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Mit „GuS“ fit für den Beruf

Was die Werkrealschule bringt und warum sie wenig von der Hauptschule unterscheidet

„WuI“, „GuS“ und „NuT“ – das hört sich kryptisch an. Tatsächlich verbergen sich dahinter die drei Wahlpflichtfächer, die mit der neuen Werkrealschule eingeführt worden sind. Eine solche ist auch die Gottlieb-Rühle-Schule in Mössingen geworden. Die jetzigen Achtklässler sind die ersten, die das betrifft.

15.10.2010
  • Gabi Schweizer

Mössingen. Ivana hat sich für „Wirtschaft und Informationstechnik“, entschieden. „Ich find’s interessant und möchte viel daraus lernen“, sagt die 14-Jährige. Klar, viel Zeit war noch nicht seit den Sommerferien. Aber ihre Klasse hat sich bereits darüber unterhalten, wie man durch Kuchenverkauf Spendengeld für Afrika generieren könnte, später sollen die Jugendlichen eine „Schülerfirma“ gründen. Ivana weiß genau, was sie mal werden will: „Arzthelferin bei einem Kinderarzt“. Da hat sie sicher auch mit Buchführung zu tun. Alternativ hätte sie sich für das Fach „Natur und Technik“ entscheiden können oder für „Gesundheit und Soziales“, das sich zwei Schulstunden pro Woche mit Themen wie Pflege, Ernährung, Zusammenleben und Nachhaltigkeit auseinandersetzt.

Lehrerin Margit Richter macht mit der Jugendlichen in diesem Fach gerade Kommunikationstraining – sie sollen lernen, wie sie Betrieben oder Einrichtungen gegenüber auftreten, eine fürs Berufsleben äußerst wichtige Fähigkeit. Neulich konnten die Jungen und Mädchen das schon testen, beim Berufsinformatiostag im Tübinger Landratsamt. Die Lehrerin merkte: Auf Ausbilder zugehen, an einem Stand um Informationen bitten, das fiel vielen schwer.

Die Lehrer lernen ebenfalls dazu

Generell ist die Werkrealschule neuen Typs stark auf die späteren Berufsfelder hin ausgerichtet, ergänzt „Natur und Technik“-Lehrer Andreas Horwedel beim Pressegespräch. Sein eigenes Fach zielt klar auf die handwerklichen Berufe ab und bereitet die Schüler bereits auf die gewerblich-technische Berufsfachschule vor.

„Gesundheit und Soziales“ hingegen gilt als gute Voraussetzung für Pflegeberufe und die Gastronomie, während die „Wirtschaft und Informationstechnik“-Schüler die Grundkenntnisse erwerben, die ihnen später in kaufmännischen Berufen zu Gute kommen. Nach dem neuen Werkrealschulmodell wählen die Schüler/innen ab Klasse acht eins der drei Fächer, können aber jederzeit wechseln.

Ganz ähnliche Themen wie in „WuI“, „GuS“ und „NuT“ tauchen auch im Fächerverbund „WAG“ („Wirtschaft – Arbeit – Gesundheit“) auf. Drei Lehrer, die davon jeweils einen Teilbereich unterrichten, haben die Wahlpflichtfächer übernommen und bilden sich selbst noch weiter, wie sie offen zugeben: „Learning by Doing“ – „Lernen durch Tun“. Die Reform kam eben kurzfristig. Das Land bietet nun entsprechende Schulungen an, erst vorgestern war wieder ein Termin. Weil die Schule relativ groß ist, kann sie alle drei Wahlpflichtfächer anbieten. „Manche Hauptschulen können nur einen Lehrer schicken“, hat Margit Richter bei den Fortbildungen gemerkt. Hauptschulen dürfen die Fächer zwar ohne offizielle Werkrealschul-Genehmigung anbieten, aber oft reichen die Lehrerdeputate nicht aus. In solchen Fällen sind Kooperationen denkbar. Er habe aber, sagt Rektor Robert Conzelmann, bislang keine entsprechende Anfrage aus den benachbarten Schulen erhalten.

Derzeit ist die Gottlieb-Rühle-Schule die einzige Bildungseinrichtung im Steinlachtal, deren Werkrealschul-Antrag anerkannt wurde. Gegen eine Kooperation der Bästenhardt-Schule mit der Bodelshäuser Steinäckerschule hatten sich zahlreiche Schüler und Eltern ausgesprochen, der Gemeinderat votierte letztlich mit knapper Mehrheit dagegen. Die kleine gemeinsame Hauptschule von Talheim und Öschingen setzt nach wie vor auf das herkömmliche Modell. Und der Ofterdinger Gemeinderat befand, die Burghofschule sei gut, wie sie ist – als Hauptschule.

Die Gemeinden Dußlingen, Gomaringen und Nehren klagen derzeit gegen die Ablehnung ihres gemeinsamen Werkrealschul-Antrags – das Regierungspräsidium sträubte sich gegen die Idee, die Jugendlichen auf mehrere Standorte aufzuteilen. Gleichwohl können „DuGoNe“-Schüler die Wahlpflichtfächer und ein zehntes Schuljahr nach dem alten Modell besuchen, ansonsten unterscheiden die Bildungspläne sich ohnehin nicht von denen der Hauptschule. Schließlich sollen die Jugendlichen jederzeit hin- und herwechseln können.

Bislang nicht mehr Anmeldungen als vorher

So ist auch nicht verwunderlich, weshalb die Gottlieb Rühle-Schule bisher nicht von auswärtigen Schülern überrannt wird, die vor Ort kein solches Angebot haben. Einige der 24 neuen Fünftklässler kommen aus den umliegenden Gemeinden, aber das war auch in den Vorjahren schon so, erklärt Conzelmann. Mit einem Wechsel „von heute auf morgen“ habe er ohnehin nicht gerechnet. Ob die drei Schüler, die von noch weiter her pendeln, zufällig zum jetzigen Zeitpunkt die Gottlieb-Rühle-Schule ausgesucht haben, weiß er schlicht nicht. „Das hat sicher auch mit der Auflösung der Schulbezirke zu tun“, ist sich „Wirtschaft und Informationstechnik“-Lehrer Erich Dietrich sicher.

Und wie beurteilen Betriebe die Werkrealschule? Hat sich das Image der Hauptschule dadurch verbessert? Wieviel bringt die Reform den Schülern? Alles Fragen, die sich nach wenigen Wochen nicht beantworten lassen. Gleichwohl geht der Trend schon länger dahin, Schüler früh an Berufe heranzuführen. Traditionell durch Praktika, nun auch durch eine stärkere Gewichting berufspraktischer Themen im Unterricht. „Orientierung aufs Berufsleben“, nennt es Lehrer Andreas Horwedel. Konrektorin Doris Dettinger hat den Eindruck, dass den Eltern die Inhalte der Wahlpflichtfächer gefallen. Bei der Auswahl helfen auch die Lehrer – sie machen in Klasse 7 eine „Kompetenzanalyse“, die den jungen Menschen zeigen soll, wo ihre Stärken liegen.

Die 13-jährige Laura hat sich für „Natur und Technik“ entschieden, nicht für „Gesundheit und Soziales“, das bei Mädchen beliebteste Fach. „Ich find’s gut“, sagt sie. Laura wollte „mehr übers Gestalten“ lernen. Gerade eben beschäftigen die Jugendlichen sich mit Fahrzeug- und Antriebstechnik, später kommen Bauen, Chemie und Lebensräume dran. In jedem Fall ist Laura froh, „dass wir das Fach aussuchen dürfen“.

Die neue Werkrealschule

Die Werkrealschule führt in sechs Jahren zur Mittleren Reife. Dabei unterscheiden sich die Bildungspläne bis zur neunten Klasse nicht von denen der herkömmlichen Hauptschule – mit einer Ausnahme: Die Schüler/innen wählen eins von drei Pflichtfächern aus, das dann zum Hauptfach wird: „Gesundheit und Soziales“, „Natur und Technik“ oder „Wirtschaft und Informationstechnik“. Diese sind bereits auf die zweijährige Berufsfachschule zugeschnitten, die die Jugendlichen in der zehnten Klasse teilweise besuchen, sofern sie auf einen Notenschnitt von 3,0 in den Hauptfächern kommen. Anschließend können sie direkt ins zweite Jahr einsteigen. Allerdings ist der Unterschied zum bisherigen Modell minimal, da Hauptschüler auch direkt an die zweijährige Berufsfachschule wechseln und so die Mittlere Reife erwerben können. Zudem gibt es Hauptschulen, die die Wahlpflichtfächer anbieten, ohne offiziell den Status der Werkrealschule zu haben. So handhaben das beispielsweise Dußlingen, Gomaringen und Nehren – die Schulen kooperieren.

Was die Werkrealschule bringt und warum sie wenig von der Hauptschule unterscheidet
Kochunterricht ist Bestandteil des neuen Fachs „Gesundheit und Soziales“, aber auch des Fächerverbunds „Wirtschaft – Arbeit – Gesundheit“: Lehrerin Margit Richter zeigt Daniele, Rudolf und Sebastian, wie sie Kartoffeln mit schmackhaften Dipps zubereiten. Insgesamt kommen die Achtklässler der Werkrealschule auf 32 Wochenstunden.Bild: Franke

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15.10.2010, 12:00 Uhr

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