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Über Jahrzehnte war der „Unckel“ zentrale Anlaufstelle für Studenten

Weinstube mit legendärem Charme

Tübingen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Weinstube an der Wilhelmstraße ein „guter Ruf als bürgerliches Lokal“ nachgesagt. Friedrich „Fritz“ Unckel führte seine wohl um 1900 gegründete Wirtschaft mit viel persönlichem Einsatz und Charme. Professoren, Studenten und Ärzte der anliegenden Kliniken gingen bei ihm ein und aus. Mittags standen dampfende Teller mit einfachen Gerichten auf den rustikalen Tischen, abends schenkte Unckel Wein, Most und Branntwein aus. Bis zu den harten Jahren des Ersten Weltkriegs lief die Kneipe gut. Kurz nach dem Krieg, im Jahre 1922, entschied sich Unckel aber zum Verkauf.

27.04.2011
  • Eike Freese

Friedrich Harrer, ein einfacher Geschäftsmann aus Pfäffingen, erwarb die gut eingeführte Weinstube. Jetzt, nach dem Krieg, stieg auch wieder die Nachfrage bei den Tübingern nach gutem Wein und Most: „Die Bedürfnisfrage“, so steht es in den Akten, „kann uneingeschränkt bejaht werden“. Harrer konnte mit dem Ausschank beginnen, fügte Bier zu seinem Getränkeangebot hinzu. „Die Tübinger sind Weinbauern“, schrieb der Pfäffinger. „Sie sehnen sich nach Abwechslung.“ Harrer stand sechs Jahre lang selbst hinter der Theke. Im Jahre 1928 entschied er sich dafür, die Wirtschaft zu verpachten. Und damit fingen die Probleme an.

Der neue Wirt, Paul Nonnenmann aus Hirschau, war ein rechtes Raubein und trank auch gerne mal einen über den Durst. In den nächsten Jahren mehrten sich die Auffälligkeiten rund um die traditionsreiche Weinstube. Ob verbotenes Glücksspiel, Übertretung der Polizeistunde, unsaubere Toiletten oder das „überaus laute Grammophon“, das abends aus dem „Unckel“ drang: Nonnenmann machte sich bei Anwohnern und Behörden nicht gerade beliebt. „Dem Trunke ergeben“ und „mehrfach vorbestraft“ wurde er in den Folgejahren zum guten Bekannten der örtlichen Polizeibeamten. Er ließ seine Tochter für sich arbeiten und schlief selbst mangels eigener Wohnung in den Räumlichkeiten der Weinstube. Der gute Ruf des „Unckel“ stand auf dem Spiel.

Rückkauf und späte Blüte

Fritz Unckel, dem ursprünglichen Eigentümer, gefiel das gar nicht. 1932 kaufte er sich die Weinstube für 42200 Reichsmark zurück. Bis zu seinem Tod im Jahre 1953 führte nun er das Regiment hinter dem Tresen. Fritz Unckel war es auch, der seine Enkelin Rosa in das Geschäft einführte. Als nach dem Krieg wieder trinkfreudiges Volk in der Gaststube lärmte, wird es von der damals 34-Jährigen bedient.

Mit Rosa stand von nun an eine Tübinger Legende an den Zapfhähnen. Sie galt schon bald als Integrationsfigur für Neu-Tübinger, als gute Seele der Wilhelmsstraße und Ersatz-Mama für die zahlreichen Studenten, die bei ihr ein- und ausgingen.
Bis zu ihrem Ruhestand im Jahre 1992 fehlte Rosa Unckel keinen einzigen Tag in der Weinstube. Jahrzehntelang brachte die gebürtige Hohenloherin ihre berühmten Bratkartoffeln unter die Studenten.

Als mit der Mensa in der Wilhelmsstraße eine starke Konkurrenz ihre Pforten öffnete, tat das der Beliebtheit des Unckel keinen Abbruch. Abends und am Wochenende war es immer noch die erste Adresse für Studenten und Dozenten. Die Gemütlichkeit und Ursprünglichkeit der Weinstube war legendär – und Rosa achtete darauf, dass das so blieb. Musik-Beschallung gab es im Unckel unter ihrer Ägide nicht. Die Bratkartoffeln schmeckten auch so.

Pizza statt Bratkartoffeln

Als sich Rosa Unckel 78-jährig aus dem Geschäft zurückzog und wenig später verstarb, stand der „Unckel“ mehrere Jahre leer. Heute hat er sich als Studenten-Kneipe mit preiswerten italienischen Gerichten an der Wilhelmsstraße etabliert. Seit zwei Jahren führen Alessandro Pricci und sein Vater Francesco Tosto das Lokal. Einzige Auflage vom Besitzer: Der Name „Unckel“ muss beibehalten werden. „Für uns ist das kein Problem“, so Pricci. „Der Name ,Unckel’ hat in Tübingen einen sehr guten Klang.“

Die neuen Pächter haben den „Unckel“ modernisiert und restauriert. Die Studenten sind zwar als Zielgruppe geblieben, ansonsten hat sich aber einiges geändert. Ein Punkkonzert etwa, wie der „Unckel“ es vor einigen Monaten erlebt hat, wäre unter Rosa Unckel nicht möglich gewesen. Aber die Fassade mit den bröckelnden Lettern „Weinstube von Fritz Unckel“ erinnert noch an die bewegte Vergangenheit.

Weinstube mit legendärem Charme
Die legendäre Wirtin Rosa Unckel.

Weinstube mit legendärem Charme
Die „Weinstube Barth“ (hier um 1900) war der Vorgänger der heutigen Studentenkneipe „Unckel“ im Haus an der Wilhelmstraße 17.

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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