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Auch der Opa fährt mit nach Stuttgart

Was Tübinger Demonstranten in den Protest-Zug treibt

Zum Bahnprojekt-Protest im Zug: Tübinger und Rottenburger S 21-Gegner nahmen am Freitag den Regionalexpress nach Stuttgart. Entrüstung über die Eskalation am Vortag fuhr mit.

02.10.2010
  • Fabian Ziehe

Tübingen/Stuttgart. „Ich bin von gestern noch aufgebracht“, sagt die 52-Jährige Marianne Lang am Freitag. Der Regionalexpress ist pünktlich um 17.37 Uhr im Tübinger Bahnhof losgefahren. Das Ziel der Rottenburgerin: Die Großdemo am Abend im Stuttgarter Schlossgarten. Schon tags zuvor hatte sie dort vom Nachmittag bis zum Abend demonstriert. „Ich habe noch ein paar Resteinsätze von Wasserwerfern mitbekommen – das war schon sehr bedrückend.“

Was Tübinger Demonstranten in den Protest-Zug treibt
Auf in den Schlossgarten: Tübinger Demonstranten, darunter etliche Mitglieder der grünen Jugend, gestern Nachmittag bei der Ankunft im Stuttgarter Hauptbahnhof. Bild: Ziehe

Am Donnerstagmorgen war es bei einer Schüler-Demo zu Reizgas-, Schlagstock- und Wasserwerfer-Einsätzen der Polizei gekommen. Das setzte sich vereinzelt den Tag über fort. Am frühen Freitagmorgen fielen die ersten Bäume im mittleren Schlossgarten. Das Schild von Marianne Lang kommentiert trotzig das Geschehen: „Mappus, du sägst dir den eigenen Ast ab.“ „Es wäre falsch, wenn man sich einschüchtern ließe“, sagt Lang. Obwohl die inhaltliche Kontroverse vom hektischen Tagesgeschehen mehr und mehr verdrängt wird, ist ihr es wichtig auch sachliche Argumente anzuführen. So müsse sie künftig in Tübingen umsteigen, da die von Rottenburg kommenden Dieselloks in den Fildertunnel nicht einfahren dürfen.

Auch Thomas Swain nennt persönliche Gründe gegen das Bahnprojekt: Der Tübinger arbeitet in Friedrichshafen. Dorthin sei die Bahnverbindung mäßig. Er fürchtet, dass durch S 21 das Geld für den Nahverkehr knapp wird. So fährt er nun zum zweiten Mal zum Demonstrieren nach Stuttgart. Nach dem Geschehen am Vortag will er Position beziehen: „Ich war erschrocken über die Gewalt, aber unerwartet kam sie nicht. Ich denke, es ist zu hart durchgegriffen worden.“

Wie der Protest vor Ort, so sind auch die Demonstranten im Zug verschieden. Simon Bauer aus Tübingen fährt mit einer Schar der Grünen Jugend mit. Der 22-jährige Politikstudent hatte die vorige Nacht bereits im Schlossgarten verbracht: „Wir wollten mit unserer Präsenz zeigen, dass wir gegen das Fällen der Bäume sind.“ Die Übergriffe verurteilt Bauer ganz entschieden. Er sei aber auch Polizisten gegenüber gestanden, die Tränen in den Augen hatten. Die Verletzungen aller Art, sie beträfen beide Seiten. Auch deshalb hofft er, dass es am Abend friedlich bleibt: „Es wird nicht eskalieren, die Polizei ist gewarnt.“

Diese Hoffnung hat auch Joachim Bischoff. Der 35-Jährige hat seinen elfjährigen Sohn Jonas mit dabei. „Bestünde Gefahr, dass es eskaliert, hätte ich ihn nicht mitgenommen“, sagt Bischoff. Auch der Großvater fährt mit – drei Generationen, die darauf hoffen, gemeinsam mit einer großen Menschenmenge ein Zeichen zu setzen.

Ankunft in Stuttgart: Scharen von Demonstranten ziehen durch den Hauptbahnhof. Ein Strom, der nicht abzureißen scheint, strebt durch die Klettpassage dem mittleren Schlossgarten zu. Dort stehen Einsatzkräfte einige Meter hinter den Absperrungen. Als zwei Beamte vorpreschen, regt sich wütender Protest bei den Demonstranten. Die Stimmung ist gereizt. „Das war bislang der lauteste und wütendste Schwabenstreich“, sagt Aktivist Benedikt Sittler nach einer Schweigeminute und einer Minute ohrenbetäubenden Lärms.

Mit harten Formulierungen wie „Wasserwerfer-Kehrwoche“ und „Rambo-Mappus“ kommentiert er das Geschehen am Vortag. „Lügenpack“ habe da die Menge bei den Vorstößen der Polizei skandiert. Der Tübinger Rechtsanwalt Jürgen Hemeyer sieht in den Geschehnissen des Vortags einen klaren Verstoß der Staatsmacht gegen das Versammlungsrecht: „Das, was die Polizei gemacht hat, das war nicht nur unverhältnismäßig, sondern auch rechtswidrig.“

Winfried Hermann fordert Aufklärung

Der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann fordert von der Bundesregierung Informationen über den Polizeieinsatz am Schlossgarten in Stuttgart. Er war am Donnerstag selbst vor Ort.

Sein Eindruck: „Was in Stuttgart passiert ist, ist entsetzlich und inakzeptabel. Das Vorgehen der Polizei gegenüber den Demonstranten ist an Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht zu überbieten.“

Wer mit Knüppeln und Wasserwerfern auf friedlich demonstrierende Menschen losgehe – darunter viele SchülerInnen und RentnerInnen – schade der Demokratie, schadet dem politischen Klima.

Die Verantwortung liege bei Ministerpräsident Stefan Mappus und Innenminister Heribert Rech. Sie seien „offenbar bereit, mit Hilfe der Polizei ihre Interessen durchzuprügeln“.

Gleichwohl forderte Hermann, der sich mit den Opfern solidarisierte, alle auf, gewaltfrei vorzugehen.

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02.10.2010, 12:00 Uhr

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