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Für Ägypten und Russland steht viel auf dem Spiel

Weiter keine klaren Aussagen über die Ursache des Flugzeugabsturzes

Mehr als eine Woche nach dem Absturz einer russischen Passagiermaschine in Ägypten gibt es weiter keine klaren Aussagen über die Ursache.

09.11.2015
  • MARTIN GEHLEN

Ägyptens Chefermittler Ayman El-Muqaddam wollte am Samstag das Wort Bombe gar nicht erst in den Mund nehmen und sprach stattdessen von "einem gewissen Szenario". Drei Rückfragen von Journalisten ließ er zu. Nach sieben Minuten stürmte er aus dem Pressesaal mit den Worten, draußen würden Mitarbeiter auf ihn warten.

Neue Erkenntnisse zur Absturzursache jedoch hatte er nicht dabei. Nur soviel ließ El-Muqaddam in seiner verlesenen Erklärung durchblicken: Auf dem Stimmenrekorder gebe es in der letzten Sekunde ein ungewöhnliches Geräusch, dessen Charakteristika noch analysiert werden müssten. Und so werden die Spekulationen um eine Bombe des "Islamischen Staates" an Bord von Metrojet 9268 weitergehen, während 80 000 europäische und russische Feriengäste aus Sharm el-Sheikh ausgeflogen werden.

Für alle Seiten steht enorm viel auf dem Spiel. Für Russlands Wladimir Putin wäre eine IS-Bombe eine überraschend prompte, blutige Antwort der Gotteskrieger auf seinen Luftkrieg in Syrien, der auch nach fünf Wochen keine nennenswerten Erfolge zu verzeichnen hat.

Sollte der Sprengsatz in Sharm el-Sheikh an Bord geschmuggelt worden sein, kann Putins Kritik an Kairo jedoch nicht zu laut ausfallen. Schließlich ist Ägyptens Machthaber Abdel Fattah al-Sisi seit dem Umsturz im Sommer 2013 neben Syriens Baschar al-Assad zum engsten Verbündeten des Kremls im Nahen Osten aufgestiegen. Um dennoch Entschiedenheit zu demonstrieren, könnte Putin seinen Krieg in Syrien eskalieren - deutlich mehr Luftangriffe gegen den IS anordnen und am Boden stärker als bisher in den Bürgerkrieg eingreifen.

Für Ägyptens starken Mann Al-Sisi wäre eine IS-Terrortat auf ägyptischem Territorium eine ökonomische und politische Katastrophe, die auch der eigenen Macht gefährlich werden könnte. Der Ex-Feldmarschall war vor zwei Jahren angetreten mit dem Versprechen, den Terrorismus in Ägypten auszurotten, und stilisierte sich dabei zum globalen Vorkämpfer gegen islamische Extremisten.

In Wirklichkeit ist die Zahl der Anschläge auf dem Sinai, aber auch im Niltal seither permanent gestiegen. "Sisis Strategie gegen den Terrorismus ist ein Bilderbuch-Fall, wie man es nicht machen sollte", urteilte Daniel Byman, Anti-Terror-Experte der renommierten Brookings Institution in Washington. Aber auch andere Probleme wachsen dem ägyptischen Präsidenten über den Kopf. Die Devisenreserven sind alarmierend knapp geworden, weil die bisherigen Gönner am Golf seit März nicht mehr nachlegen. Die Inflation ist hoch, die Wirtschaft stagniert und obendrein droht nun der Zusammenbruch des Tourismus.

Mit der Evakuierung der russischen und britischen Urlauber aus Sharm el-Sheikh könnte die Ferienbranche am Roten Meer 70 Prozent ihrer Kunden verlieren. Im letzten Jahr reisten drei Millionen Russen zum Baden, Schnorcheln und Tauchen an, aus Großbritannien kamen eine Million Feriengäste. 1,5 Millionen Ägypter waren bisher in dieser Branche beschäftigt, die jetzt zu Zehntausenden ihre Arbeit verlieren könnten.

Mit einer an Bord geschmuggelten Bombe dagegen hätte der "Islamische Staat" ein apokalyptisches Signal gesetzt - für die arabische Region und für die zivile Luftfahrt. In mitgehörten Telefonaten brüsteten sich Dschihadisten auf dem Sinai gegenüber der IS-Führung im syrischen Raqqa, sie hätten den Ferienflieger vom Himmel geholt. Stimmt das, richtet sich der IS-Terror in Ägypten nun erstmals auch gegen ausländische Touristen, nicht mehr allein gegen Polizisten, Soldaten oder Mitglieder der Justiz. Weitere schwere Attentate könnten folgen, erst im Juni wurde ein Massaker an Besuchern des Karnak-Tempels in Luxor in letzter Minute vereitelt.

Weiter keine klaren Aussagen über die Ursache des Flugzeugabsturzes
Stürmische Begrüßung einer heimkehrenden Ägypten-Urlauberin in Moskau: Russland und Großbritannien fliegen Touristen aus Sharm-el-Sheikh zurück. Foto: afp

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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