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Kommentar

Weinen auf höherem Niveau

„Im Kino gewesen. Geweint.“ So schreibt Franz Kafka 1913 in sein Tagebuch. Er schuf damit einen der frühesten Belege für männliche Tränen im Kino.

30.10.2012
  • Ulla Steuernagel

Auch Tony Soprano weint, wenn er die herzzerreißende Schluss-Szene von „Public Enemy“, einem Gangsterfilm des Jahres 1931, sieht: Während die alte Mutter ihrem verlorenen Sohn das Bett bereitet, kippt die feindliche Gang ihn mausetot und als Paket verschnürt vor die Tür. Zuschauer Soprano, Mafiaboss der gleichnamigen US-Serie, kann die Tränen kaum bändigen. Die Szene raubt ihm jede Distanz. Wie nah ist er selber diesem Paket, und wie sehr leidet er im Voraus mit der Mama! Identifikation ist ein ebenso einfaches wie wirksames Mittel zur gefühlsmäßigen Überwältigung des Zuschauers.

Großes Gefühlskino kann den Betrachter wie auf Knopfdruck treffen. Und es funktioniert nicht nur, wie viele annehmen, bei Frauen, sondern ebenfalls bei Männern. Warum auch nicht? Da allerdings nicht jeder Mann ein Kafka ist, haben Männer ihre Affekte früher eher mal verborgen. Mittlerweile outen sie sich ohne große Manschetten. Vielleicht verhalf ihnen unter anderem der Sport mit seinen emotionalen Lockerungsübungen dazu.

Heulen auf Fußballplätzen oder in Stadien ist schon länger keine Schande mehr. Es ist allerdings ein anderes Heulen als im Kino. Das Sportheulen ist eines, das aus übergroßer Anstrengung, aus Wut und Enttäuschung entsteht. Ein Aufjaulen eher, ein Kontrollverlust mitten im allerschönsten Zusammenreißen.

Der Kinozuschauer ist jedoch kein harter Kämpfer. Ohne jede Gegenwehr kann ihn die Rührung niederstrecken. Gerhard Schröder machte vor, wie das geht. Fußballerfilme à la „Das Wunder von Bern“ öffneten bei ihm die Schleusen. Man nahm es ihm biografisch ab, und es verschaffte ihm Tiefe.

Normalerweise hüllt das Kino die eigenen und die Tränen der anderen in ein gnädiges Dunkel. Niemand weiß also ganz genau, wie es um den Wasserstand in den Augen der Männer bestellt ist, wo gerungen wird und wo nicht. Vielleicht heulen Männer nicht gerade wie Schlosshunde – was Frauen durchaus können, wenn der Plot danach schreit. Vielleicht heulen sie auch weniger unter dem eigenen Niveau als Frauen. Selbst absoluter Kitsch kann Frauen mit entsprechender musikalischer Untermalung in Tränen schwimmen lassen. Viele Filme bedienen diese Gefühlstastatur so schamlos und routiniert, dass man sie anschließend nur dafür hassen kann. Denn Tränen zeugen vielleicht von den echten Gefühlen der Weinenden, aber keineswegs von der hohen Kunst ihrer Verursacher.

Noch weinen die Männer womöglich auf höherem Niveau, jedenfalls wenn man unserer kleinen Umfrage glaubt. Die Frauen, so sagte uns ein Mann, sollten im Kino mal lieber nicht so viel lachen – und zwar so, wie sie es allzu oft tun: an den falschen Stellen.

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30.10.2012, 12:00 Uhr

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