Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Basketball: Walter Tigers stecken im Keller fest

Warum es nicht nur am Coach liegt

Die Stimmung in der Paul-Horn-Arena am vergangenen Samstag war gruselig. Nach der Niederlage der Walter Tigers Tübingen gegen Basketball-Bundesliga-Aufsteiger Göttingen sprach es zwar kaum einer offen aus, doch fast jeder dachte es: Jetzt hilft eigentlich nur noch ein Trainerwechsel.

06.12.2014
  • Hansjörg Lösel

Igor Perovic aber blieb im Amt. Obwohl erstmals „Igor raus“-Rufe durch die Halle schallten, und obwohl es auch bei der Sitzung des Sport- und Verwaltungsrats tags darauf durchaus kritische Nachfragen zum Coach gab.

Doch die besonnene Linie, für die der SV 03-Vorsitzende Gunther Volck steht, setzte sich durch. Also kein Trainer-Rausschmiss, stattdessen tauschen die Tiger das Personal in kurzen Hosen aus. Tübingen tickt eben anders, auch im Basketball. Denn im Profi-Zirkus gilt es als Binsenweisheit: Im Falle des Misserfolgs muss der Trainer den Kopf hinhalten. Aber schon im Vorjahr hatten die Tiger trotz schier aussichtsloser Lage an Perovic festgehalten, der damit inzwischen dienstältester Coach der Bundesliga ist. Und nach der wundersamen Rettung am letzten Spieltag hieß es: alles richtig gemacht.

Der Rückenwind des furiosen Finales sollte über die Sommerpause hinweg anhalten – doch nach elf Spielen der neuen Saison finden sich die Tigers erneut auf einem Abstiegsplatz wieder. Da leidet die Fan-Seele, und die Anhänger strafen das Team inzwischen mit Liebes-Entzug. Zum Derby am Samstag in Ludwigsburg wurde die geplante Busfahrt gestrichen – zu wenig Interessenten. Der Unmut der zahlenden Kundschaft ist nachvollziehbar. Nach der indiskutablen Leistung in Frankfurt sorgte ein lakonisches Perovic-Zitat auf der Bundesliga-Homepage („Manchmal trifft man selber diese Würfe, manchmal der Gegner“) für Aufruhr im Fan-Lager. Wer das Team bis nach Frankfurt begleitet hatte, fühlte sich da nicht ernstgenommen. Dennoch: Wer sich nur auf den Trainer Perovic als Sündenbock einschießt, wird der Misere bei den Tigers nicht gerecht. Kritik muss sich auch der Manager gefallen lassen. Robert Wintermantel war schließlich ebenfalls in Las Vegas, nahm gemeinsam mit Perovic unter anderem die Neu-Verpflichtung Nick Wiggins unter die Lupe – der groß angekündigte Kanadier erwies sich jedoch sportlich als Bundesliga-untauglich und menschlich als Störfaktor im Teamgebilde. Sicher, beim Kandidaten-Test kann jeder mal danebenliegen. Umso wichtiger wäre es deshalb gewesen, der Nachverpflichtung Vladimir Mihailovic zunächst einen Probevertrag zu geben. Der Montenegriner blieb in seinen bisherigen Spielen den Nachweis schuldig, eine Verstärkung zu sein. Trotzdem wurde er auf Anhieb mit einem Vertrag bis Saisonende ausgestattet. Natürlich ist es den Tübingern hoch anzurechnen, dass sie sich gegen das sicherlich fragwürdige Hire-and-Fire im Profisport wehren. Nur: Gutmenschentum ist in der Bundesliga fehl am Platz, zumal die Konkurrenz längst nicht so brav zu Werke geht. Anderswo müssen sich neue Spieler erst mal vier Wochen lang beweisen, dann kann man immer noch einen längerfristigen Vertrag unterschreiben.

Wer will, mag an einen Zufall glauben: Solange Radislav Zdravkovic als Co-Trainer dem Chefcoach Perovic zugearbeitet hat, kamen die Tigers nicht ernsthaft in Abstiegs-Not. Doch seit der Lehrer aufgrund beruflicher Verpflichtungen 2013 aufhörte, haben die Tübinger vergeblich nach einer Lösung für den Assistenztrainer gesucht. Das Modell des spielenden Co-Trainers mit Aleksandar Nadjfeji erwies sich als untauglich. Aber auch die aktuelle Lösung mit gleich drei Assistenten erscheint nicht ideal, die Spieler wirken teilweise irritiert.

Alles nicht so dramatisch, kein Grund zur Panik – auch für diese Sichtweise finden sich Argumente. Als erstes der Spielplan: Die Tigers haben schon gegen sieben der ersten acht Teams der aktuellen Tabelle gespielt, am 15. Dezember wird Spitzenreiter Berlin erwartet. Die entscheidenden Partien gegen die direkte Keller-Konkurrenz stehen also noch aus. Auch die im Liga-Vergleich bescheidenen finanziellen Mittel sind ein Grund dafür, dass die Tigers nicht zum Höhenflug ansetzen. Mit einem Jahres-Etat von etwas über zwei Millionen Euro ist Tübingen eines der kleinsten Lichter in der rasant wachsenden Bundesliga. Nur: Vereine wie Hagen, der MBC oder Göttingen können genausowenig mit Geld protzen. Und der Trend wird anhalten: Bundesliga-Boss Jan Pommer hält unbeirrt fest an seinem Ziel, 2020 die stärkste Liga Europas zu werden. Da ist es absehbar, bis Standards wie die Mindest-Kapazität der Hallen (bisher 3000 Zuschauer) erhöht werden. Für den Basketball-Standort Tübingen wird es nicht einfacher, im Konzert der Großen mitzumischen. Das heißt, der Fehlerspielraum wird immer kleiner. Für alle Beteiligten.

Warum es nicht nur am Coach liegt
TIGER WALTER in misslicher Lage.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.12.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball