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Danke, Bahn!

Weihnachten und Ostern an einem Tag

Alles habe ich schon erlebt mit der Deutschen Bahn. Komplette Zugausfälle, liegengebliebene Loks, halbstündige Verspätungen, verpasste Anschlüsse, Personenschäden auf den Gleisen, eine Waggontür, die beim Einparken eines Rollstuhls kaputtging. Aber was ich am Montag, 4. August, um 17.42 Uhr am Reutlinger Hauptbahnhof erlebt habe, war eine Weltpremiere, von der ich dereinst noch meinen Enkeln erzählen werde.

09.08.2014
  • Matthias Reichert

Gewöhnlich sind die Regionalexpress-Züge knapp verzögert. Bis zu drei Minuten gelten bei der Bahn noch nicht als Verspätung, deshalb wird das nicht einmal angesagt. Der Zug Richtung Tübingen um zwölf Minuten nach der vollen Stunde kommt meist um 14 nach und fährt dann um 16 nach ab – kein Grund zur Beunruhigung, das ist normal. Das Gleiche gilt für die Züge, die nachmittags um 15.42 Uhr, 16.42 Uhr, 17.42 Uhr und so weiter fahren.

Stuttgarter S-Bahn-Passagiere haben schon einen Verein gegründet, um sich gegen die dauernden fünfminütigen Verspätungen zu wehren. Bahnkunden sind da härter im Nehmen. Was sind schon fünf Minuten vor dem Auge der Ewigkeit und Volker Grubes Milliardenprojekten? Ein Nichts, ein Pupsen im unergründlichen Kosmos des Unternehmens Zukunft.

Wenn die Züge pünktlich sind, kommen sie um zwölf nach an, und die zwei Minuten zum Aus- und Einsteigen übersieht der beflissene Bahnkunde nonchalant. Ankunfts- und Abfahrtszeit gehen fließend ineinander über, mit dieser Politik bescheißt die Bahn ihre Kunden seit Jahr und Tag.

Aber was am 4. August geschah, war noch nie dagewesen. Um 17.40 Uhr fuhr der Regionalexpress nach Tübingen brausend und schnaubend im Reutlinger Bahnhof ein – zwei Minuten vor der Abfahrtszeit. Ich dachte zuerst, die Bahnhofsuhr sei kaputt. Pünktlich um 17.42 Uhr und fünf Sekunden fuhr er ab. Und das Beste: Drinnen funktionierte sogar noch die Klimaanlage.

Ich saß im Zug, zitternd vor Glück, und konnte es minutenlang nicht fassen. Weihnachten und Ostern fielen auf einen Tag. Ich zückte meinen Kalender und machte einen roten Kringel um das Datum, das ich wohl nie mehr vergessen werde. Davon werde ich noch Jahre zehren – zumindest während der Baustelle von Samstag an, wenn die Strecke zwischen Reutlingen und Tübingen erneuert wird und nur ein Gleis befahrbar ist.

Nun möchte ich an dieser Stelle Dank sagen. Dem unbekannten Lokführer, der mit sausender Geschwindigkeit einmal, ein einziges Mal dem unerbittlichen Uhrzeiger ein Schnippchen geschlagen hat. Der automatischen Ansagestimme, die mit ihrer Prophezeiung, der Zug fahre um 17.42 Uhr ab, einmal, ein einziges Mal Recht behalten hat. Den Mitreisenden, die so zügig aus- und eingestiegen sind, dass die überpünktliche Abfahrt nicht in Gefahr geriet.

Und Bahnchef Grube persönlich, der bei all dem Ärger über Stuttgart 21, den allfälligen Verspätungen und Pannen wie ausgefallenen Klimaanlage in ICE-Zügen höchstwahrscheinlich schon vergessen hat, wie es sich anfühlt, wenn einmal, ein einziges Mal etwas perfekt funktioniert.

Danke, Bahn!

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09.08.2014, 12:00 Uhr

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