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Der kleinste Hilfsarbeiter war Geschäftsführer

Weitere Verurteilung für die Freudenstädter Teppichhändlerbande

Von März bis Juni 2012 haben vier Kumpane einen Teppichhandel in Freudenstadt betrieben und in dieser Zeit viel kassiert aber nichts geliefert. Zwei Haupttäter wurden vom Amtsgericht Freudenstadt vor einigen Monaten schon verurteilt. Nun stand einer vor dem Schöffengericht, der angeblich gar nicht mitgekriegt hatte, dass er Geschäftsführer des Schwindelladens war.

25.07.2015
  • Hans-Peter Zepf

Freudenstadt. Der jetzt Beschuldigte hatte 2011 seinen guten Job bei einem Autobauer verloren, weil er fast gar keine deutschen Sprachkenntnisse besaß. Da kam er über eine Freundin in Kontakt mit zwei branchenerfahrenen Landsleuten, die meinten, er sei genau der Mann, den sie brauchten, um in Freudenstadt einen Teppichhandel aufzubauen. Ihm wurde ein Zimmer in den Räumen der Teppichhandlung eingerichtet, er erhielt Vollverpflegung und einen sehr bescheidenen Lohn. Im Geschäft hatte er nur Handlangerdienste zu leisten. Und zwei Unterschriften unter Dokumente, die er angeblich nicht verstand. Das eine war eine Gewerbeanmeldung, das andere eine Kontoeröffnung. Damit war er Geschäftsführer des Ladens.

Der Teppichhandel bestellte zunächst eine Ladeneinrichtung, die nie bezahlt wurde, und machte dann massiv Zeitungswerbung im Wert von 44 000 Euro innerhalb von sechs Wochen, eine Rechnung, die selbstredend auch nicht bezahlt wurde. In der Folge kamen natürlich auch Kunden, allerdings kaum solche, die kaufen, sondern nur verkaufen wollten.

Fünf Geschädigte sind aktenkundig, die jeweils Orientteppiche im Wert von mehreren Tausend Euro verkaufen wollten. Die Teppiche wurden in Kommission genommen und eine Reinigung und Reparatur vereinbart. Die Kosten dafür in Höhe von 1800 bis über 5000 Euro wurden von allen Kunden vorab bezahlt. Die Geschäfte machten die branchenerfahrenen Kumpels, während der „Geschäftsführer“ maximal Kaffee kochte. So ab Anfang Juni wurden sie lästig, der Möbelhändler, der Zeitungsverlag und die Teppichverkäufer, weil alle zugleich meinten, es sei an der Zeit, dass Geld flösse. Da wurde der Laden zugesperrt und die Teppichhändler verschwanden.

Aber sie wurden gefunden, in Karlsruhe, und zur allgemeinen Überraschung auch die fehlenden Teppiche. Diese wurden den Geschädigten zurückgegeben und die beiden Rädelsführer standen bereits im letzten Dezember vor dem Freudenstädter Schöffengericht. Eine Haftstrafe schien ihnen sicher, da entschädigte die mitgebrachte zahlungskräftige Verwandtschaft alle Gläubiger mitten im Gerichtssaal in bar und vollständig. Da damit der gesamte Schaden wiedergutgemacht war, kamen die beiden Angeklagten ganz knapp zu einer Strafaussetzung zur Bewährung.

Der „Geschäftsführer“, der nunmehr in einem abgetrennten Verfahren vor dem Schöffengericht stand, verstand nach eigenem Bekunden noch immer kein deutsches Wort und kommunizierte demnach ausschließlich über Dolmetscherin. Es sollte alles so aussehen, als hätte er überhaupt nicht gewusst, was gespielt wurde, nicht gemerkt, dass die Gewerbeanmeldung über ihn lief, und sei über die Finanzgeschäfte nicht informiert gewesen, kurzum eigentlich völlig unschuldig. Dies kaufte ihm so Richter Axel Benz zwar nicht ab, aber es stand doch außer Zweifel, dass er in dem Spiel in erster Linie die Rolle des Strohmanns hatte.

Seine Strafe sollte deshalb jedenfalls geringer ausfallen als die der beiden anderen. Ein Jahr und drei Monate auf Bewährung empfanden alle Beteiligten schließlich als das gerechte Strafmaß. Auf weitere Auflagen, finanziell oder soziale Arbeit, wurde verzichtet, da der Angeklagte weiterhin nur ein prekäres Einkommen bezieht, außer für Schwarzfahren nicht vorbestraft ist, Alimente für eine Tochter zu berappen und außerdem noch einen 1800-Euro-Kredit abzustottern hat, von dem er auch nicht weiß, wie und wofür er zu dem gekommen ist.

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25.07.2015, 12:00 Uhr

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