Bildung

Warum es beim digitalen Lernen hakt

Die Schulen sind geschlossen, in der Corona-Krise muss der Unterricht zu Hause stattfinden. Das sorgt für Probleme. Welche Gründe hat das? Und welche Lösungen gäbe es?

20.03.2020

Von MATHIAS PUDDIG NBR

Für viele Schulen ist der Umstieg auf den Unterricht zu Hause ein gewaltiger Kraftakt. Foto: Ulrich Perrey/dpa

Es ist erst eine gute Woche her, da sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek bei einer Bildungskonferenz: „Gute Bildung braucht gute Lehrerinnen und Lehrer. Lehrer haben eine Schlüsselrolle im ganzen Konstrukt Schule.“ Nur wenige Tage später müssen die Schüler wegen der Corona-Krise auf ihre Lehrer verzichten. Bundesweit haben fast alle Schulen geschlossen. Zu allem Überfluss muss aber auch Ministerin Karliczek zu Hause bleiben. An der Konferenz hatte eine Frau teilgenommen, die mit dem Virus infiziert war.

Corona stellt das Schulwesen auf den Kopf. Und die Schulen haben Mühe zu reagieren. Die Krise legt offen, wie groß die Lücken in der digitalen Versorgung der Schulen und auch wie groß die Unterschiede zwischen den Schulen noch sind. „Die Schulen in Deutschland sind nicht flächendeckend darauf vorbereitet, Fernunterricht zu erteilen“, warnte Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) schon vor den ersten Schulschließungen. Die Erfahrung gab ihr recht: Während der ersten Tage waren die digitalen Lernangebote vielerorts überlastet.

Jahrelanges Gerangel

Damit war zu rechnen. Denn auch wenn die Digitalisierung der Schulen seit Jahren eines der wichtigsten Themen der Bildungspolitik ist, kommt sie in der Praxis nur langsam voran. Beispiel Digitalpakt: Nach jahrelangem Gerangel wurde das 5,5-Milliarden-Euro-Paket letzten Sommer endlich beschlossen. Viel Geld ist allerdings noch nicht geflossen. Der Branchenverband Bitkom hat vor kurzem aufgelistet, welche Länder bislang Förderungen in welcher Höhe abgerufen haben. Fazit: „Die Bundesländer haben von den fünf Milliarden Euro überhaupt erst einen Bruchteil abgerufen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Ein großer Teil der Mittel für den Aufbau digitaler Infrastrukturen kommt gar nicht vom Bund, sondern von den Ländern, Schulträgern und Fördervereinen. Das hat dazu geführt, dass zwischen den einzelnen Schulen die Unterschiede sehr groß sind: Während einige wenige sehr gut vorbereitet sind und fast mühelos auf Unterricht zu Hause umstellen können, sind andere faktisch gezwungen, den Beginn der Osterferien erst einmal vorzuverlegen.

Was also tun? Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Thomas Sattelberger hatte bereits vergangene Woche ein schnelles Handeln der Bildungsminister in Bund und Ländern verlangt, damit aus der Corona-Krise keine Schulkrise wird. Er schlug vor, einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag zur Verfügung zu stellen, um schnell bereits bestehende Angebote für alle verfügbar zu machen. Es gebe Lernmaterialien „in Hülle und Fülle“, sagte er.

Das allerdings kann auch zum Problem werden, nämlich wenn keiner mehr im Dschungel der Angebote durchblickt. Genau an dieser Stelle will die Bundestagsfraktion der Grünen mit einer „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“ ansetzen. Diese soll als gemeinsames Projekt von Bund und Ländern organisiert werden und als Online-Plattform einen Überblick über bestehende Angebote geben. Auch die pädagogische Beratung und Weiterbildung der Lehrer soll über die Zentrale stattfinden.

Bildungsexpertin Margit Stumpp glaubt, dass das schon in dieser Situation eine große Hilfe wäre. „Die neue Bundeszentrale könnte für Reichweite sorgen, Angebote bündeln, Qualität sichern und so Sicherheit schaffen“, sagt die Grünen-Politikerin, von der die Initiative für den Antrag ausging. Stumpp hat als Berufsschullehrerin selbst IT unterrichtet und sagt: „Die Idee kommt aus meiner praktischen Erfahrung.“

Technisch könnte sie sogar schnell umgesetzt werden, organisatorisch allerdings nicht. „Das ist in drei bis fünf Wochen nicht zu meistern.“ Nur: Organisatorisch kann der Bund ohnehin nicht viel erreichen. „Wir müssen jetzt aus der Situation lernen. Ganz schnell kann der Bund nichts machen, das sollte sich dringend ändern.“

Zum Artikel

Erstellt:
20. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. März 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen