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Sammelunterkunft im Bürogebäude

Weitere 160 Flüchtlinge aufs ehemalige DHL-Gelände

Auf und neben dem ehemaligen DHL-Areal werden bald 400 Flüchtlinge leben. Das Landratsamt lässt das Büro-Hochhaus zur Unterkunft umbauen und sucht nach Betreuungspersonal. Wahrscheinlich wird man auch einen privaten Sicherheitsdienst anheuern.

28.07.2015
  • Michael Hahn

Rottenburg. Schon jetzt leben fast 200 Flüchtlinge auf und neben der Gewerbebrache an der Osttangente, verteilt auf drei Gebäude: ein Containerbau, ein ehemaliges Büro- und Wohnhaus und – auf der anderen Seite der Bahnlinie – das ehemalige Telekom-Gebäude an der Tübinger Straße. Weitere kleinere Unterkünfte sind übers ganze Stadtgebiet verteilt, auch in den Stadtteilen.

Weitere 160 Flüchtlinge aufs ehemalige DHL-Gelände
Auf dem ehemaligen DHL-Gelände an der Osttangente (sie führt oben quer durchs Bild) sind derzeit etwa 130 Flüchtlinge unter gebracht; weitere 68 Flüchtlinge leben im ehemaligen Telekomgebäude an der Tübinger Straße (parallel zum Neckar). Nun soll auch das würfelförmige Büro-Hochhaus zur Asyl-Unterkunft umgebaut werden. Im Atriumgebäude nebenan verteilt die Post weiterhin ihre Briefe für den Raum Rottenburg, deswegen die vielen gelben Autos. Der größte Teil des DHL-Geländes (also die zwei großen Hallen, einige Nebengebäude und die Parkplätze) wird derzeit freigeräumt (unser Luftbild stammt von Ende Juni). Die Stadt Rottenburg will die Freifläche dann an einen Investor weiter verkaufen, der dort in autoverkehrsgünstiger Lage ein Fachmarkt-Zentrum errichten könnte. Ob es dazu kommt, ist allerdings unklar.

Weil jedoch auch im Landkreis Tübingen immer mehr Flüchtlinge ankommen, will das Landratsamt jetzt zusätzlich das frühere DHL-Bürogebäude anmieten und zur Unterkunft umbauen lassen – für weitere 160 Flüchtlinge (wir berichteten). Die Landkreise sind zuständig für die Flüchtlings-Unterbringung.

Das gesamte ehemalige DHL-Gelände gehört der Stadt Rottenburg. Schon vor zwei Monaten hatte Oberbürgermeister Stephan Neher dem Landkreis auch das dortige Büro-Hochhaus als Flüchtlings-Unterkunft angeboten. Doch damals lehnte das Landratsamt noch ab: Man wollte die Büros lieber als Ausweichstandort für die Berufliche Schule nutzen.

Mittlerweile sind die Flüchtlingszahlen jedoch weiter gestiegen, und deswegen kam Landrat Joachim Walter nun doch auf Nehers Angebot zurück. Der Kreistag stimmte in der vergangenen Woche zu. Eine erste Begehung hat bereits stattgefunden. Nun müsse die Kreisverwaltung klären, welche Umbauten notwendig sind, sagte Pressesprecherin Martina Guizetti auf Nachfrage. „Wir sind fieberhaft dran.“

Klären müsse man unter anderem, wie viele Aufenthalts- und Sozialräume notwendig sind, und ob die Büro-Toiletten überhaupt für 160 Bewohner ausreichen. Extra Waschräume werde man wohl nicht einbauen, sondern dafür „Duschcontainer“ aufstellen. Doch derzeit wisse die Verwaltung noch nicht einmal, wie lang die Lieferzeiten dafür sind.

Und schließlich muss das Landratsamt bei der Rottenburger Bauverwaltung eine Nutzungsänderung für das ehemalige Bürogebäude beantragen. Aus welchen Ländern die zusätzlichen Rottenburger Flüchtlinge kommen werden, und ob es sich eher um Alleinstehende oder um Familien handeln wird, lässt sich noch nicht sagen.

Für die neuen Flüchtlingsunterkünfte will der Landkreis kurzfristig zwölf neue Stellen schaffen, unter anderem für Sozialarbeiter und Hausmeister. Sie sollen noch in dieser Woche ausgeschrieben werden. Wie viele davon auf dem DHL-Gelände eingesetzt werden, ist noch unklar, sagt Pressesprecherin Guizetti.

Außerdem wird der Landkreis wohl erstmals einen privaten Sicherheitsdienst anheuern – und zwar rund um die Uhr. Das war jedenfalls die Bedingung von OB Neher für die Vermietung des Hochhauses: „Wenn so viele Menschen auf engem Raum leben, dann kann es auch Probleme geben.“

Weitere 160 Flüchtlinge aufs ehemalige DHL-Gelände
Rottenburger Willkommenskultur: Durch diese Bahnunterführung führt der direkte Fußweg vom DHL-Gelände in die Stadt.

Die Security-Leute sollen auch Gefahren von außen im Auge behalten. „Das geht in beide Richtungen“, sagte Neher. Für einen Anschlag auf Flüchtlinge reiche schließlich „ein Verrückter“. Die Unterbringung auf der Gewerbebrache sei sicher nicht optimal, sagt Neher, aber immer noch besser „als in Zelten oder in Turnhallen“.

Zur sozialen Betreuung gehören auch die Sprachkurse, die allerdings nicht der Landkreis, sondern die Rottenburger Volkshochschule anbietet. Susanne Anane koordiniert die Kurse. Erst vor kurzem hat sie einen fünften Anfängerkurs (mit 20 Plätzen) gestartet.

Und nun soll sie weitere 160 Flüchtlinge versorgen? „Das sprengt alles“, sagt Anane. Schon jetzt seien alle Räume belegt, und die Dozent(inn)en und ehrenamtlichen Tutor(inn)en seien voll ausgelastet. Kurzfristig sieht Anane nur eine Möglichkeit: „Wir halbieren.“ Dann bekämen die Flüchtlinge nur noch an zwei Tagen jeweils zwei Stunden Deutsch-Unterricht (bisher sind es vier Tage in der Woche).

Bei der evangelischen Kirchengemeinde ist Pfarrerin Regina Fetzer für die Asylarbeit zuständig. Dort kommen regelmäßig etwa 30 Ehrenamtliche zum „Freundeskreis-Treffen“, darunter auch einige Katholiken. Aber, sagt Fetzer: „Wir hatten noch nie genug Ehrenamtliche.“ Die Sammelunterkunft am Stadtrand sei für viele Rottenburger eben „aus dem Blick“.

Fetzer hat beobachtet: „Das ist auf den Dörfern teilweise anders. Da kümmern sich auch mal 60 Leute um 30 Flüchtlinge.“ Trotzdem hat die Pfarrerin nichts gegen die 160 zusätzlichen Plätze auf dem DHL-Gelände. „Wir haben nun mal eine Notsituation.“

Die Rottenburger Stadtverwaltung werde „zeitnah“ einen neuen „Runden Tisch“ einberufen, sagt OB Neher. Diese große Runde aus haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlings-Helfer(inne)n hat bisher zwei Mal im Rathaus getagt.

Die Sozialbetreuung der Flüchtlinge ist zwar eigentlich Aufgabe des Landkreises. Aber auch der OB weiß: „Wir müssen nachsteuern.“ Beispielsweise werde die Stadt nun früher als geplant eine Aufwandsentschädigung für ehrenamtliche Dolmetscher einführen. Und wenn die Volkshochschule zusätzliche Kurs-Räume brauche, „dann werden wir darüber reden“. Neher: „Das ist mir das Wichtigste: Dass jeder, der will, auch einen Deutschkurs besuchen kann.“

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28.07.2015, 12:00 Uhr

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