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„Da muss was passieren!“

Weil sie aus der Kreissporthalle müssen, machen sich Tübinger Sportvereine Sorgen

Das Flüchtlingsdrama erreicht jetzt auch Sportvereine in Tübingen. Weil die Kreissporthalle provisorische Unterkunft für Asylbewerber wird, müssen die dort trainierenden und spielenden Abteilungen und Klubs raus. Und machen sich jetzt teilweise gar Existenzsorgen. „Das ist alles nicht gemütlich“, sagt die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast.

29.08.2015
  • Tobias Zug

Tübingen. Die Koffer waren schon gepackt. Die Urlaubsfreude war groß. Bis der Anruf von der Stadt kam: Alle Gruppen der Abteilung müssen raus aus der Kreissporthalle. Kein Training sei dort mehr möglich, kein Wettbewerb, da in der Halle schon ab September Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht werden sollen. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt Silke Protschka, Abteilungsleiterin der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) der TSG Tübingen. Besorgte Eltern hätten ständig bei ihr angerufen, als die Nachricht vor drei Wochen im TAGBLATT erschien. Und nicht alle äußerten Verständnis für die Notlage der Flüchtlinge und der Stadt: „Die sehen eine Sportart in Tübingen sterben“, sagt Protschka.

Die Kreissporthalle ist so etwas wie die Heimat der TSG-Gymnastinnen. Fast täglich trainieren sie dort, immer zwischen vier und sechs Stunden. Insgesamt 116 Stunden in der Woche nutzen Tübinger Sportvereine die Halle im Stadtteil Derendingen, davon hat die RSG mit 42 den größten Anteil. Ein Problem der RSG ist auch: Nicht jede Halle ist für ihre Sportausübung geeignet. Mindestens acht Meter sollte die Höhe zwischen Boden und Dach betragen, um Bälle und Bänder in die Luft zu werfen. Zudem finanziert die TSG zwei hauptamtliche Trainer, die monatlich bezahlt werden müssen – egal, wie viele Übungsstunden diese abhalten. „Wenn wir weniger Trainingseinheiten haben, müssen wir den Eltern mit den Beiträgen wohl entgegenkommen“, sagt Protschka. Was weniger Einnahmen bei gleich bleibenden Kosten bedeutet.

Auch der Handballverein SG Tübingen und die Basketball-Abteilung des TV Derendingen, die Academics, sind besorgt. Beide trainierten in der Kreissporthalle, die SG trägt sogar ihre Heimspiele dort aus. SG-Trainer Axel Weichert äußert sich verständnisvoll über die Unterbringung der Asyl suchenden Menschen, dass auch sein Verein einen „Beitrag zur Willkommenskultur leisten will“. Aber: „Jetzt hängt alles an uns – das kann nicht sein, da muss was passieren!“ Eltern von Jugendspielern würden sich jetzt schon beschweren, die Stadt entziehe ihren Kindern die Möglichkeit, Sport zu treiben.

„Das ist alles nicht gemütlich“, sagt Christine Arbogast. Tübingens Erste Bürgermeisterin ist zuständig für den Sport in der Stadt. Die Hände ihrer Mitarbeiterin hatten schon ein gesünderes Dasein, denn sie telefoniere sich in den vergangenen Wochen „die Finger wund“, wie Arbogast sagt. Oft auch umsonst; denn viele Funktionäre der Sportvereine sind zurzeit im Urlaub und nicht erreichbar. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, um Lösungen zu finden“, sagt Arbogast.

Einige haben sie schon gefunden: Der Spielbetrieb, die Austragung von Heimspielen der betroffenen Vereine sei jedenfalls gesichert. Die Basketballer spielen ja sowieso in der Halle des Instituts für Sportwissenschaften. Die SG-Handballer spielen fortan teilweise in der Paul-Horn-Halle, teilweise in der WHO-Halle. Weichert sieht schon finanzielle Probleme zukommen, da die Paul-Horn-Halle im Normalfall erheblich mehr Miete kostet. Arbogast gibt da allerdings Entwarnung: „Das wird nicht auf Kosten der Vereine laufen.“

Was den Trainingsbetrieb betrifft, haben die betroffenen Vereine bisher jedoch nur einige wenige alternative Hallenzeiten angeboten bekommen. „Klar, dass in der Kürze der Zeit noch nicht alles organisiert ist“, sagt Arbogast. Acht von bisher 25 Trainingsstunden seien für die Derendinger Basketballer geregelt. Die SG-Handballer werden unter anderem in der kleinen Sporthalle am Philosophenweg trainieren. Die RSG weicht unter anderem in die Sporthalle der Geschwister-Scholl-Schule aus. Wie und wo die Abteilung all die in der Kreissporthalle gebunkerten Geräte mitschleppt und aufbewahrt, ist eine von vielen Fragen, für die Silke Protschka nach ihrer Rückkehr noch nach Antworten sucht. „Ich bin jetzt aber entspannter als vor dem Urlaub“, sagt sie.

Christine Arbogast macht die Situation auch zu schaffen. Dort die Not der Flüchtlinge, hier die Sorgen der Sportvereine. „In Notzeiten“, sagt sie, „müssen alle Kompromisse schließen!“ Und berichtet von einer E-Mail des TV Derendingen: In dieser äußerte er zwar seine Bedenken, erklärte aber sogleich Bereitschaft, sich für die Flüchtlinge zu engagieren, vielleicht ein Willkommens-Turnier zu organisieren. Das, sagt Arbogast, „hat mich sehr gefreut“.

Weil sie aus der Kreissporthalle müssen, machen sich Tübinger Sportvereine Sorgen
Müssen auch raus aus der Kreissporthalle: die Sportgymastinnen der TSG Tübingen (hier bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften 2013).Archivbild: Ulmer

Am 7. September will sich die Stadt mit den Sportvereins-Vertretern und dem Stadtverband für Sport in Tübingen treffen und über die Hallensituation nach der Kreissporthallen-Belegung diskutieren. Danach will die Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast sich auch mit den Leitern der betroffenen Schulen beraten. Aber selbst wenn für die Sommer- und Herbstmonate Hallenzeiten für alle gefunden werden: Arbogast weist jetzt schon darauf hin, dass es im Winter wieder eng werde. Denn da drängen auch die Freiluft-Sportler wie die Fußballer in die Hallen.

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29.08.2015, 12:00 Uhr

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