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Was ist schwäbisch?
Ein Matrosenanzug von Wilhelm Bleyle, eine Hartmann-Mullbinde, der Fliegenfänger eines Waiblinger Konditors, ein Triumph-BH und ein Fischer-Dübel als Beispiele schwäbischen Schaffens in der Ausstellung „Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“. Foto: dpa
Landesmuseum

Was ist schwäbisch?

Die neue Große Landesausstellung im Alten Schloss in Stuttgart widmet sich einem vielseitigen Begriff.

21.10.2016
  • CLAUDIA REICHERTER

Stuttgart. Em Herbschd schlauchd mi dia Frihjohrsmiadichkeid am meischda.“ Mit diesem Satz, über den „Häberle und Pfleiderer“ am Eingang zur Großen Landesausstellung im Stuttgarter Schloss minutenlang von der Großbildleinwand herab sinnieren, werden sich derzeit viele Besucher identifizieren können. Und zugleich dürften sie über ihn schmunzeln. Denn die Ausrede „im Herbst strengt mich die Frühjahrsmüdigkeit besonders an“ verbindet subtiles Jammern mit der Kunst, etwas Einfaches möglichst kompliziert auszudrücken, und so raffiniert von etwas abzulenken, was einfach nicht sein darf. Dass einer der Kehrwoche nicht mit dem gebotenen Fleiß nachkommt etwa. So illustriert das 30er-Jahre-Komiker-Duo die schwäbische Seele in so konziser wie kongenialer Weise. Der echte Schwabe ist da ebenso wie der Teil- und der Nicht-Schwabe gleich mittendrin in der Welt von „Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke.“

Anders als Häberle und Pfleiderer packt Kurator Olaf Siart den geografisch schon jahrhundertelang nicht mehr festzumachenden Begriff zusammen mit seinem Kollegen Frank Lang in der morgen beginnenden Ausstellung „in der ganzen Breite“ an. „Was ist schwäbisch?“ Die Frage stand am Anfang der dreijährigen Vorarbeit der Kunst- und Kulturwissenschaftler. Sie war „nicht leicht zu knacken“, gesteht der aus Vaihingen/Enz stammende Frank Lang, seit 1997 Volkskunde-Kurator im Landesmuseum. Denn der Begriff ist stetem Wandel unterworfen. So stellen die Ausstellungsmacher die „Medienklischees“ auch gleich an den Anfang ihrer Schau: Ist der typische Schwabe nun fleißig oder kaschiert er nur – wie Häberle und Pfleiderer – besonders raffiniert seine Arbeitsunlust? Ist er mutig oder feige – wie es die Legende von den „Sieben Schwaben“ nahelegt, die letztlich vor einem Hasen Reißaus nehmen?

Das fragt sich nun auch der Besucher, der dazu einen Nachbau des Ulmer Münsters aus Lego-Steinen, ein Modell von Gustav Mesmers „Hubschrauberflugfahrrad“ und einen Teil vom S 21-Protest-Bauzaun am Stuttgarter Hauptbahnhof bestaunen kann.

Fest steht: „Was uns ausmacht, ist nicht nur die Geburt“, sagt der gebürtige Hesse Olaf Siart. Und verweist auf eine Station mit Fotos von vermeintlichen Vorzeige-Schwaben – samt aufklappbarer Biografien dazu. Da kann jeder selbst erst raten und dann nachprüfen, ob die in Wirklichkeit vielleicht doch vielmehr Teil- oder Exil-Schwaben sind? Der in Ghana geborene Stuttgarter Starkoch Nelson Müller etwa, oder der in Reutlingen geborene Wahl-Wiesbadener Claus Kleber.

Derart sensibilisiert betritt der Besucher den ersten von vier je einer Metropole gewidmeten Räumen. Sowohl Konstanz als auch Augsburg, Ulm und Stuttgart spielten in der schwäbischen Geschichte eine wichtige Rolle. Sie führen von den Sueven zu den Donauschwaben, vom 11. Jahrhundert in die Gegenwart und von der Bewunderung über den Spott zurück zur Hochachtung für Schwaben. Da lässt sich auch für den Kundigen noch allerlei entdecken: Wie Jacob Fuggers Familie von Händlern zu Herrschern aufstieg; woher die Maserpfeife von Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel stammt; und weshalb die Betzinger Kleidung für unverheiratete Mädchen als schwäbische Tracht gilt?

Im Dialektturm kann via Bodenhüpfspiel die Bedeutung der schwäbischen Bewegungsverben „laufä“, „schbrengä“ und „juggä“ ebenso nachvollzogen werden wie die Aufforderung „Bassamoluff, horchamolher!“ – die steht an der Wand und wurde für Nicht-Schwaben netterweise übersetzt. Es gibt O-Töne aus den 70er Jahren zum Anhören und eine Tafel zum selbst Aktivwerden: Gesucht wird das schönste schwäbische Wort – „Ergänzen Sie!“: Ist es „em dauba diecht“ (etwa „aus Versehen“), „helenga“ („heimlich“) oder doch eher „Gsäls“ („Marmelade“)?

Abschließend weisen Lang und Siart in zwei hübschen Installationen noch auf die vielfältigen Errungenschaften jener Schwaben hin, die sich eben nicht von der herbstlichen Frühjahrsmüdigkeit vom sprichwörtlich schwäbischen Schaffen abhalten ließen: die Werkzeuge fürs perfekte „Spätzle“ erfanden, den von der Decke hängenden Fliegenfänger, den Knabenanzug im Matrosenstil oder den Fischer-Dübel.

Die Erfindungen zwischen BH und Mullbinde sind so vielfältig, dass Museumschefin Cornelia Ewigleben vor dem Eintauchen ins Schwaben-Universum zur Muße rät: „No ned hudla, schaued se sich erschd amol die Ausschdellung ô!“

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21.10.2016, 06:00 Uhr

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