opera House Covent Garden hätten Marc-Oliver Hendriks (Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart), die baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer, Stuttgarts OB Fritz Kuhn und Peter Hofelich (Staatssekretär im Ministerium für Finanzen und Wirtschaft) auch gerne in Stuttgart. Fotos: Jürgen Kanold (2), Det kongelige teater

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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