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Tag der jüdischen Kultur

Was übrig blieb: Zeitreise ins Hechingen vor den Nazis

Am Sonntag ist der europäische Tag der jüdischen Kultur. Hechingen beteiligt sich an dem Gedenktag mit einer Spurensuche durch die Straßen der Stadt. Denn bis zur Machtergreifung der Nazis blühte unterm Zollern eine reiche Kultur jüdischen Lebens.

01.09.2012
  • Susanne Mutschler

Hechingen. Wer durch die Hechinger Innenstadt spaziert und nicht zufällig an der Alten Synagoge vorbeikommt, kann kaum erkennen, wie zahl- und einflussreich die jüdische Bevölkerung in dieser Stadt über Jahrhunderte war. Der interessierte Besucher braucht eine kenntnisreiche Führerin, um an den Häusern in der Schloss-Straße, am City-Outlet in der Neustraße oder am Notariatsgebäude auf dem Obertorplatz Zeugnisse jüdischen Lebens zu entdecken. Erläuternde Hinweisschilder sucht man an den ehemals jüdischen Häusern in Hechingen vergebens. Die Idee solcher Täfelchen ist bei den gegenwärtigen Eigentümern nicht auf Zustimmung gestoßen. Johanna Werner, viele Jahre Stadtführerin und Freundin des jüdischen Lebens unterm Zollern, bedauert das.

Die Mutter Albert Einsteins

Werner, die ehemalige Grundschullehrerin, ist eine Kennerin von Hechingens Geschichte und Geschichten. Am Sonntag um 15 Uhr wird sie einen Rundgang durch die Stadt beginnen, in der seit 1986 wieder im ursprünglichen Stil wunderschön restaurierten Alten Synagoge. Dort wird sie die in Architektur und Dekor umgesetzte jüdische Zahlensymbolik erläutern. Die benachbarten Häuser sind das ehemalige jüdische Schul- und Gemeindehaus und die Lederwarenhandlung von Elias Moos, der schon im 19. Jahrhundert weltweite Geschäftskontakte unterhielt.

Das erste Hechinger Handels- und Gewerbezentrum war die Schlossstraße. Die 1739 geborene Madame Kaulla, die es mit ihrem Geschäftssinn zur „Hoffaktorin“ des württembergischen Königs brachte und sogar den österreichischen Kaiser mit Pferden und Getreide belieferte, besaß dort ein stattliches Kontor und vier Lagerhäuser. „Die Schloss-Straße war die Wiege der Hechinger Textilindustrie“, erklärt Johanna Werner. Wo heute Elektronik angeboten wird, begann Benedikt Baruch 1848 mit der Fabrikation von Tuchen. 1873 gab es Hechingen bereits neun Textilunternehmen mit jüdischen Eigentümern.

Auf der gegenüberliegenden Schloss-Straßenseite hatte Alfred Löwenthal sein Feinkost- und Delikatessengeschäft. Zu den damals ungewöhnlich großen Schaufenstern, hinter denen heute Schuhe ausgestellt sind, habe ihn ein Aufenthalt in Chicago inspiriert, berichtet Werner. Das Nachbargebäude nennt sie das „Einstein-Haus“, denn hier lebten nicht nur Albert Einsteins Mutter und sein Onkel Rudolf, sondern auch seine Kusine Elsa, die später seine zweite Frau wurde.

„Mechanische Tricotweberei“

An die „Mechanische Tricotweberei“ an der Kehre der Neustraße erinnert heute wenig mehr als der im Innenhof eingemauerte Grundstein von 1883. Als frühe „global players“ bezogen die Eigentümer Leopold Liebmann und Jakob Levi ihre Rohstoffe aus den deutschen Kolonien in Afrika. Ihre Trikotagen trugen entsprechend das Markenzeichen „Togolana“. Der Fabrikant Levi, den man in Hechingen den „roten Post-Jakob“ nannte, war gleichzeitig der Vater von Paul Levi, der als Rechtsanwalt in Berlin die Verteidigung von Rosa Luxemburg übernahm. Johanna Werner kennt die verwandtschaftlichen Beziehungen der jüdischen Familien in Hechingen aus dem Effeff. Sie weiß genau Bescheid, wer wen heiratete, wer wo welche Karriere machte, wer im Nationalsozialismus noch rechtzeitig auswandern konnte, aber auch, wer den Deportationen zum Opfer fiel.

Am Obertorplatz hatte Carl Löwengard seinen Textilbetrieb. Der Fabrikant war ein eingefleischter Hechinger mit einer Leidenschaft für den derben schwäbischen Dialekt und alles Hohenzollerische. Die Sammlung seiner Schriften und Stiche wurde zum Grundstock der Hohenzollerischen Heimatbücherei. Dem früheren Löwengardschen „Kontor“, heute ein Notariat, sieht man den Wohlstand des einstigen Unternehmens noch deutlich an. An dieser Station wird Werner am Sonntag erklären, was „Arisierung“ in Hechingen bedeutete und in wessen Eigentum der jüdische Besitz überging.

Waldbad im Fasanengarten

Vor dem Hechinger Landgericht wird Werners Führung enden. Hier absolvierte der spätere kommunistische Anwalt Paul Levi sein Referendariat, und hier arbeiteten die beiden Juristen Moritz Meyer und Ernst Rosenfeld an ihren Fällen. Landgerichtsrat Moritz Meyer, der als eigenwilliger Charakter galt, wandte sich bereits 1924 der Homöopathie zu und gründete 1929 im Hechinger Fasanengarten das „Waldbad Zollern“. Auf sein Betreiben war sein Neffe, der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf, mit seiner Familie für einige Jahre nach Hechingen gezogen. Moritz Meyer starb 1942 im KZ Mauthausen. Ernst Rosenfeld überlebte, weil ihn seine Hechinger Schwägerin Maria Kalbacher bei sich versteckte. Auf einen Hinterhof in der Schlossstraße weist ein kleines Fenster. Hinter diesem Guckloch harrte Rosenfeld während des Dritten Reichs aus. 18 Monate lang.

Was übrig blieb: Zeitreise ins Hechingen vor den Nazis
Die Alte Synagoge in Hechingen, wie sie früher war: In der Architektur des Sakralbaus und auch in den Ornamenten, die den Saal schmücken, war und ist uralte jüdische Zahlensymbolik eingearbeitet.Bild:Stadt Hechingen

Das Motto des diesjährigen europäischen Tages der jüdischen Kultur ist der jüdische Witz. Hier mal eine Kostprobe: Der katholische Stadtpfarrer von Hechingen Franz Xaver Dannegger und der Rabbiner Samuel Mayer sitzen zusammen in der Wirtschaft „Museum“. Dannegger verzehrt eine schweinefleischreiche Metzelsuppe und foppt seinen jüdischen Kollegen: Er hoffe doch, dass jener auch einmal eine solche Mahlzeit genießen dürfe. Worauf der Rabbiner schlagfertig kontert: „Gerne, bei Ihrer Hochzeit!“

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01.09.2012, 12:00 Uhr

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