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Hesse, Händeschütteln – und ein Haken

Was alles so am Rande von Steffen Heß’ Bürgermeister-Vereidigung geschah

Am Montag wurde Steffen Heß als Bürgermeister von Gomaringen verpflichtet. Das ist ein Amt mit viel Verantwortung – und doch war es ein Abend mit erheblichem Schmunzelpotenzial.

04.07.2012
  • Eike Freese

Gomaringer, das ist hinlänglich bekannt, wählen Bürgermeister nicht für acht, sondern mindestens 30 Jahre. Folglich schauen sie sich die Leute ganz genau an, die für sie künftig im Rathaus-Chefsessel Dienst verrichten – schließlich sollen auch noch die Enkel was von ihnen haben. Verständlich also, dass zur Vereidigung von Steffen Heß am Montag nicht nur Ehrengäste aus Politik, Kultur, Sport und Gesellschaft in die Kulturhalle drängten, sondern auch knapp 500 Bürgerinnen und Bürger. Es war eine Gemeinderatssitzung mit nur einem Tagesordnungspunkt – und alle wollten hin.

„Soviel Aufmerksamkeit für den Gemeinderat gibt es nicht einmal, wenn es um Verkehrspolitik geht“, begeisterte sich Elvira Fischer (SPD). Die zweite Bürgermeister-Stellvertreterin grüßte vom Podium herab und betonte, dass Steffen Heß von Vorgänger Schmiderer praktisch ein Land erbt, in dem Milch und Honig fließen – verglichen mit den Vorjahren. Oder, diesmal in Fischers Worten: „Immerhin haben wir in diesem Jahr ein Rathaus, das wunderschön mit Blumen grüßt.“

Auch CDU-Fraktionschef Willi Kern zeigte sich bestens gelaunt – und hatte sogar eine kleine Ode auf die Zusammenarbeit von Gemeinderat und Bürgermeister gereimt. „Aufeinander bauen“ und „vertrauen“ – das wollen die Gemeinderatsfraktionen, so Kern, mit Heß genauso machen wie in den vergangenen Jahren mit Schmiderer. Es gab dabei nur einen Haken. Und den hatte Kern auch gleich mitgebracht: „Als Zeichen der Verbindung von Gemeinderat, Ortschaftsrats und Verwaltung“, schenkte Kern dem Bürgermeister-Neuling einen Karabinerhaken. „Außerdem praktischerweise passend zu Ihrem Hobby“, fügte Kern hinzu – Steffen Heß ist nämlich passionierter Kletterer.

Ein Schoko-Glücksschwein von den Bürgermeisterkollegen, das Lied „Flieg, junger Adler!“ vom Gesangverein Frohsinn – wo es schon mal so zahlreich Freundlichkeiten hagelte, ließ sich auch der Kreis Tübingen nicht lumpen. Landrat Joachim Walter hatte Heß zum Wachbleiben eine Espresso-Tasse mit dem Landkreis-Wappen mitgebracht. Zudem gab er dem 34-Jährigen eine Reihe von mehr oder weniger ernst gemeinten politischen Ratschlägen: Den demographischen Wandel beachten. Standing zeigen. Den Bürger als Kunden betrachten. Und – Fehler zugeben. „Wer Fehler zugibt“, so Walter, „hat einen Vorteil: Ihm wird jedenfalls geglaubt“. Allerdings: „Man sollte zwischendurch auch mal was richtig machen. Allein durch das Eingeständnis von Fehlern wird in der Regel keine Anerkennung gewonnen.“

Etwas weniger ergebnisorientiert zeigte sich Reinhard Spielvogel. Der Pfarrer wandte sich an Heß mit einer Rede über Glaube, Berufung und Entspannung. Elan und Ehrgeiz seien zwar gut („Wie Sie vor dem Eid aufgesprungen sind, da freut sich jeder Sportverein!“), doch unter Druck gäbe es eine nie zu unterschätzende Hilfe: das Vertrauen auf Gott.

Vertrauen darf Steffen Heß künftig auch weiterhin seinen Mitarbeitern im Rathaus. Iris Digel vom Hauptamt pries jedenfalls Heߒ „fröhliches Wesen“ – und schenkte ihm einen Korb mit gemischten Maultaschen. „Wenn Sie noch nicht wissen, wie Sie ihren Bürgermeister verwöhnen können“, erläuterte Digel den Gästen – „Jetzt wissen Sie’s!“ Im Gegenzug versprach Heß der Personalrats-Vorsitzenden Blumen („Gibt’s aber später!“) zum Geburtstag – der nämlich zufällig mit seiner Vereidigung zusammenfiel.

Und noch einer hatte Geburtstag am Montag: Hermann Hesse nämlich wäre 135 Jahre alt geworden. Mit den Worten „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, beschwor Minister und Landes-Vize Nils Schmid deshalb den Dichter – und wurde selbst zum Poeten, als er Heߒ und Schmiderers offenbar harmonische Zusammenarbeit als „Duett“ besang. Und bevor es ins allzu Hübsche abglitt, riet der gebürtige Trierer: „Zum Bürgermeisteramt muss auch Spaß dazugehören – selbst unter Schwaben.“

Dienstältester Paparazzo des Abends war einmal mehr Willi Kemmler. Das vielbekränzte Gomaringer Polit-Urgestein lichtete mit seiner schweren Spiegelreflex am Festabend einfach alles und jeden ab – auch Steffen Heß bei seiner Antritts-Rede. Und während sich andere Fotografen scheu zurückhielten, erklomm Kemmler, Jahrgang ’41, sportlich die Bühne und schob dem Jungbürgermeister emsig knipsend das Objektiv unter die Nase. „Jetzt hören Sie doch mal auf!“, verzweifelte Heß nach einer Weile. „Selbst Ihre Speicherkarte muss doch mal voll sein!“

Völlig entspannt zeigte sich Amtsvorgänger Manfred Schmiderer während des Abends. Von Ex-Kollege Thomas Hölsch als „44-Stunden-Pensionär“ tituliert, schüttelte Schmiderer vor der Kulturhalle zahllose Hände, trat aber ansonsten wohlgemut in die zweite Reihe zurück. Und hatte sogar noch den einen oder anderen Spruch auf den Lippen. „Mein erster freier Tag“, witzelte Schmiderer am Rande der Festakts mit Blick zum bewölkten Himmel. „Und dann so ein Wetter!“

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04.07.2012, 12:00 Uhr

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