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Sandy, das Wahlsystem, die Latinos

Was den Ausgang der US-Wahl mitentscheidet

Egal, ob sie als Amerikaner selbst wählen dürfen, oder ob sie die Präsidentschaftswahl in den USA am Dienstag aus Experten-Interesse beobachten: Eine Prognose des Ausgangs wagt diesmal niemand.

04.11.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Würde in Tübingen gewählt, wäre es eindeutig: Barack Obamas Herausforderer Mitt Romney genießt in Deutschland wenig Sympathien. „Obama liegt uns näher“, sagt der Tübinger Zeithistoriker und Nordamerika-Spezialist Prof. Georg Schild. Er fände es „traurig“, wenn Amerika diesen „außergewöhnlich begabten“ Mann abwählen würde, der ihn mit seiner Autobiographie auch als Autor beeindruckte: „Er hätte nicht den Friedens- sondern den Literaturnobelpreis bekommen sollen.“

Aus Schilds Sicht hat Obama auch politisch „nichts wirklich falsch gemacht“; sogar die Arbeitslosenzahlen seien doch immer ganz leicht zurückgegangen. Wenn er gescheitert sei, dann an den „unendlich hohen Erwartungen“ und an den Blockaden im Kongress. Romney sei eigentlich ein „sehr schwacher Kandidat“, der sich im Wahlkampf widersprüchlich äußerte. Die Krankenversicherung Obama-Care zurücknehmen? Schild weiß nicht, wie das gehen soll. Mit Unbehagen betrachtet er, dass der Wahlausgang nun von Zufällen und Unwägbarkeiten abhängt: Wenn im Swing-State Ohio 5000 Leute wegen eines Schneesturms nicht wählen gehen könnten – das könne den Ausschlag geben.

Wie Schild sieht der Amerikanist Prof. Horst Tonn die USA „tief gespalten“, auch seine Sympathie liegt „klar bei Obama“. Wenn er sich an den starken Veränderungswillen des Wahlkampfs vor vier Jahren erinnert, versteht er die Enttäuschten. Der frühere Überschwang sei in einem Land, wo „Politik sehr emotional verhandelt wird“, nun ein Problem. Doch habe Obama als Schwarzer und Liberaler „der politischen Kultur in den USA gut getan“. Die ethnischen Minderheiten, die unteren Schichten hätten das Signal bekommen, dass Politik nicht vergeblich ist.

Der Sieger im Staat kriegt alle Wahlmänner

Tonn schätzt, dass die Latinos das Zünglein an der Waage sein könnten, denen Obama freilich die Anerkennung nicht im gewünschten Maß bescherte. Er wünscht dem Präsidenten den Sieg wie eine Ernte: Eine zweite Amtszeit sei wegen des fehlenden Wiederwahl-Drucks (eine dritte schließt die Verfassung aus) oft unbeschwerter. „Der lange Atem wäre ein starkes Argument für Obama.“

„Voll krass – das hätte ich nicht von dir gedacht“, kriegt Luke Ogden von seinen Tübinger Kumpels zu hören, wenn er sich als Republikaner outet. Der 30-jährige Dozent an der Uni und beim Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) hält Romneys Sieg für möglich, Obamas für etwas wahrscheinlicher. Seine Stimme geht am Dienstag an Romney, dem er mehr Kompetenz in Wirtschaftsfragen zutraut, und zwar per Fax. Das ist nicht überall, aber in seinem Bundesstaat Kalifornien möglich. Den Wahlzugang regelt auch bei nationalen Wahlen jeder Staat auf seine Weise.

Ogdens Stimme ist im mehrheitlich demokratischen Kalifornien praktisch verloren, denn wie fast in jedem Staat gilt dort „Winner takes all“, das heißt: Wer die Mehrheit der Stimmen bekommt, kriegt alle Wahlmänner. Nur Nebraska und Maine teilen ihre Wahlmänner auf.

Penny Pinson, Sprachlehrerin am DAI, zählt zu den von Obama Enttäuschten, wenn sie ihn auch als „kleineres Übel“ Romney vorzieht, den sie für eine „große Gefahr“ hält. Aber da in ihrem Heimatstaat Georgia sowieso die Republikaner die Überhand haben, ist sie ihrer politischen Überzeugung gefolgt und hat per Briefwahl dem aussichtslosen Kandidaten der linksökologischen Justice Party ihre Stimme gegeben. Für eine andere Person aus dem Weißen Haus hätte Pinson mit Begeisterung gestimmt: Obamas Frau Michelle; die nämlich findet sie „außerordentlich wunderbar“.

Bis zuletzt hat auch Angela Baggarley überlegt, ob sie in Kalifornien grün wählen soll, „um ein Zeichen zu setzen“. Weil es so knapp ist, neigt sie nun dazu, „wie letztes Mal“ Obama zu wählen. Die 29-jährige Theologiestudentin lebt seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland und kennt die Unterschiede in der politischen Kultur. „Obamas Ton klingt nach europäischer Intelligentsia, das ist Amerikanern fremd.“ Einen Sieg Romneys betrachtet sie jedoch nicht als „absolute Vollkatastrophe“. Zwar mag sie seinen Ton nicht, „aber er ist intelligent“.

„Momentum“ bezeichnet im Englischen die Kraft, die eine Bewegungsrichtung bestimmt. Barack Obama habe diesen Dreh jetzt auf seiner Seite – den Eindruck hat der Tübinger Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal gewonnen, der sich zur Zeit auf einer Politik-Tour in den USA aufhält. Nach Gesprächen mit amerikanischen Politik-Analysten hält der Grünen-Politiker, wie er uns per Mail mitteilte, weniger den Wirbelsturm Sandy für wahlentscheidend, sondern die Wahlbeteiligung der Latinos, die eher zu Obama tendieren und in den „Swing States“ Florida und Nevada große Bedeutung haben. Eine hohe Wahlbeteiligung hilft insgesamt Obama. Als große Unbekannte wird die „Cell Phone Population“ (Handy-Bevölkerung) genannt, also jene Wähler, die keinen Festnetzanschluss haben und deswegen in den Umfragen nahezu unberücksichtigt bleiben. Diese Gruppe verhalf schon 2008 Obama zur Präsidentschaft.

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04.11.2012, 12:00 Uhr

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